Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Jürgen Martschukat

Hegemoniale Identitätspolitik als "entscheidende Politikform" in den USA. Eine Geschichte der Gegenwart

Identitätspolitik historisieren – IV

An dieser Stelle ist zunächst festzuhalten, dass die sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre innerhalb einer gesellschaftlichen und politischen Konfiguration agierten, die zwei Jahrhunderte lang Macht und Teilhabe über Identitätskategorien reguliert hatte. Mit dem Instrument der Identitätspolitik größere Gleichheit erreichen und die weiße, männliche, heterosexuelle Hegemonie aufbrechen zu wollen, war insofern nur folgerichtig. Zugleich kann nur wenig überraschen, dass ein weißer, männlicher, heteronormativer Backlash gegen die sozialen Bewegungen nicht lange auf sich warten ließ.[21] Was schon 1968 unter Präsident Richard Nixon begonnen hatte, nämlich das Bemühen um die Restauration weißer, christlicher, kernfamilienorientierter Amerikaner im gesellschaftlichen Zentrum, sollte dann im Zeitalter Ronald Reagans zu voller Blüte gelangen. Denn die 1980er Jahre waren nicht nur durch die Entfaltung postmoderner, pluraler, flüchtiger, flexibler Gesellschaften ohne festes Zentrum geprägt,[22] sondern auch durch ein zunehmend reaktionäres Streben nach politischer wie identitärer Stabilität und Statik. Reaktionär zu sein, bedeutet hier, eine politische Vision zu haben, die sich aus der Vergangenheit speist, aber eben auf die Zukunft richtet. [23] Die Erfolge der sozialen Bewegungen wurden als Ursache eines gesellschaftlichen Verfalls der USA präsentiert, dem es eine weiß, heteronormativ wie christlich-konservativ re-zentrierte Vision des Landes entgegenzustellen gelte. Bald sahen sich reaktionäre Kräfte in einen Kulturkampf mit linksliberalen Progressiven verwickelt und um "die Seele des wahren Amerika" ringen, so der Politiker Patrick Buchanan 1992.[24] Und während ausgangs des 20. Jahrhunderts einige progressiv-liberale Positionen kritisch fragten, ob man das Konzept der Identität nicht endlich hinter sich lassen solle, weil es die Unterscheidung zwischen "uns" und "den Anderen" erst hervorgebracht habe, strebten reaktionäre Positionen eine identitäre Stabilisierung des gesellschaftlichen Zentrums als politisches Ziel an.[25]

"Make America white again"

Im 21. Jahrhundert hat eine Reihe weiterer Erfahrungen diese hegemoniale Identitätspolitik zusätzlich befeuert. Zunächst ist da das diffuse Gefühl vor allem (aber nicht nur) der weißen Arbeiterklasse, zu den großen Verlierern von Globalisierung und flexiblem Kapitalismus zu gehören. Dabei wissen wir, dass der "toxische Politikmix"[26] aus weniger Sozialstaat und mehr Strafen vor allem für die afroamerikanische Community katastrophale Folgen hat. Weiterhin hat der 11. September 2001 für zusätzliche Skepsis und Angst vor all den Menschen gesorgt, die nicht sofort als weiß und christlich erkennbar scheinen. Dies hat dazu beigetragen, dass die entsprechenden identitätspolitischen Stimmen in zunehmendem Maße von einem ethnonationalen Grundton getragen sind, wenn sie von amerikanischer Größe sprechen. Hierzulande nimmt dieser Grundton gern eine völkische Prägung an.

Für die womöglich größte Irritation sorgten jedoch die Wahl Barack Obamas und damit der Einzug der ersten schwarzen Familie ins Weiße Haus. Obamas Wahl 2008 schien wie der politische und symbolische Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung und damit einer pluralistischen Identitätspolitik,[27] doch zugleich bedeutete sie eine neuerliche Dynamisierung des weißen Backlashes. Konservative Gruppen "zorniger weißer Männer"[28] riefen dazu auf, "sich das Land zurückzuholen", also einen als ursprünglich und rechtmäßig erachteten Zustand weißer Hegemonie wiederherzustellen. Die Nähe zur Rhetorik der AfD ist frappierend. Die anhaltend, vor allem auch von Donald Trump kolportierte Behauptung, Obama sei nicht in den USA geboren und/oder ein Moslem, verdeutlicht auch, wie stark das Echo des 11. Septembers in der heutigen hegemonialen Identitätspolitik nachhallt. Es scheint tatsächlich ein vorrangiges politisches Ziel der Trump-Präsidentschaft zu sein, die Spuren seines Vorgängers aus der Geschichte auszuradieren. "Make America Great Again" heißt nicht nur, nach innen wie nach außen aggressiv aufzutreten, ohne Rücksicht und immer den scheinbaren Vorteil Amerikas im Auge habend. "Make America Great Again" ist auch als Aufforderung und als Versprechen zu verstehen, offensiv hegemoniale Identitätspolitik zu betreiben und vor allem die Hegemonie des Weißseins wiederherzustellen.[29] Das Szenario, gleich nach dem ersten Afroamerikaner die erste Frau als Präsidentin zu haben, hat die Konjunktur hegemonialer Identitätspolitik noch weiter verstärkt.

Fußnoten

21.
Vgl. Susan Jeffords, The Remasculinization of America. Gender and the Vietnam War, Bloomington 1989; Susan Faludi, Backlash. The Undeclared War Against American Women, New York 1991; Jeremy D. Mayer, Nixon Rides the Backlash to Victory. Racial Politics in the 1968 Presidential Campaign, in: Historian 64/2002, S. 351–366; Jürgen Martschukat, Die Ordnung des Sozialen. Väter und Familien in der amerikanischen Geschichte seit 1770, Frankfurt/M. 2013, S. 327–354.
22.
Vgl. Richard Sennett, Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 1998; Zygmunt Bauman, Flüchtige Moderne, Frankfurt/M. 2003.
23.
Vgl. Mark Lilla, The Shipwrecked Mind. On Political Reaction, New York 2016.
24.
Patrick J. Buchanan, Culture War Speech. Address to the Republican National Convention, 17.8.1992, http://voicesofdemocracy.umd.edu/buchanan-culture-war-speech-speech-text«. Vgl. Doug Rossinow, The Reagan Years. A History of the 1980s, New York 2015; Andrew Hartman, A War for the Soul of America. A History of the Culture Wars, Chicago 2015.
25.
Vgl. Stuart Hall, Wer braucht Identität? (1996), in: ders. (Hrsg.), Ideologie, Identität, Repräsentation. Ausgewählte Schriften, Bd. 4, Hamburg 2004, S. 167–187; Felix Krämer, Moral Leaders. Medien, Gender und Glaube in den USA der 1970er und 1980er Jahre, Bielefeld 2015.
26.
Donna Murch, The Clintons’ War on Drugs. When Black Lives Didn’t Matter, 9.2.2016, https://newrepublic.com/article/129433/clintons-war-drugs-black-lives-didnt-matter«.
27.
Vgl. Henry Louis Gates Jr., In Our Lifetime. From Toiling as White House Slaves to President-Elect Barack Obama, We Have Crossed the Ultimate Color Line, in: The Root, 5.11.2008; Thomas J. Sugrue, Not Even Past. Barack Obama and the Burden of Race, Princeton 2010.
28.
Michael Kimmel, Angry White Men. American Masculinity at the End of an Era, New York 2013.
29.
Vgl. Coates (Anm. 4).
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