Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Christina von Hodenberg

Gesellschaftsgeschichtliche Perspektiven auf das westdeutsche "Achtundsechzig"

Andere Quellen und ein "anderes Achtundsechzig"

Zahlreiche langfristig wichtige lebensweltliche Veränderungen nahmen in den 1960er Jahren in privaten oder semi-privaten Zusammenhängen ihren Ausgang – so etwa in Frauengruppen, Familien, Schulen oder Kindergärten. Zur Untersuchung dieser Kontexte braucht es Quellen jenseits der klassischen Bestände in staatlichen Archiven und Universitätsbibliotheken, da die routinemäßig ausgewerteten Ministerialakten, Presseartikel, Parlamentsdebatten, Romane oder Autobiografien vor allem Debatten zwischen überwiegend männlichen Bildungsbürgern wiedergeben. Gerade für die Zeitgeschichte ist diesem Dilemma relativ leicht zu entkommen. Es bieten sich einerseits zeitgenössisch forschungsproduzierte Daten der Sozialwissenschaften, Psychologie oder Ethnologie an. Dazu gehören etwa Umfragen, auf Tonband konservierte oder transkribierte Gespräche und statistisch aufbereitete Datenbasen.[22] Andererseits können überlebende Zeitzeugen befragt oder auf abgeschlossene lokale Interviewprojekte zurückgegriffen werden. Eine sorgfältige Historisierung des zeitgenössischen Projektumfelds und der Querabgleich mit anderen Quellen ist dabei jeweils unabdingbar.

Meine Studie zum "anderen Achtundsechzig" stützt sich wesentlich auf solche Quellen aus dem Bonner Raum. Neben der Sekundärauswertung einer 2005/06 entstandenen Zeitzeugenbefragung des Bonner Stadtmuseums zum Thema "Achtundsechzig" wurde vor allem der Bestand der "Bonner Längsschnittstudie des Alters" (BOLSA) genutzt. Dies war die erste deutsche gerontologische Längsschnittstudie und fand am psychologischen Institut der Bonner Universität statt. 222 alte Leute reisten seit 1965 in regelmäßigen Abständen aus dem Rheinland, Ruhrgebiet und Rhein-Main-Gebiet nach Bonn, um sich interviewen zu lassen. Sie waren kleine Angestellte und Arbeiter, Kaufleute, Handwerker und Hausfrauen. Das von den Professoren Hans Thomae und Ursula Lehr geleitete Forschungsprojekt zielte auf Erkenntnisse über Veränderungen der menschlichen Persönlichkeit im Alter.[23] Für die Untersuchung des "anderen Achtundsechzig" war die BOLSA aus mehreren Gründen ideal: Das Sample der zwischen 1890 und 1909 Geborenen war weitgehend repräsentativ für die Bundesrepublik. Männer und Frauen waren gleich stark vertreten, nur jeder Zwölfte hatte eine Oberschule besucht, und 60 Prozent wohnten in Orten unter 100.000 Einwohnern. Alle Gespräche wurden auf Magnettonband aufgenommen und in Kodes verschlüsselt, um psychologische und soziale Vorgänge statistisch berechenbar zu machen.[24] Zusätzlich lagen die Transkripte einer zwischen Mai 1967 und August 1968 entstandenen psychologischen Studie vor, bei der 180 Männer und Frauen aus dem Köln-Bonner Raum "im mittleren Erwachsenenalter" (Jahrgang 1909 bis 1934) zur "heutigen Jugend" und zum Wandel der Erziehungsnormen befragt worden waren.[25] Die übliche Konzentration auf Jugend, Männer, Gebildete und Städter wurde mit diesen Quellen aufgebrochen und der Einblick in die private und familiäre Sphäre ermöglicht. Ein weiterer Vorteil ergab sich aus den quantitativen Begleitdaten. Nur durch sie war es möglich, beispielsweise zu beziffern, wie viele der befragten alten Menschen über starke Konflikte mit ihren Kindern berichteten (überaus wenige) oder wie viele der Befragten mittleren Alters von ihren Eltern sexuell aufgeklärt worden waren (etwa 2 Prozent).

Ohne die Ergebnisse meiner Untersuchung hier vollständig darlegen zu können, wurden mit diesen Quellen doch die Konturen eines deutlich anderen Bildes von "Achtundsechzig" erkennbar. Zunächst bestätigte sich, dass die späten 1960er Jahre auch im Bonner Raum, also in der Provinz, politische Unruhen auslösten, die die sozialen Verhältnisse in Bewegung brachten. An den Protestaktionen waren neben der radikalen studentischen Linken und dem SDS, der in den lokalen Medien die größte Resonanz erfuhr, auch zahlenmäßig größere reformerische und liberale, ja sogar manche konservative Gruppen beteiligt. Außerdem hatte seit 1968 eine sehr aktive Frauengruppe (der Bonner "Arbeitskreis Emanzipation") bestanden. Diese Frauen hatten sich vom Bonner SDS abgespalten, einen Lektürezirkel gegründet, Flugblätter verteilt, Schülerinnen mobilisiert, Wahlkampfveranstaltungen besucht und Vorlesungen von frauenfeindlichen Professoren gesprengt. Sie hatten sogar eine landesweite Debatte über die Diskriminierung von Mädchen in den Schullehrplänen losgetreten. Trotzdem war der Arbeitskreis gänzlich in Vergessenheit geraten. Ein lokalhistorisches Projekt des Stadtmuseums zum 40. Jahrestag von "Achtundsechzig" erwähnte die Frauengruppe weder in der Ausstellung noch in der dazugehörigen Begleitpublikation. Keine der Beteiligten war in dem Interviewprojekt mit 68ern aus dem Jahr 2005/06 berücksichtigt worden. Damit waren sowohl die antipatriarchalische als auch die reformerische Ausrichtung der Bonner Geschehnisse im historischen Gedächtnis ausradiert worden.

