Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Michele Barricelli

Diversität und historisches Lernen. Eine besondere Zeitgeschichte

Diversität im theoretischen Aufriss und in der Schule

In den vor allem angloamerikanisch geprägten Cultural Studies dient zur Bezeichnung und Erschließung einer unanfechtbaren Verschiedenheit der Menschen und ihrer Lebenswelten innerhalb, zwischen und außerhalb definierter Kulturen der Begriff der diversity, der dort grundsätzlich positiv konnotiert und somit dem einheimischen Ausdruck "Multikulturalität" vielfach überlegen ist, da er Selbst- und Fremdzuschreibungen umgreift, flüchtige Alltags- und diachrone Zeiterfahrung zusammenführt, Deuten und Handeln vereint. Unter seinem Dach finden bevorzugt drei Dimensionen Beachtung: race, class und gender. Dabei ist race [6] der wertneutrale Ausdruck für ethnische Differenz; class kennzeichnet die unterschiedlichen Zugänge zu den Produktions- und Distinktionsmitteln der Gesellschaft; gender beschreibt die Zugehörigkeit zu einem sozial konstruierten Geschlecht.[7] Die natürlichen und "kultürlichen" Anteile in dieser Kategorienbildung ("nature vs. nurture") schwanken; am produktivsten scheinen derzeit, auch in Deutschland, die Genderaspekte zu sein – man vergleiche etwa die bahnbrechende Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Oktober 2017, wonach zukünftig im Geburtenregister die Eintragung eines Geschlechts jenseits von männlich und weiblich möglich sein muss.[8] Die Herkunft des theoretischen Modells, seine Verbundenheit mit einer bestimmten Kultur, obwohl es doch universell verstanden werden will, ist zwar unübersehbar.[9] Es besitzt jedoch drei Vorzüge. Erstens wird aufgezeigt, dass Ungleichheit in der Realität immer mehrfach verschränkt auftritt. Zweitens ist das Konzept offen für andere Ungleichheiten, etwa Alter ("Jugendwahn"), Aussehen (lookism), körperliche Verfassung. Drittens, und am wichtigsten, ist ihm eine Problemorientierung eingeschrieben: Im Gegensatz zum etwas harmlosen deutschen Wort der Vielfalt enthält diversity eine Kampfansage, und zwar gegen die aus der Verschiedenheit resultierenden Asymmetrien, Hegemonien und Ungerechtigkeiten, die, wie man es heute kodifiziert, allesamt Menschenrechtsverletzungen darstellen, seien diese zum Beispiel Kinderarbeit in Asien für europäische Bekleidungskonzerne, sexuell belästigte oder misshandelte Frauen, diskriminierte religiöse Minderheiten, benachteiligte gleichgeschlechtliche Eheformen oder rassistische Staatsordnungen, die Rechte je nach Herkunft, Hautfarbe oder "Kaste" zuteilen. Globalisierung und Individualisierung, Medialisierung und Digitalisierung, Migration und kulturelle Pluralisierung werden immerhin Voraussetzung und Folge weiter wachsender Diversität bleiben.

In der Schule, obschon sie ein Schonraum vor den Grobheiten der Welt sein soll, tritt Differenz bereits im Status der Beteiligten auf, wenn sie als mehr- oder minderberechtigte Bürgerinnen und Bürger, Schutzbefohlene und Aufsichtspersonen, Glaubende, Konsumierende mit all ihrer Divergenz von kulturellen, religiösen, sexuellen Wertorientierungen auftreten. Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Kultusbeamte, Lehrplanautoren, Erziehungsberechtigte, Geschichtsdidaktikerinnen sind zudem als Generationen durch Alter, soziale und ethnische Herkunft, Lebenserfahrung, Bildung (Welt- und Fachwissen), Geschmack, Vorlieben, ja, auch Körperkonstitution und Ruhebedürfnis voneinander getrennt. Denkhaltungen, Lernroutinen und Modi der Welterschließung werden gewiss auch berührt, wenn Teenager einen erheblichen Teil ihrer Zeit vor dem Handy-Bildschirm verbringen, aber eine Tageszeitung nur noch vom Hörensagen kennen. Wie können die Gräben überbrückt werden?

