Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Sebastian Lotto-Kusche

Minderheitengeschichte als historische Subdisziplin in Deutschland. Herausforderungen für die Forschung am Beispiel der Minderheit der Sinti und Roma

Forschungsperspektiven der Minderheitengeschichte der "Sinti und Roma"

Als Michael Zimmermann 1996 sein bis heute in weiten Teilen noch gültiges Standardwerk zur "NS-Zigeunerverfolgung" veröffentlichte, wies er darin bereits auf vielfältige Desiderate hin, etwa auf fehlende Untersuchungen zum Verhältnis von Mehrheitsbevölkerung und Minderheit am regionalen Beispiel.[22] Aktuelle Forschungsüberblicke weisen hierbei immense Fortschritte aus, allerdings sind diese bisher fast nur auf Lokalstudien zur "NS-Zigeunerverfolgung" begrenzt. Dies war auch notwendig, bedenkt man die lokalen Initiativen und Verantwortlichkeiten in der "NS-Zigeunerverfolgung"; die vorliegenden Arbeiten blieben thematisch aber eng gefasst.[23] In den vergangenen Jahren mehrten sich Studien zur Geschichte der Minderheit nach 1945. Zunächst untersuchte man die politische Behandlung der Sinti und Roma durch die Kriminal- und Entschädigungsbehörden, aber auch durch die Kommunalpolitik.[24] Später lag der Fokus auf der Erinnerungskultur, die Minderheit betreffend.[25]

Mittlerweile steht auch die Perspektive der Minderheit nach 1945 im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Beschäftigung.[26] Für letztere Forschungsvorhaben fehlen allerdings bislang zahlenmäßig aussagekräftige Quellen aus der Minderheit, wie Selbstzeugnisse, Dokumente aus der Verbandsarbeit, Briefe, Fotos, die es noch intensiv zu heben und bearbeiten gilt. Neben den Archiven der Verbände, die sich der Forschung noch breiter öffnen sollten, ist auch eine Durchsicht eher klassischer Archive oft lohnenswert, wie ein viel beachteter Quellenfund im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands exemplifiziert hat.[27]

Interessante Forschungsdesiderate liegen für die Zukunft auch in den spannungsgeladenen Aushandlungsprozessen um den Status der (nationalen) Minderheiten in Deutschland.[28] In der Europäischen Union definiert jeder Staat für sich, wer als nationale und damit schützenswerte Minderheit gilt. Deutschland hat folgende Kriterien für nationale Minderheiten aufgestellt: deutsche Staatsbürgerschaft, Unterschiede in Kultur und Sprache, die Identität soll bewahrt werden, die Gruppe ist traditionell in Deutschland heimisch und lebt in angestammten Siedlungsgebieten.[29] Viele Ebenen der Umsetzung des Minderheitenschutzes fallen in Deutschland in die Zuständigkeit der Länder, daher lohnt der Blick auf die regionale Ebene.

2012 wurden Sinti und Roma als schützenswerte Minderheit in die schleswig-holsteinische Landesverfassung aufgenommen. Die Forderung wurde schon Jahrzehnte vorher erhoben, allerdings wurde dies von der verfassungsändernden Mehrheit des Landtags bis dato abgelehnt.[30] Bereits die Weimarer Reichsverfassung kannte den Minderheitenschutzartikel 113, das Grundgesetz der Bundesrepublik verzichtete auf ähnliche Formulierungen. Den Beginn des aktiven Minderheitenschutzes in der Bundesrepublik markierten die Bonn-Kopenhagener Erklärungen aus dem Jahr 1955 sowie die einseitig von der schleswig-holsteinischen Landesregierung ausgesprochene "Kieler Erklärung" aus dem Jahr 1949, womit der dänischen Minderheit und prinzipiell auch den Friesen im Landesteil Schleswig erhebliche Minderheitenrechte zugestanden wurden. Gleichzeitig wurde mit jener Erklärung das freie Bekenntnisprinzip eingeführt. Es verbietet dem Nationalstaat seither, was erstmals in der preußischen Schulverordnung von 1928 formuliert wurde,[31] die Zugehörigkeit zu einer Minderheit zu überprüfen.[32] Diese Neuerung machte den Minderheitenstatus für die Sinti und Roma im Nachkriegsdeutschland erstrebenswert, war die Minderheit in der NS-Zeit doch der totalen staatlichen Erfassung ausgesetzt gewesen. Die Verbände der Sinti und Roma forderten seit 1979 neben der Beendigung der polizeilichen Sondererfassung und der Gewährung von angemesseneren Entschädigungszahlungen auch die Zuerkennung des Status einer "nationalen Minderheit".[33] Offiziell wurde die Forderung deshalb abgelehnt, weil bestritten wurde, dass es "angestammte Siedlungsgebiete" von Sinti und Roma auf deutschem Boden gebe. Ein interner Vermerk aus dem Bundesinnenministerium aus dem Jahr 1980 offenbart jedoch die eigentliche politische Strategie: "Wenn der Sonderstatus einer nationalen Minderheit auch später zuwandernden fremden Volksgruppen gewährt wird, so bedeutet das die Einleitung einer Entwicklung zum Vielvölkerstaat. Anderen Gruppen, insbesondere etwa den zahlenmäßig weitaus stärkeren Türken, könnte man das gleiche nicht verwehren."[34] Erst im Kontext der Verabschiedung des europäischen Rahmenübereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten konnten die Sinti und Roma diese Anerkennung erzielen.[35] Die Verhandlungen, warum beispielsweise hinsichtlich der "angestammten Siedlungsgebiete" bei den Sinti und Roma eine Ausnahme gemacht wurde, in historischer Perspektive zu untersuchen, ist eine Aufgabe für die Zukunft.

