Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Michele Barricelli

Diversität und historisches Lernen. Eine besondere Zeitgeschichte

Zeitgeschichten für eine diversitätssensible Praxis

Leider verhält es sich in Deutschland einstweilen so, dass die "geteilten Erinnerungen" der frisch, vor einiger oder längerer Zeit Eingewanderten (die "Autochthonen" oder "Einheimischen") bisher eher divided memories waren. Einiges ist trotz mancher curricularen Fortschritte[21] noch zu tun dafür, dass sich dies zum Vorteil einer Erzählgemeinschaft im Klassenzimmer zu ändern beginnt. Die relevanten Zeitgeschichten, die zur Erreichung des Ziels erzählt werden sollten, würden sich durch (mindestens) vier Merkmale auszeichnen:

Sie müssten erstens die Reichhaltigkeit und Vielfalt der historischen Lebensformen, ihre Wertbindung und gegenseitige Beeinflussung beziehungsweise Durchdringung dokumentieren, illustrieren, systematisieren – oder schlicht: sichtbar machen. Zweifellos sind die damit gemeinten "Erzählungen an den Kontaktzonen" für die Darbietung didaktisch zu reduzieren: Bilaterale Geschichten (deutsch-französische Beziehungen im 20. Jahrhundert, Migration zwischen Deutschland und der Türkei beziehungsweise dem Deutschen und Osmanischen Reich) sind leichter zu erzählen als konsequent multiperspektivische; Querschnitte ("Götter und Religionen im Römischen Kaiserreich") bedürfen der Abstimmung mit Längsschnitten ("Geschlechterrollen in Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit"). Erinnerungskulturelle Fragestellungen ergänzen den problemorientierten Umgang (Warum benötigen Staaten beziehungsweise Nationen heute noch oder wieder stärker Gründungsmythen?, Wie kann das "transnationale" Verbrechenssystem der NS-Zwangsarbeit als europäische Ur-Erfahrung umgedeutet werden?).

Die bunteste Geschichtserzählung hat zweitens Wert für historisches Lernen fraglos erst, wenn sie ergiebige Anknüpfungspunkte besitzt für die Gegenwarts- und Lebensweltbezüge der jungen Lernenden. Jene umfassen Frieden und Wohlstand einerseits, Krieg und Gewalt, Flucht und Vertreibung andererseits, Privilegierung wie Diskriminierung, Gewinner und Verlierer, zunehmend fluide Geschlechterkonstruktionen, Zukunftsängste im Hinblick auf internationale Ordnung, soziale Gerechtigkeit, Klima, die Beherrschung von genauso wie durch (digitale) Medien. Ein Beispiel dafür, wie sich jetzige Existenzwahrnehmung und historische Rückversicherung gegenseitig bedingen, um sich sogar in Schulprogrammen niederzuschlagen, ist der "Queer History Month" in Berlin, der die gesamte sexuelle Vielfalt einschließlich aller Formen von Transgender thematisiert und dabei selbstverständlich den Blick auch in die Vergangenheit richtet.[22]

Drittens soll jede didaktisch wertvolle Befassung mit historischer Erzählvielfalt die stets notwendige Erzählkritik ermöglichen. Hier interessieren solche Fragen, wie und mit welchen Absichten Differenzkategorien wie etwa race oder people of color erzeugt, mit welchen narrativen Mitteln Bilder von Männlichkeit oder Weiblichkeit entworfen und dann gesellschaftlich vorgeschrieben und wie und in wessen Interesse aus lauter Einzelfällen, die jeweils eine eigene narrative Würde besitzen, strukturelle Phänomene geformt werden ("der Migrant", "Juden in Deutschland", "die Muslime"). Hier hinein gehören auch Überlegungen, warum wir als historisch Denkende häufig in die Fallen tappen, die Geschichtsmächtige viel früher aufgestellt haben: Frauen müssen im Geschichtscurriculum unterrepräsentiert bleiben, weil sie so selten Herrschende, Kämpfende, Entdeckende waren? Mit den Denkmalsetzungen für immer weitere Opfergruppen des Nationalsozialismus (Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, "Asoziale") sollte langsam Schluss sein? Dass an der Vorfront des queer movement, während der Stonewall Riots in New York 1969, nicht nur wehrhafte weiße Männer kämpften, sondern ebenso die sozial eher geschwächten transgender people of color, brauchen wir nicht so penibel auszudifferenzieren? Mit solchen Abschneidungen erfüllt man nach Jahrhunderten und Jahrzehnten noch die üblen Programme einer damnatio memoriae, also der Verdammung des Andenkens.

