Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Sebastian Lotto-Kusche

Minderheitengeschichte als historische Subdisziplin in Deutschland. Herausforderungen für die Forschung am Beispiel der Minderheit der Sinti und Roma

Problematische Traditionslinien der Vergangenheit

Die Gründe, warum es in der Bundesrepublik keine längere Tradition in der historischen Minderheitenforschung gibt, liegen zunächst in der problematischen "Vorgeschichte". Im Nationalsozialismus geführte Diskurse um "Übervölkerung" und die "rassische" Zusammensetzung des "Volkskörpers" prägten das NS-Wissenschaftssystem.[11] Für NS-Historiker, etwa für den in der Bundesrepublik noch wichtigen Werner Conze, war die ethnische Zusammensetzung des deutschen Volkes ein Fixpunkt ihrer historischen Betrachtungen, ob nun aus Kotau vor dem Regime oder nicht.[12] Antisemitische und rassistische Denkmuster im staatlichen Diskurs griffen dies auf, um damit ihre Vertreibungs- und Vernichtungspolitik von Völkern, darunter auch Minderheiten, zu legitimieren.

Die Bevölkerungsforschung der jungen Bundesrepublik war von Personen geprägt, die im Nationalsozialismus aktiv gewesen und jenem völkischen Denken weiter verhaftet waren.[13] Dies zeigte sich symptomatisch in der Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft. Jene half den NS-Bevölkerungswissenschaftler Friedrich Burgdörfer zu rehabilitieren, der einen "rassischen" Zusammenhang zwischen Immigration und Bevölkerungsrückgang behauptet hatte.[14] Hinsichtlich der Minderheit der Sinti und Roma waren die Kontinuitätslinien ähnlich problematisch. Der nationalsozialistische Staat bediente sich der vorhandenen "Zigeunerforschung", die eine von Vorurteilen geprägte ethnische Objektperspektive auf die Minderheit etabliert hatte.[15] Mit der Schaffung der "Rassenhygienischen Forschungsstelle am Reichsgesundheitsamt" unter der Leitung von Robert Ritter wurde die Planungsgrundlage für den Völkermord an den europäischen Sinti und Roma geschaffen.[16]

Nach 1945 blieben diese Aktivitäten ungesühnt, die Beforschung der Minderheit setzte sich unter den stigmatisierenden Begriffen "Zigeuner" und "Landfahrer" in gleicher Weise fort. So konnte der Mediziner Hermann Arnold seine "Zigeunerforschungen" verbreiten, die unter anderem Sterilisationen von "Zigeunern" empfahlen. Mithilfe des einflussreichen Bevölkerungswissenschaftlers Hans Harmsen wurde Arnold zum wichtigsten "Zigeunerexperten" der 1960er und 1970er Jahre in der Bundesrepublik. Er hatte dabei mit Wissen von staatlichen Behörden unkontrollierten Zugriff auf Akten, die während der NS-Zeit von Ritters Forschungsstelle unter Missachtung jeglicher wissenschaftlich-ethischer Standards entstanden waren. Sein Wissen speiste sich aus der Arbeit Ritters. Er beriet die Bundesregierung und zahlreiche Wohlfahrtsverbände. Erst die Proteste der Sinti und Roma-Verbände zu Beginn der 1980er Jahre brachten seinen Expertenstatus ins Wanken.[17]

Fußnoten

11.
Vgl. Josef Ehmer, Migration und Bevölkerung – Zur Kritik eines Erklärungsmodells, in: Dan Diner (Hrsg.), Historische Migrationsforschung, Gerlingen 1998, S. 5–29, hier insb. S. 28.
12.
Alexander Pinwinkler, Historische Bevölkerungsforschungen. Deutschland und Österreich im 20. Jahrhundert, Göttingen 2014, S. 236.
13.
Vgl. ebd., S. 382.
14.
Vgl. Ehmer (Anm. 11), S. 26.
15.
Vgl. Karola Fings/Sebastian Lotto-Kusche, Tsiganologie, in: Handbuch der völkischen Wissenschaften. Akteure, Netzwerke, Forschungsprogramme, Berlin 20172, S. 1149–1158.
16.
Vgl. Michael Zimmermann (Hrsg.), Zwischen Erziehung und Vernichtung. Zigeunerpolitik und Zigeunerforschung im Europa des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 2007; Sebastian Lotto-Kusche, Rassenhygienische Forschungsstelle, in: Handbuch der völkischen Wissenschaften (Anm. 15), S. 1592–1596.
17.
Vgl. Pinwinkler (Anm. 12), S. 373; Joachim Hohmann, Die Forschungen des "Zigeunerexperten" Hermann Arnold, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts 10/1995, S. 35–49; Sebastian Lotto-Kusche, Spannungsfelder im Vorfeld der Anerkennung des Völkermords an den Sinti und Roma. Das Gespräch zwischen dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und der Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland am 17. März 1982, in: Marco Brenneisen et al. (Hrsg.), Stigmatisierung – Marginalisierung – Verfolgung. Beiträge zum 19. Workshop zur Geschichte und Gedächtnisgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Berlin 2015, S. 224–244, hier S. 229f., S. 235ff.
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