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Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Michele Barricelli

Diversität und historisches Lernen. Eine besondere Zeitgeschichte

"What I am, is a 32-year-old, ugly, pockmarked Jew fairy[1], and if it takes me a little time while to pull myself together, and if I smoke a little grass before I get up the nerve to show my face to the world, it’s nobody’s goddamned business but my own."

Die Worte, mit denen Howard, Hauptfigur im soeben, nach fünfzig Jahren, am Broadway überaus erfolgreich wieder aufgeführten Bühnenstück "The Boys in the Band" (Autor: Mart Crowley) die Szene betritt, enthalten alles, was im Folgenden zum Verständnis von "Diversität" (diversity) dienen soll. Howard ist Teil eines Freundeskreises schwuler Männer (die "Boys") im New York des Jahres 1968, also noch vor Beginn der großen Emanzipations- und Liberalisierungsbewegungen, und stößt als Letzter, etwas bekifft, zu der Party, die anlässlich seines Geburtstags im Schutz einer Privatwohnung – da offen zur Schau gestellte Homosexualität unter Strafe steht – ausgerichtet wird. Wir begegnen in seinem Spruch dem akuten Bewusstsein von Abweichung und Differenz eines Menschen auf vielen Ebenen des Selbst (Religion, geschlechtliche Zuordnung beziehungsweise Orientierung, Leib und Krankheit, Aussehen, Alter, Verhalten), gespiegelt von der Folie eines nie genauer bezeichneten, aber immer vorausgesetzten "Normalzustandes" des Menschseins. Es geht um Identitätsbildung innerhalb eines engen sozialen Rahmens und um die flagrante Sichtbarmachung dessen, was oder wer man ist. Damit verknüpft sind Selbstzweifel und der Stolz auf das individuelle Anderssein wie zugleich das Streben nach Anerkennung durch diejenigen, die dem Idealbild von Natur aus oder durch Anpassung besser entsprechen. Diversität erscheint in dieser prekären Lage als humane Entwicklungsaufgabe oder, was sich im Verlauf des Dramas manifestiert, als nie abgeschlossener Bildungsroman.

Es ist Aufgabe historischer Bildung in der Schule, an außerschulischen Lernorten oder vermittelt durch Instanzen der Geschichtskultur,[2] genau solche Zeitgeschichten von der Vielfalt des historischen und aktuellen Menschseins, vom Wandel der Werte und Normen, von der Pluralisierung der Lebensformen und Sichtweisen zu erzählen, um einen Beitrag zu jenem gemeinschaftlichen Ziel aller Erziehung heute zu leisten, das in einer humanistischen Weltbildung liegt.[3] Im Folgenden sollen dafür ein theoretischer Entwurf mit Bezug zu Geschichtsunterricht und Geschichtsbewusstsein oder anders Erinnerungskultur diskutiert, relevante Forschungen aus der Geschichtsdidaktik beziehungsweise ihrem Umfeld vorgestellt und Schritte in die Lernpraxis vorbereitet werden.[4] Infolge der nunmehr bundesweit gültigen Kompetenzorientierung in der schulischen Bildung besteht Konsens, dass historisches Lernen in der Hauptsache dem Erwerb narrativer Kompetenz gleichkommt. Daher wird man die Frage, wie mit der Vielfalt von Lerngegenständen sowie Schülerinnen und Schülern, von möglichen Deutungen, Urteilen und historischen Sinnbildungen umzugehen sei, stets so beantworten wollen, dass den jungen (wie allen) Geschichtslernenden im Zuge des Aufbaus einer/ihrer praktischen historischen Identität Erzählungen abverlangt werden, die Authentizität besitzen, also die eigene Subjektkonstitution respektieren, und zugleich überprüfbare interpersonelle Gültigkeit im Sinne von "Wissenschaftlichkeit" beanspruchen. Dies zu erreichen, ist ein mühsamer Prozess, der langer Übung und des Ausprobierens bedarf; niemand behaupte, dass historische Orientierung gerade im Kontext von Diversität und Pluralismus leicht zu haben sei. Die Voraussetzungen jedoch für echte und produktive Aushandlungen über Sinn und Bedeutung von Vergangenheit, einzelnen Begebenheiten, Erbe und Verantwortung vor dem Ganzen der Geschichte im Hier und Jetzt sind mehr denn je an deutschen Schulen in Form der zunehmend multikulturellen oder multiethnischen, eben diversen Hintergründe der Schülerschaft gegeben.[5]

Fußnoten

1.
Hier abschätzig für "schwul", heute veraltet.
2.
Ohne Frage findet historisches Lernen nicht nur in einem Schulfach Geschichte statt, sondern bereits im vorfachlichen Unterricht der Grundschule, in Verbundfächern, im Politik-, Geografie-, Ethik-, Religions-, Kunst-, Deutsch-, Fremdsprachenunterricht, in Museen, Archiven, Gedenkstätten, vermittelt durch Massenmedien wie Film und Fernsehen, PC-Spiele usw. sowie, wie zu sehen, seit jeher auf der Theaterbühne.
3.
Man setze hier statt "humanistisch" gleichbedeutend "kosmopolitisch" oder "weltbürgerlich". Vgl. Micha Brumlik, Kosmopolitische Moral. Globales Gedächtnis und Menschenrechtsbildung, in: APuZ 3–4/2016, S. 29–37.
4.
Für die Argumentation des Textes vgl. allgemein Michele Barricelli, Narrativität, Diversität, Humanität. Vielfalt und Einheit im Prozess des historischen Lernens, in: Jörn Rüsen/Henner Laass (Hrsg.), Interkultureller Humanismus. Menschlichkeit in der Vielfalt der Kulturen, Schwalbach/Ts. 2009, S. 280–299; vgl. darüber hinaus Michele Barricelli, Collected memories statt kollektives Gedächtnis. Zeitgeschichte in der Migrationsgesellschaft, in: Markus Furrer/Kurt Messmer (Hrsg.), Handbuch Zeitgeschichte im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 2013, S. 89–118. Dort weitere Literatur.
5.
In dem Beitrag werden die wenig trennscharfen Begriffe "divers", "heterogen", "multikulturell" oder "interkulturell" und "inklusiv" weitgehend synonym verwendet. In Lehrplänen und anderen bildungsbürokratischen oder -politischen Verlautbarungen wird weiterhin am häufigsten von interkultureller Bildung gesprochen.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Michele Barricelli für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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