Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Christina von Hodenberg

Gesellschaftsgeschichtliche Perspektiven auf das westdeutsche "Achtundsechzig"

Die heroische Erzählung als Problem

Schon in den 1960er Jahren schnitzten sich die Massenmedien die Ikonen von "Achtundsechzig" so, wie es ihre Arbeitsbedingungen und Genres vorgaben. Der öffentliche Blick auf die Proteste verengte sich 1967 schnell auf wenige Orte und Personen: auf das West-Berlin des Kalten Krieges, das Frankfurt der Frankfurter Schule, auf die Kommune 1, das Büro des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) am Kurfürstendamm, auf Rudi Dutschke und Horst Mahler. Der SDS mit seiner gezielten Strategie provokativer und subversiver Aktionen erreichte ungleich mehr Publizität als andere Studentenverbände, die an traditionellen Resolutionen und Gastredner-Veranstaltungen festhielten.[5] Die Aufmerksamkeit der Springer-Blätter konzentrierte sich neben Dutschke auch auf den "Studenten-Anwalt" Horst Mahler und den Kommunarden Fritz Teufel aus West-Berlin.[6] "Der Spiegel" fokussierte sich ganz auf Berlin und erklärte die Proteste aus der prekären Lage der Stadt im Kalten Krieg, dem US-amerikanischen Einfluss auf die Freie Universität und der Zuwanderung vieler westdeutscher Wehrdienstflüchtlinge.[7] Eine ebensolche "Berlin-Rahmung" dominierte auch die Fernsehberichterstattung. Denn zahlreiche Kamerateams waren beim Schah-Besuch in Berlin live dabei gewesen, und auf deren Filmausschnitte stützten sich fast alle nachfolgenden Nachrichtensendungen und politischen Fernsehmagazine. Der Logik des Mediums gemäß wurden einige wenige Protagonisten herausgegriffen, "die den Zuschauern und Redakteuren bereits bekannt waren". So entstanden seit dem Spätsommer 1967 gleich drei Fernsehporträts von Dutschke. Ebenfalls häufig interviewt wurde Mahler, weil er bei der Pressekonferenz nach dem Tod Benno Ohnesorgs als Rechtsbeistand des AStA an der Freien Universität aufgetreten war.[8] Auch die Kommune 1 spielte auf dem Bildschirm eine gewisse Rolle, tauchte dort jedoch seltener auf als in den auf Nackedeis und freie Liebe versessenen Illustrierten.[9]

Mithin fand schon in den zeitgenössischen Medienberichten eine Verengung der Aufmerksamkeit statt. Es etablierte sich ein Tunnelblick auf Westberlin und Frankfurt, die Universitäten, junge männliche Eliten und die radikale Linke (sprich den SDS). Wenn es fernab der Großstädte, außerhalb des SDS und abseits der Vorzeigekommunen brodelte, so wurde dies öffentlich nicht entsprechend gespiegelt. In den folgenden fünf Jahrzehnten setzte sich der Trend fort.[10] In ihren Bezügen auf "Achtundsechzig" bildeten Presse und Rundfunk einen kleinen Ausschnitt dessen ab, was die zeitgenössische Revolte ausmachte – und zwar nur denjenigen Teil der Akteure, der die Medien für sich gewann.

Der so entstandenen klassischen Erzählung folgte die Zeitgeschichtsschreibung. Getragen von Zeitzeugen, die ehemals selbst Aktivisten gewesen waren, schrieben Politologen und Historiker eine mal mehr, mal weniger kritische Geschichte von "Achtundsechzig", in der männliche Studenten zu Standartenträgern des Wandels wurden, Auseinandersetzungen in Hörsälen und der Ideenwettstreit der Linken im Mittelpunkt standen.[11] Selbst abwägende Beiträge der jüngsten Zeit, die das westdeutsche "Achtundsechzig" eher als Kulturrevolution oder massenmediales Spektakel denn als politische Rebellion verstehen, bleiben der Verengung auf SDS, Studenten und Berlin fast immer treu. Ausgesprochen rar sind Studien über Aktivisten, die nicht ins traditionelle Raster passen, wie etwa die konservative Jugend, Ostberliner Kommunarden, Frauengruppen oder Arbeiter.[12]

