APUZ Dossier Bild

6.5.2003 | Von:
Alexandra Caspari
Paul Kevenhörster
Reinhard Stockmann

Das Schweigen des Parlaments

Die vergessene Frage der Nachhaltigkeit deutscher Entwicklungszusammenarbeit

V. Wie nachhaltig ist die deutsche Entwicklungshilfe?

Diese Befunde werden seit Juni 2000 auf der Internetseite des BMZ offeriert und wurden im Oktober des gleichen Jahres als "BMZ Spezial Nr. 019" veröffentlicht. Die Präsentation der Ergebnisse durch den Staatssekretär des Ministeriums auf einer Pressekonferenz bildete den - in den Medien wenig beachteten - Schlusspunkt langjähriger Tätigkeiten.

Ohne Zweifel stellt die vom BMZ durchgeführte Studie den Beginn einer neuen Sichtweise dar, da der Frage nach der langfristigen Wirksamkeit bisher in der deutschen EZ - mit Ausnahme der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) - kaum systematisch nachgegangen wurde. Allerdings fällt auf, dass das BMZ auch im Rahmen dieser Studie der Frage der Nachhaltigkeit konsequent ausgewichen ist - und dies trotz des parlamentarischen Auftrags. Anstatt sich der Diskussion über eine Definition des Nachhaltigkeitsbegriffs zu stellen, wird auf den Begriff der langfristigen Wirksamkeit ausgewichen.

Auch wenn beide Begriffe häufig synonym verwendet werden, bezeichnen sie Unterschiedliches. Zwar beziehen sich beide Begrifflichkeiten auf die Wirkungen, die nach dem Förderende eines Projektes oder Programms entstehen, doch während der Begriff der 'langfristigen Wirksamkeit' vor allem auf quantitative Aussagen über die Dauer (Langfristigkeit) von Wirkungen abhebt, weist der Begriff der Nachhaltigkeit über das Merkmal der Langfristigkeit hinaus und beinhaltet auch qualitative Wertungen. Die Betrachtung der langfristigen Wirkungen eines EZ-Projektes ist deshalb zwar nicht von geringer Bedeutung und kann durchaus zu für die Weiterentwicklung der EZ wichtigen Erkenntnissen führen, doch der Begriff der Nachhaltigkeit leistet - zumindest nach der neueren wissenschaftlichen Nachhaltigkeitsdiskussion - weitaus mehr: Er lässt sowohl Aussagen über die Qualität der Wirkungen als auch die Reichweite eines EZ-Projektes zu und ist damit der informationsreichere Begriff. Wie eingangs erwähnt, können projektorientierte, outputorientierte, systemorientierte und/oder innovationsorientierte und zugleich dauerhafte, über das Förderende hinaus reichende Wirkungen erzielt werden, die unterschiedliche Dimensionen der Nachhaltigkeit konstituieren. Mit dieser Problematik hat sich das BMZ im Rahmen seiner Studie nicht auseinander gesetzt.

Daher wurden die 32 ex post evaluierten Projekte einer Sekundäranalyse unterzogen, um die Nachhaltigkeit deutscher EZ-Projekte doch noch bestimmen zu können. Das Ergebnis zeigt ein deutlich differenzierteres Bild: Ein Fünftel der Projekte weist keinerlei Nachhaltigkeit auf, d.h. konnte auf keiner Nachhaltigkeitsdimension punkten. 17 Prozent der Projekte erfüllen wenigstens eine Nachhaltigkeitsdimension, 23 Prozent zwei und 13 Prozent drei Dimensionen. Nur ein Viertel der Projekte erreicht alle vier Dimensionen. Wird geprüft, welche Dimensionen dies im Einzelnen sind, wird deutlich, dass die 'projektorientierte Nachhaltigkeit', bei der die Zielgruppe und/oder der Träger durch das Projekt eingeführte Neuerungen in eigenem Interesse und zum eigenen Nutzen fortführt, mit Abstand am weitesten verbreitet ist. Nur in gut einem Drittel der Projekte gelang es hingegen, systemisch wirksam zu werden, also langfristig über die Diffusion der eingeführten Innovationen zu einer Leistungssteigerung eines gesamten Systems (z.B. des Bildungs- oder des Gesundheitssystems) beizutragen. Weniger als die Hälfte der Projekte konnte die Zielgruppe und/oder die Träger dazu befähigen, langfristig auf veränderte Umweltbedingungen flexibel und angemessen zu reagieren. Langfristig betrachtet, blieb die Reichweite der Projekte eng beschränkt. Sie konnten nur eine geringe Breitenwirksamkeit erreichen und verfügten lediglich über ein geringes 'Erneuerungspotential'.[17]

Gerade vor dem Hintergrund des parlamentarischen Auftrags und der seit längerem gestellten Frage, ob ",die 'Projektitis` von isolierten Einzelprojekten überhaupt den notwendigen gesamtgesellschaftlichen Strukturwandel fördern und Breitenwirksamkeit entfalten [kann]"[18], gewinnen diese Befunde an Bedeutung. Dennoch wurden sie bisher lediglich von der Wissenschaft wahrgenommen und diskutiert.


Fußnoten

17.
Für eine detaillierte Darstellung der Ergebnisse der Sekundäranalyse vgl. R. Stockmann/A. Caspari (Anm. 6).
18.
Vgl. Franz Nuscheler, Gegen den entwicklungspolitischen Pessimismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 12/96, S. 7.