Schließlich, viertens, dient die Untersuchung von und Auseinandersetzung mit historischer Diversität neben der Stärkung von Ich-Identität im Sozialisationsprozess immer auch der Herausbildung eines Fundaments gemeinsam geteilter Geschichten. Denn Menschen wollen beides zugleich: sich unterscheiden und dazugehören. Ein diversitätssensibler Geschichtsunterricht lehrt dazu, dass der historisch fundierte Inklusionsprozess durch gemeinsame Erinnerung die symbolische Anerkennung umfasst, welcher die durch Wirtschafts- und Kulturpolitik ermöglichte Teilhabe an der Gesellschaft immer erst nachfolgt. Dabei wird Integration als zweiseitige Aufgabe definiert: Ähnlich wie den Zuwanderern die Pflicht auferlegt ist, im Bereich der historischen Deutungen ein gewisses Maß an Vertrautheit mit und Akzeptanz von den großen Narrativen der Dominanzkultur zu erwerben, hat die nationalstaatliche Mehrheit ihre geschichtlich tradierten "Gewissheiten" gegenüber fremd-alternativen Handlungspotenzialen, Attributionsmustern und Erklärungskonstruktionen auf den Prüfstand zu stellen.

Fazit: Heterogene Lernende, diverse Zeitgeschichten, gemeinsame Aufgaben

Die Ziele von Schule und Bildung wandeln sich im Laufe der Zeit, denn sie werden stets als Aufforderung zur (beileibe nicht nur historischen) Orientierung in einer Welt formuliert, die rasant ihr Gesicht verändert. Die produktive Bearbeitung von Diversität im nach wie vor eminent gesellschaftsbildenden Fach Geschichte – einem Ort, wo immerhin über das Mittel ministerieller Erinnerungspolitik das ethnokulturelle Selbstverständnis einer Staatsnation verhandelt wird – bleibt untrennbar verknüpft mit dem allgemeinen Anspruch auf Humanität im gelebten Miteinander. Die Verankerung des historischen Lernens in der Lebenswirklichkeit der Lernsubjekte kann jedenfalls nur zusammen gedacht werden (ja ist wahrscheinlich synonym) mit der Anerkennung von deren authentischer – und das ist endlich der glaubwürdigen – Verschiedenheit. Die grundsätzliche Nichtfeststellbarkeit des Menschen besitzt also für die Didaktik wie den Geschichtsunterricht, wollen sie zeitgenössisch sein, sowohl systematische Bedeutung als auch methodisches Potenzial. Infolge einer narrativen Welterkenntnis wird das Erzählen und Hören von pädagogisierten Diversitäts-Geschichten zum einschlägigen Instrument bei der Bewältigung von zeitlichen beziehungsweise kulturellen Kontingenzerfahrungen. Auf diesem Wege begegnen die lernbereiten Jugendlichen passgenauen, mannigfaltigen, eben diversen narrativen Sinnangeboten zum Zwecke der Erzeugung einer multiplen Identität, die Zugehörigkeit historisch, das heißt wandelbar ausdrückt und Abgrenzung diskursiv aufzulösen vermag. Einheitlichkeit und Eindeutigkeit werden so aufgegeben zugunsten einer autonomen, unbeschränkten, kreativen Thematisierung des Selbst oder der Welt. Die "Boys in the Band" können davon, noch nach fünfzig Jahren, ein Lied singen und immense Zeitgeschichten erzählen.

Fußnoten

21.
Vgl. als Vorlage den KMK-"Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung", der in seiner zweiten Fassung von 2016 nun auch das Fach Geschichte berücksichtigt.
22.
Vgl. Martin Lücke, Geschichte queer unterrichten – Der Queer History Month in Berlin, in: Bennewitz/Burkhardt (Anm. 14), S. 187–199.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Michele Barricelli für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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