Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Michele Barricelli

Diversität und historisches Lernen. Eine besondere Zeitgeschichte

Von den getrennten Erinnerungen zur gemeinsamen Erzählung

Mit historischer Bildung sind immer auch Machtfragen, Dominanzansprüche und Wertdiktate verbunden. Überall wo gesellschaftliche Gruppen politische Vorrechte durchsetzen wollen, wird man auf die exklusiven, in der Schule gelehrten, indes kaum je triftigen Erzählungen mit Legitimationsfunktion stoßen nach dem Muster: wie wir Westler die Menschenrechte in die Welt brachten (an die sich nun gefälligst alle Völker der Erde zu halten haben) – wie wir Männer die Demokratie zu unserem Ding machten (bei dem wir Frauen erst spät und gezwungenermaßen mitmachen ließen) – wie wir Manager den Kapitalismus durchgesetzt und den Homo oeconomicus zu einem freien Menschen gemacht haben. Das sind die berühmt-berüchtigten Meistererzählungen, die zweifellos viel komplexere Konzepte etablieren als lediglich nationale Herkunftsmythen.

Eine kritisch reflektierende Weltbürgergemeinschaft wird trotzdem von den begrenzten Narrationen im entgrenzten Raum profitieren, weil narrative Sinnbildung – im Gegensatz zu den mit ihr einhergehenden partikularen Bedeutungszuschreibungen selbst – als Operation eine Universalie ist, das heißt eine soziale Praxis, die in allen Kulturen gepflegt wird, um den eigenen Fortbestand zu sichern. Menschliche Zeitlichkeit ist narrative Zeitlichkeit. Ziel einer integrativen historischen und politischen Bildung muss es daher sein, inmitten zentrifugaler gesellschaftlicher Kräfte durch narrative Diversität den Grund für eine Erzählgemeinschaft zu legen, die gemeinsame Erinnerungsbestände und Geschichten teilt, wofür der Begriff der shared memories steht. Zu denken ist hierbei an die Völker und Kulturen umgreifenden Vernetzungsgeschichten der Globalhistorie, die weltumspannenden Zivilisationstheorien und technologischen Fortschrittsideologien, thematisch konkret: die Berichte über Kulturkontakt und Kulturdurchdringung, Menschenrechte und Völkerverständigung, Mobilität und Migration, Emanzipation, bürgerliche Partizipation.[20] Diese können als Ausdruck einer einzigen Menschheitserfahrung gewertet werden und tragen daher allesamt auch einen pädagogischen Charakter. Aufgabe des Geschichtsunterrichts ist es dann, die divided memories, auf denen Geschichtsbewusstsein zwangsläufig basiert, ans Licht zu heben, kritisch zu thematisieren und verantwortungsvoll zu respektieren, aber zugleich in Richtung einer interkulturellen Geschichtskonstruktion vorzustoßen. In der Schule ist die Vermittlung einer so verstandenen shared history vor allem eine Frage der narrativen Kompetenz der Schülerinnen und Schüler.

Fußnoten

20.
Zu dieser Themenliste vgl. Bodo von Borries, Interkulturelles Geschichtslernen – ja sicher, aber wie?, in: Andreas Körber (Hrsg.), Interkulturelles Geschichtslernen. Geschichtsunterricht unter den Bedingungen von Einwanderung und Globalisierung, Münster 2001, S. 73–96.
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