Diversitätssensible Lernkulturen haben selbst verschiedenartige Wurzeln. Im angelsächsischen Raum wurden die erst wissenschaftlichen Analysekategorien race, class, gender rasch in pädagogisch relevante Handlungsfelder umgemünzt. So gilt in der "Mosaiknation"(oder salad bowl) Kanada seit Längerem ein inklusives Bildungskonzept (das freilich sehr spät die indigene Bevölkerung einbezog) und hängt der schulische Diversity-Ansatz in Großbritannien eng mit antirassistischer Pädagogik zusammen. In Deutschland verankert ist eher eine mit dem Namen der Erziehungswissenschaftlerin Annedore Prengel verbundene "Pädagogik der Vielfalt",[10] die aus einer intensiv geführten Debatte um Kinder erwuchs, die aus Gründen der Entwicklungsverzögerung, Körperbehinderung, Lernschwäche, Verhaltensauffälligkeit, Spezialbegabung einen spezifischen Förderbedarf besitzen. Dies führte dazu, dass hierzulande unter "Inklusion" immer noch vorwiegend die Beschulung von Förderschülern in Regelklassen verstanden wird. Der kulturinkludierende Ansatz dagegen vereinte sich mit den Überbleibseln der obsoleten "Ausländerpädagogik" in einer Perspektive für "Interkulturelle Bildung und Erziehung", welche die Kultusministerkonferenz (KMK) zuerst 1996 zur "Querschnittsaufgabe" von Schule und damit aller Schulfächer erklärte, wobei interessanterweise von Beginn an die auszubildenden spezifischen Kompetenzen der Lehrkräfte besondere Beachtung fanden.[11] Seitdem erscheint die Diversität oder Heterogenität der jungen Menschen in aktuellen schulischen Lehrplänen als Ausgangspunkt von Unterricht beziehungsweise ist selbst anerkanntes Erziehungsziel.[12] Geantwortet wird damit selbstverständlich auf die Erfordernisse der Gestaltung einer demokratischen Einwanderungsgesellschaft, die Deutschland de facto seit vielen Jahrzehnten ist und, wiewohl in kleinen Schritten, de jure unübersehbar wird. Immerhin besaßen laut Mikrozensus im Jahr 2016 32,5 Prozent aller Schülerinnen und Schüler einen "Migrationshintergrund".[13]

Fußnoten

6.
Anders als der Begriff der "Rasse" hat das englische race keinen ausgeprägt negativen Beiklang. Als deutsche Entsprechung wird oft "Ethnizität" gewählt, was zuweilen als Verschleierung rassistischer Strukturen kritisiert wird; allerdings findet sich ethnicity, ohne klare Abgrenzung zu race, durchaus auch in der englischsprachigen Fachliteratur.
7.
Für die Anwendung auf das Schulfach Geschichte vgl. Martin Lücke, Diversität und Intersektionalität als Konzepte der Geschichtsdidaktik, in: Michele Barricelli/Martin Lücke (Hrsg.), Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts Bd. 1, Schwalbach/Ts. 20172, S. 136–146.
8.
Zum Zeitpunkt der Abfassung des Beitrags erscheinen die ersten Stellenanzeigen in Deutschland, bei denen das Geschlecht der Bewerber mit "m/w/d" oder "m/w/x" angegeben wird, wobei "d" für "divers" und "x" für weder das Eine noch das Andere steht. Vgl. die im Englischen nunmehr breit durchgesetzten neutralen Pronomen "they/their" anstelle von "he/she" bzw. "his/her"; vgl. auch die schrittweise erweiterte Abkürzung LGBT+ oder die klangvolle Neuschöpfung "holebi" im Niederländischen.
9.
Vgl. grundlegend Gabriele Winker/Nina Degele, Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten, Bielefeld 2009.
10.
Annedore Prengel, Pädagogik der Vielfalt. Verschiedenheit und Gleichberechtigung in Interkultureller, Feministischer und Integrativer Pädagogik, Opladen 1993, Wiesbaden 20063. "Integrativ" bezieht sich hier auf körperlich und geistig behinderte Personen. Daneben immer noch lesenswert: Georg Auernheimer, Einführung in die Interkulturelle Pädagogik, Darmstadt 20075 (erstm. 1990); Rudolf Leiprecht/Anne Kerber (Hrsg.), Schule in der Einwanderungsgesellschaft. Ein Handbuch, Schwalbach/Ts. 2005.
11.
Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder, Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule, Beschluss vom 25.10.1996 i.d.F. vom 5.12.2013.
12.
Vgl. Jeder zehnte Schüler in Deutschland ist Ausländer, 13.3.2018, http://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2018-03/statistisches-bundesamt-schueler-deutschland-migrationshintergrund-zahlen«. Die Unzulänglichkeit des statistischen Begriffs ist bekannt. Im Betrieb Schule ohnehin von größerer Bedeutung ist die Erhebung von Schülerinnen und Schülern mit "nichtdeutscher Herkunftssprache" (nicht etwa: "Herkunft").
13.
Für die Grundschule in Bayern vgl. aktuell Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (Hrsg.), LehrplanPLUS Grundschule, München 2014, S. 12: "Inklusion als gesellschafts-, sozial- und bildungspolitische Leitidee lehnt Segregation anhand bestimmter Merkmale ab. Sie zielt auf eine Lebenswelt ohne Ausgrenzung und begreift Diversität bzw. Heterogenität als Normalfall, Bereicherung und Bildungschance."
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