Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Jürgen Martschukat

Hegemoniale Identitätspolitik als "entscheidende Politikform" in den USA. Eine Geschichte der Gegenwart

Identitätspolitik historisieren – III

Dies bedeutet aber nicht, dass Weißsein oder Männlichsein als Faktoren politischer und gesellschaftlicher Ordnungsbildung in der Geschichte durchgängig unmarkiert gewesen wären. Schon im Gründungsmoment der neuen amerikanischen Republik waren sie Gegenstand der Diskussion über die Verteilung politischer Macht in der neuen Gesellschaft, die es zu formen galt. Exemplarisch sei ein Briefwechsel zwischen Abigail und John Adams herangezogen. Aus Boston schreibend, ermahnte Abigail im April 1776 ihren Ehemann John, der in Philadelphia mit anderen weißen Gründervätern zusammensaß und über die Unabhängigkeit und Zukunft eines möglichen amerikanischen Staates diskutierte, er möge die Frauen nicht vergessen, wenn er eine neue politische und rechtliche Ordnung für ein dann unabhängiges Amerika schaffe. "Our Struggle", antwortete John Adams daraufhin, habe schon Ungehörigkeiten von Kindern und Lehrjungen ausgelöst, Aufmüpfigkeiten von Indigenen und Anmaßungen von schwarzen Sklavinnen und Sklaven gegenüber ihren "Masters". Und jetzt habe er auch noch zum Ausdruck der Unzufriedenheit unter weißen Frauen geführt. In John Adams’ Augen war der einzig legitime Kampf um Unabhängigkeit derjenige der weißen (erwachsenen) Männer, und das neue politische System, so betonte er weiter, müsse männlich sein und bleiben. Alles andere sei lächerlich. Der Briefwechsel enthält zahlreiche Facetten identitätspolitischer Machtkonflikte, wie wir sie bis heute kennen: die Kritik von Seiten politisch Marginalisierter; die ausdrückliche Ausgrenzung all derjenigen von legitimer politischer Teilhabe, die keine weißen Männer sind; ergänzt durch einen Verweis auf Männlichkeit als Grundvoraussetzung politischer Partizipation, die dabei zugleich als über jeden Zweifel erhabener Standard behauptet wird (und deshalb eigentlich gar keiner Erwähnung bedürfe).[17]

In den folgenden zwei Jahrhunderten wurden Weißsein und andere Marker hegemonialer Identität immer wieder bewusst aktiviert, um eine spezifische gesellschaftliche und politische Machtordnung zu begründen. Vor allem in Zeiten der – wirklichen oder geglaubten – Gefährdung bestehender gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse zielten hegemoniale Identitätspolitiken offensiv darauf ab, diese Kräfteverhältnisse zu konservieren oder zu restaurieren. Beispielsweise ist der Ku-Klux-Klan nach dem Ende der Sklaverei als militant-politische Bastion weißer Männlichkeit gegründet worden, als diese ihre Hegemonie durch die Emanzipation schwarzer Sklavinnen und Sklaven gefährdet sah. Als Bastion weißer protestantischer Vorherrschaft wurde der Klan auch im Verlauf des 20. Jahrhunderts mehrfach mobilisiert. Der Klan war dabei mehr als eine gewaltbereite klandestine Organisation, denn sein Kampf für die Herrschaft des Weißseins wirkte offen in den gesellschaftlichen Alltag und bis in die Spitzen der Politik hinein.[18] Überhaupt ist die gesamte Segregation als eine Form der Politik zu lesen, die das Weißsein mobilisiert, um daraus politische und gesellschaftliche Hegemonie abzuleiten. Das passing, also der Versuch, die Ordnung rassistischer Privilegierung zu unterwandern und als weiß durchzugehen, um beispielsweise einen besseren Job zu bekommen, wäre im Gegensatz dazu als eine Identitätspolitik eigener Nicht-Sichtbarmachung zu deuten.[19]

Auch hat der White Anglo-Saxon Protestant (WASP), um hier noch ein weiteres Beispiel anzuführen, als Kernfigur angeblich generischen Amerikanischseins erst im späten 19. Jahrhundert seine schärfste Gestalt angenommen, als ein angelsächsischer Nativismus um sich griff. Dessen Kontext war eine ebenso ausgeprägte wie diffuse weiße, protestantische Angst vor ethnischen und religiösen Verschiebungen innerhalb der US-Bevölkerung infolge ansteigender süd- und osteuropäischer, jüdischer und katholischer Einwanderung. Zwar baute man damals keine Grenzmauer, führte aber verschiedene Grenzkontrollen ein und erließ letztlich ein Einwanderungsgesetz, das ausdrücklich eine anhaltende Dominanz des Weißseins sowie des Protestantismus in den USA gewährleisten sollte.[20]

Fußnoten

17.
Brief von Abigail Adams an John Adams, 31. März 1776, sowie Brief von John Adams an Abigail Adams, 14. April 1776, http://www.masshist.org/digitaladams/archive/browse/letters_1774_1777.php«.
18.
Vgl. Linda Gordon, The Second Coming of the KKK: The Ku Klux Klan of the 1920s and the American Political Tradition, New York 2017; Kristoff Kerl, Männlichkeit und moderner Antisemitismus. Eine Genealogie des Leo Frank-Case, 1860er–1920er Jahre, Köln 2017.
19.
Vgl. Allyson Hobbs, A Chosen Exile. A History of Racial Passing in American Life, Cambridge MA 2014.
20.
Vgl. David Roediger, Working Toward Whiteness. How America’s Immigrants Became White. The Strange Journey from Ellis Island to the Suburbs, New York 2005.
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