Fußnoten

22.
Vgl. Michael Zimmermann, Rassenutopie und Genozid, Hamburg 1996, S. 39.
23.
Vgl. Karola Fings, Neuere Literatur zur NS-Verfolgung von Sinti und Roma und zur Produktion von "Zigeuner"-Stereotypen, in: Neue Politische Literatur 1/2015, S. 27–52.
24.
Vgl. Gilad Margalit, Die Nachkriegsdeutschen und "ihre Zigeuner". Die Behandlung der Sinti und Roma im Schatten von Auschwitz, Berlin 2001; Peter Widmann, An den Rändern der Städte. Sinti und Jenische in der deutschen Kommunalpolitik, Berlin 2001.
25.
Vgl. Gabi Meyer, Offizielles Erinnern und die Situation der Sinti und Roma in Deutschland. Der nationalsozialistische Völkermord in den parlamentarischen Debatten des Deutschen Bundestages, Wiesbaden 2013; Yvonne Robel, Verhandlungssache Genozid. Zur Dynamik geschichtspolitischer Deutungskämpfe, Paderborn 2013.
26.
Vgl. Susanne Urban et al. (Hrsg.), Fundstücke. Entwurzelt im eigenen Land. Deutsche Sinti und Roma nach 1945, Göttingen 2015; Anja Reuss, Kontinuitäten der Stigmatisierung. Sinti und Roma in der deutschen Nachkriegszeit, Berlin 2015.
27.
Vgl. Gerhard Baumgartner, "Wann endlich wird dies himmelschreiende Unrecht an uns gut gemacht werden?" Frühe Zeugnisse österreichischer Roma und Romnia zu ihrer Verfolgung während des Nationalsozialismus, in: Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes 1/2015, S. 43–80.
28.
Vgl. Jørgen Kühl, Nationale Minderheiten im dänisch-deutschen Grenzland – Eine Einführung, in: ders./Robert Bohn, Ein europäisches Modell? Nationale Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland 1945–2005, Bielefeld 2005, S. 9–58.
29.
Vgl. Sonja Wolf, Zur sozialen und politischen Lage der anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland, in: APuZ 11–12/2017, S. 16–22, hier S. 16.
30.
Vgl. Uwe Danker, Der Minderheitenschutz bei der Verfassungsreform 1990. Eine Privilegierung der Privilegierten, in: Grenzfriedenshefte 1/2005, S. 29–44.
31.
Vgl. Abdruck der Verordnung in: Jasper/Knabe/Krüger-Potratz (Anm. 8), S. 352ff., insb. S. 353.
32.
Vgl. Reimer Hansen, Aus einem Jahrtausend historischer Nachbarschaft. Studien zur Geschichte Schleswigs, Holsteins und Dithmarschens, hrsg. v. Uwe Danker, Malente 2005, S. 264f.
33.
Vgl. Daniela Gress, "Wir wollen Gerechtigkeit!". Die Ursprünge der Bürgerrechtsbewegung deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, in: Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 2017, S. 171–187, hier S. 182.
34.
Vgl. BArch B 106/94701, Schreiben des Bundesministers des Innern vom 1.9.1982 an den Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit, S. 2.
35.
Vgl. Heun (Anm. 8), S. 62–66.
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