Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Jürgen Martschukat

Hegemoniale Identitätspolitik als "entscheidende Politikform" in den USA. Eine Geschichte der Gegenwart

Identitätspolitik historisieren – I

Folgt man der klassischen Erzählung, in die sich auch Mark Lilla mit seiner Kritik an der Demokratischen Partei und ihren politischen Prioritäten einschreibt, so ist Identitätspolitik eine Erfindung der sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre. Im April 1977 haben afroamerikanische lesbische Feministinnen des Combahee River Collective das Konzept der Identitätspolitik dann explizit in die politischen Auseinandersetzungen eingeführt. Identitätspolitik sei, wie sie in ihrem Manifest schreiben, das beste Mittel, um gegen "rassische, sexuelle, heterosexuelle und Klassenunterdrückung" und deren vielfache Überlagerungen anzukämpfen.[12] Afroamerikanische Frauen seien einem Konglomerat verschiedener Unterdrückungserfahrungen ausgesetzt, würden etwa innerhalb der weiß dominierten Frauenbewegung als schwarz marginalisiert und innerhalb der männlich dominierten afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung als weiblich. Infolgedessen seien sie politisch weitgehend unsichtbar, ihre spezifischen Interessen ließen sich – wenn überhaupt – nur in unzureichendem Maße auf die gesellschaftliche und politische Agenda setzen. Um dem zu begegnen, bedürfe es einer Form der Politik, die sich konsequent aus der eigenen Identität speise. Gut zehn Jahre darauf hat die Rechtwissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw für die komplexen, sich kreuzenden, überlagernden und wechselseitig beeinflussenden Wirkungsweisen verschiedener Identitätsmarkierungen den Begriff der Intersektionalität geprägt.[13]

Die Geschichte der Identitätspolitik so zu erzählen, ist gewiss nicht falsch. Identitätspolitik wird dabei als Erfindung und Instrument derjenigen beschrieben, die sich "auf der Seite der Schwächeren wiederfinden" und die nun endlich das historische Gleichheitsversprechen eingelöst haben wollen.[14] Außerdem präsentiert diese Art der Erzählung afroamerikanische Frauen nicht als passive Opfer der Geschichte, sondern stellt deren aktives Engagement im Kampf gegen ihre gesellschaftliche und politische Marginalisierung heraus. Versucht man historisch zu verstehen, welche Bedeutung Identitätspolitik in den aktuellen Konflikten westlicher Demokratien und insbesondere in den USA hat, so erzeugt diese Erzählung jedoch ein verzerrtes Bild, das größerer Tiefenschärfe bedarf. Dafür gilt es, der Geschichte hegemonialer Identitätspolitik auf die Spur zu kommen.

Identitätspolitik historisieren – II

Bereits seit dem Zeitalter der atlantischen Revolutionen waren die Machtverhältnisse der neuen, sich als freiheitlich und egalitär generierenden Gesellschaften identitär geprägt, auch wenn sich ein entsprechendes analytisches Verständnis erst im späten 20. Jahrhundert herausbilden sollte. Männlich, weiß sowie straight und in aller Regel protestantisch zu sein, waren die Voraussetzungen dafür, einen Platz im politischen und gesellschaftlichen Zentrum beanspruchen zu können. Die entsprechende Gesellschaftsordnung nahm für sich gern ein hohes Maß an Selbstverständlichkeit in Anspruch, auch wenn wir heute wissen, dass diese Selbstverständlichkeit ein Effekt sich allmählich verfestigender, "sedimentierender" Diskurse und Praktiken ist und damit eben alles andere als selbstverständlich.[15] So avancierte der "weiße Mann" zum angeblich generischen politischen Wesen, dessen Hegemonie keiner Erklärung zu bedürfen schien, da sie angeblich der Natur der Dinge entsprang und damit als vorpolitisch galt. Erklären mussten "die Anderen", wenn sie politisch partizipieren wollten und Ansprüche formulierten. Insofern lassen sich Weiß- und Männlichsein auch als unmarkierte Kategorien bezeichnen, da sie als Standard galten und sie als solche und in ihrer historischen Gewordenheit lange unhinterfragt blieben. Erst seit den 1990er Jahren haben die interdisziplinären Weißseins-, Männlichkeits- oder Heterosexualitätsstudien damit begonnen, auch hegemoniale gesellschaftliche Identifizierungen, Positionen und Privilegien und deren historische Genese zu untersuchen.[16]

Fußnoten

12.
Combahee River Collective Statement, April 1977, https://americanstudies.yale.edu/sites/default/files/files/Keyword%20Coalition_Readings.pdf«.
13.
Vgl. Kimberlé Crenshaw, Mapping the Margins. Intersectionality, Identity Politics, and Violence Against Women of Color, in: Stanford Law Review 43/1991, S. 1241–1299.
14.
Vgl. Patricia Purtschert, It’s #identity politics, stupid!, 22.1.2017, https://geschichtedergegenwart.ch/its-identity-politics-stupid«.
15.
Vgl. Judith Butler, Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Berlin 1995, S. 32.
16.
Vgl. Daniel Wickberg, Heterosexual, White, Male. Some Recent Inversions in American Cultural History, in: Journal of American History 92/2005, S. 136–159.
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