Denn die klassische Erzählung von "Achtundsechzig" übergeht große Bevölkerungsgruppen: die Frauen, die Älteren und Alten, die weniger Gebildeten, die Unterschichten, die kleinstädtische und ländliche Bevölkerung. Nicht zum ersten Mal spiegelt sich damit in der Forschung eine unbewusste Konzentration der Historiker auf diejenigen, die ihnen selbst ähneln: auf Bildungsbürger, Männer, Universitäten und die urbanen Eliten. Wie diese Bindung an das Bildungsbürgertum dazu verführen kann, die gesamtgesellschaftliche Bedeutung von Zäsuren zu verkennen, zeigt beispielsweise die Deutungsgeschichte des Kriegsausbruchs 1914. Jahrzehntelang war unsere Vorstellung vom Blick auf die akademische männliche Jugend geprägt, über deren enthusiastische Kriegsbegeisterung die Tagespresse damals wortreich geschwärmt hatte. Die Beschwörung des "Augusterlebnisses" der Freiwilligen und der "Ideen von 1914" entpuppte sich erst in den 1990er Jahren als irreführend, als neue Quellen hinzugezogen wurden, die die ganz andere, abwartend-skeptische Reaktion der Dörfler und Arbeiter auf den Beginn des Weltkriegs erschlossen.[13]

Fußnoten

5.
Vgl. Christina von Hodenberg, Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte, München 2018, Kap. 2; Eckard Michels, Schahbesuch 1967. Fanal für die Studentenbewegung, Berlin 2017, S. 298, S. 239ff.; Timothy S. Brown, West Germany and the Global Sixties. The Anti-Authoritarian Revolt 1962–1978, Cambridge 2013, S. 45ff.
6.
Vgl. Joachim Neander, Berlin als Exerzierfeld für Revolutions-Modelle sowie Fred Schaffert, Rudi Dutschke wiegelt auf, in: Welt am Sonntag, 17.6.1967, S. 4; Lutz Horst, Anzeige gegen Anwalt der Studenten, in: BILD (Berlin), 28.8.1967, S. 1; Demonstranten entlasten Fritz Teufel, in: Die Welt (Berlin), 5.12.1967, S. 6.
7.
Vgl. Berlin/Studenten: Nein, nein, nein, in: Der Spiegel, 5.6.1967, S. 46–59.
8.
Zitate Meike Vogel, Unruhe im Fernsehen. Protestbewegung und öffentlich-rechtliche Berichterstattung in den 1960er Jahren, Göttingen 2010, S. 226, S. 201, vgl. S. 120.
9.
Vgl. ebd., S. 203, S. 207f.; Sven Reichardt, Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren, Berlin 2014, S. 679f.; Ingo Cornils, Writing the Revolution. The Construction of "1968" in Germany, Rochester 2016, S. 154ff.
10.
Vgl. Martin Stallmann, Die Erfindung von "1968". Der studentische Protest im bundesdeutschen Fernsehen 1977–1998, Göttingen 2017.
11.
Vgl. u.a. Götz Aly, Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück, Frankfurt/M. 2008; Siegward Lönnendonker/Bernd Rabehl/Jochen Staadt, Die antiautoritäre Revolte. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund nach der Trennung von der SPD, Wiesbaden 2002; Wolfgang Kraushaar, Achtundsechzig. Eine Bilanz, Berlin 2008.
12.
Vgl. Anna von der Goltz, A Polarized Generation? Conservative Students and West Germany’s "1968", in: dies. (Hrsg.), "Talkin’ ’bout my Generation". Conflicts of Generation Building and Europe’s "1968", Göttingen 2011, S. 195–215; Daniel Schmidt, "Die geistige Führung verloren". Antworten der CDU auf die Herausforderung "1968", in: Franz-Werner Kersting/Jürgen Reulecke/Hans-Ulrich Thamer (Hrsg.), Die zweite Gründung der Bundesrepublik. Generationswechsel und intellektuelle Wortergreifungen 1955–1975, Stuttgart 2010, S. 85–107; Anna von der Goltz, Making Sense of East Germany’s 1968. Multiple Trajectories and Contrasting Memories, in: Memory Studies 6.1/2013, S. 53–69; Kristina Schulz, Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt/M.–New York 2002; Elisabeth Zellmer, Töchter der Revolte? Frauenbewegung und Feminismus der 1970er Jahre in München, München 2011; Ute Kätzel (Hrsg.), Die 68erinnen. Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002; Morvarid Dehnavi, Das politisierte Geschlecht. Biographische Wege zum Studentinnenprotest von "1968" und zur Neuen Frauenbewegung, Bielefeld 2013.
13.
Vgl. Benjamin Ziemann, Front und Heimat. Ländliche Kriegserfahrungen im südlichen Bayern 1914–1923, Essen 1997, S. 39ff.; Jeffrey Verhey, Der "Geist von 1914" und die Erfindung der Volksgemeinschaft, Hamburg 2000, S. 374ff.
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