Dagegen war nachträglich eine starke Aufwertung des Topos vom Vater-Sohn-Konflikt erfolgt. Denn der bekannteste Bonner SDS-Aktivist, Hannes Heer (später Kopf der "Wehrmachtsausstellung" zu den Verbrechen deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg), hatte sich mit seinem Vater wegen dessen NSDAP-Mitgliedschaft überworfen – und dies immer wieder in Presse und Fernsehen kommentiert. Heer gehörte zu einer Handvoll atypischer Einzelfälle. Nur zwei von 22 befragten Bonner 68ern lebten den offenen Konflikt mit ihren Eltern. Im Regelfall hatten studentische Aktivisten die NS-Vergangenheit zusammen mit ihren Eltern beschwiegen, oder aber sie waren bereits im Elternhaus sozialistisch oder sozialdemokratisch sozialisiert worden. Nicht zwei, sondern drei familiäre Generationen lebten miteinander, und die mittlere Generation der Eltern vermittelte häufig zwischen Jugend und Großeltern. Diese Ergebnisse decken sich mit zeitgenössischen Meinungsumfragen, die damals ein vergleichsweise gutes Vertrauensverhältnis und hohe Werteübereinstimmungen zwischen Eltern und Jugendlichen bezeugten, wie auch mit den Ergebnissen großer Oral-history-Projekte, die die Dominanz des privaten Beschweigens und Verniedlichens herausarbeiteten.[26] Die 68er beriefen sich zwar öffentlich auf die Kluft zwischen der Jugend und dem (abstrakten) Establishment, aber riskierten den privaten Kleinkrieg zwischen den familiären Generationen so gut wie nie. Falls es überhaupt zum politischen Streit zwischen Eltern und ihren 68er-Kindern kam, drehte sich dieser weit eher um kommunistische Neigungen der Jüngeren als um die NS-Nähe der Älteren.

Diese Resultate säen Zweifel am gängigen Argumentationsmuster, dass die 68er-Rebellen gegen ihre Nazi-Eltern revoltiert hätten.[27] Den Kern von "Achtundsechzig" im Vater-Sohn-Konflikt zu suchen (beispielsweise vom Generationskonflikt über "die Schuld der Väter" und vom Angriff der Jungen auf die schweigenden Patriarchen der "NS-Funktionsgeneration" zu reden[28]), erscheint müßig. Im Vergleich zum wenig ausgeprägten Generationskonflikt sollte vielmehr der durch "Achtundsechzig" deutlich verschärfte Geschlechterkonflikt betont werden. Denn die Frauengruppen und Kinderläden, die 1968 von den Frauen im SDS gegründet wurden, waren der Beginn der zweiten deutschen Frauenbewegung und wurden ergänzt durch zahllose private Auseinandersetzungen über geschlechtsspezifische Aufgabenteilung in der Familie.[29] Die 68erinnen waren mehr als die namenlosen Anhängsel der Genossen oder die "Bräute" der Revoluzzer – sie waren Akteurinnen, die einen langfristig wichtigen gesamtgesellschaftlichen Wandel anstießen, selbst wenn dies von den zeitgenössischen Massenmedien nicht erkannt wurde. Dieser antipatriarchalische Impuls bleibt ein wichtiger Teil des antiautoritären Erbes von "Achtundsechzig".

Fußnoten

22.
Vgl. Jenny Pleinen/Lutz Raphael, Zeithistoriker in den Archiven der Sozialwissenschaften. Erkenntnispotentiale und Relevanzgewinne für die Disziplin, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2/2014, S. 173–196.
23.
Zum Studiendesign und -team vgl. von Hodenberg (Anm. 5), S. 22, S. 26ff., S. 39f., S. 68ff.
24.
Der Bestand, mit über 3000 Stunden Gesprächen, liegt im Historischen Datenzentrum der Universität Halle. Zum Sample vgl. Maria Renner, Strukturen sozialer Teilhabe im höheren Lebensalter mit besonderer Berücksichtigung der sozialen Beziehungen zwischen den Mitgliedern der erweiterten Kernfamilie, Dissertation Bonn 1969, S. 42, S. 46.
25.
BOLSA-Bestand (Anm. 24), A17; Helga Margarete Merker, Generations-Gegensätze. Eine empirische Erkundungsstudie über die Einstellung Erwachsener zur Jugend, Darmstadt 1973.
26.
Vgl. von Hodenberg (Anm. 5), S. 55ff.; Piotr Oseka/Polymeris Voglis/Anna von der Goltz, Families, in: Robert Gildea/James Mark/Anette Warring (Hrsg.), Europe’s 1968. Voices of Revolt, Oxford 2013, S. 51; Harald Welzer/Sabine Moller/Karoline Tschuggnall, Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt/M. 2002; Detlef Siegfried, Time is on my side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, Göttingen 2006, S. 65ff.
27.
Klassisch etwa bei Thomas A. Kohut, A German Generation. An Experiential History of the Twentieth Century, New Haven 2012; Karin Wetterau, 68. Täterkinder und Rebellen, Bielefeld 2017.
28.
Norbert Frei, 1968. Jugendrevolte und globaler Protest, München 2008, S. 87, S. 84; vgl. Aly (Anm. 11).
29.
Vgl. Schulz; Zellmer; Kätzel; Dehnavi (alle Anm. 12).
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