Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Sebastian Lotto-Kusche

Minderheitengeschichte als historische Subdisziplin in Deutschland. Herausforderungen für die Forschung am Beispiel der Minderheit der Sinti und Roma

Die Zukunft einer historisch arbeitenden Minderheitenforschung

Durch die Offenlegung von Machtverhältnissen kann sich, so zeigt das Beispiel um die Aushandlungsprozesse hinsichtlich des Status’ der Sinti und Roma als nationale Minderheit, ein neuer Blick auf Minderheits- und Mehrheitskonflikte ergeben. Minderheitendefinitionen sollten daher ausgeweitet und in ihren Entstehungskontexten und Implikationen wie auch Ausschließungsprozeduren analysiert werden. Weiterhin sollte interdisziplinär der Minderheitenbegriff für die historische Forschung definiert werden, sodass er die tradierten juristischen Definitionen problematisiert und erweitert. Dabei wäre auch die Interdependenz zu bedenken, die darin besteht, dass sowohl Eigen- als auch Fremdwahrnehmungen Minderheiten konstituieren können.

In den vergangenen Jahren ist hinsichtlich der Institutionalisierung der historischen Minderheitenforschung einiges in Bewegung gekommen. Jüngstes Beispiel ist die Gründung der Forschungsstelle Antiziganismus 2017 an der Universität Heidelberg. Das Spektrum der Akteure, die Minderheitenforschung betreiben, ist aber weit größer. Es arbeiten verschiedene Institute zu den deutschen Minderheiten in Osteuropa, andere zur Geschichte der Juden, wiederum andere zu den anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland (aktuell Sorben, Friesen, Dänen und Sinti/Roma). Aber auch etablierte Akteure wie das Institut für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, das Institut für Migrationsforschung in Osnabrück und das European Center for Minority Issues in Flensburg betrieben und betreiben historische Minderheitenforschung in Ansätzen. Sinnvoll ist sicherlich auch eine Vernetzung mit VertreterInnen der Neueren Kolonialgeschichte und der Postcolonial Studies.[36]

Es fehlte bisher an Möglichkeiten und Impulsen zur Vernetzung, um sich über methodische Schwierigkeiten, definitorische Probleme sowie institutionenübergreifende inhaltliche Kooperationen auszutauschen. Auf dem Historikertag 2018 setzt sich eine Sektion explizit mit der Frage auseinander, inwieweit Minderheitengeschichte als historische Subdisziplin betrieben werden kann und wo die Fallstricke bei dieser Beschäftigung liegen.[37] Am Sorbischen Institut in Bautzen wurde ein Netzwerk Historische Minderheitenforschung gegründet, das durch jährliche Workshops eine bessere Vernetzung der bereits bestehenden Institutionen anstrebt, die historisch orientierte Minderheitenforschung betreiben.[38] Vordergründiges Ziel der nächsten Jahre muss es sein, mit dem neuen Netzwerk diese vielfältigen Akteure und ihre unterschiedlichen Ansätze zusammenzubringen, damit sich in Deutschland eine kritische und öffentlich sichtbare historische Minderheitenforschung etablieren kann.

Die wissenschaftliche Disziplin der Zeitgeschichte hat eine besondere Verantwortung für die Forschung im Bereich der Minderheitengeschichte der Sinti und Roma. Andere Teildisziplinen, die das 15. bis 19. Jahrhundert behandeln, haben lediglich Zugriff auf Schriftquellen aus der Mehrheitsgesellschaft. In Bezug auf die Minderheit der Sinti und Roma bieten sich der Forschung seit dem 20. Jahrhundert erweiterte Möglichkeiten, da durch eine sich entwickelnde Schriftsprachentradition des Romanes, der Muttersprache der Sinti und Roma, Schriftquellen der Minderheit entstanden.[39] Außerdem rückte die Minderheit mehr und mehr ins Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft, was dazu führte, dass in den Archiven fortan auch Quellen gesichert wurden – natürlich auch in deutscher Sprache niedergeschrieben –, die innerhalb der Minderheit entstanden waren.

Zukünftig werden Initiativen, wie das von der Kulturstiftung des Bundes geförderte Digitale Archiv der Sinti und Roma, das 2019 in die Trägerschaft des European Roma Institute for Arts and Culture mit Sitz in Berlin übergehen wird, eine Vielzahl von Quellen für Forschungen bereithalten.[40] Diesen Fundus mit Quellen aus staatlichen Archiven sowie aus bereits bestehenden Archiven der Selbstorganisationen der Minderheit zu kombinieren, wird spannende Forschungsfragen zu Aushandlungsprozessen zwischen Mehrheit und Minderheit beantworten helfen. Historische Untersuchungen zur Genese von Vorurteilsstrukturen stellen dabei nur die Spitze des Eisbergs an möglichen Themen dar, die jedoch im Bewusstsein der problematischen Forschungstraditionen der Vergangenheit mit starkem methodischen Rüstzeug und der Vermeidung von ethnozentristischen Schlussfolgerungen stehen müssen. Es bleibt zu hoffen, dass diese Initiativen langfristig auch den Diskurs innerhalb der Geschichtswissenschaft hinsichtlich der Beschäftigung mit Minderheiten produktiv wenden werden.

Für Hinweise und Korrekturen danke ich herzlich Prof. Dr. Jørgen Kühl (Europa-Universität Flensburg) und Dr. Yvonne Robel (Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg).

Fußnoten

36.
Vgl. http://docupedia.de/zg/Neuere_Kolonialgeschichte_und_Postcolonial_Studies«.
37.
Vgl. http://www.historikertag.de/Muenster2018/sektionen/minderheitengeschichte-als-historische-subdisziplin%E2%80%A8minderheits-und-mehrheitskonstellationen-am-beispiel-der-sinti-und-roma-in-der-brd«.
38.
Vgl. http://www.serbski-institut.de/de/Netzwerk-Historische-Minderheitenforschung«.
39.
Vgl. Yaron Matras, Die Sprache der Roma. Ein historischer Umriss, in: ders./Hans Winterberg/Michael Zimmermann (Hrsg.), Sinti, Roma, Gypsies. Sprache – Geschichte – Gegenwart, Berlin 2003, S. 231–261.
40.
Vgl. http://www.kulturstiftung-des-bundes.de/cms/de/projekte/film_und_neue_medien/digitales_archiv_der_sinti_und_roma.html«.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Sebastian Lotto-Kusche für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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