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6.5.2003 | Von:
Ludgera Klemp

Frauen fordern ihre Rechte als Indígenas und Staatsbürgerinnen

Die Ombudsstelle für Indígena-Frauen in Guatemala

I. Der Archetyp der starken "Großmutter" lebt in den Frauen fort

Zahlreiche Vereinbarungen der verschiedenen Friedensverträge beziehen sich auf die Gleichberechtigung und Verbesserung der Situation von Frauen. Die Defensoría de la Mujer Indígena, eine Ombudsstelle zur Verteidigung der Rechte indigener Frauen, geht aus dem Abkommen über "Identität und Rechte der indigenen Bevölkerung" hervor; gegründet wurde sie vor zwei Jahren. In dem Friedensabkommen werden weiterhin indigene Selbstverwaltungsstrukturen und Rechtspraktiken sowie die verschiedenen Sprachen anerkannt. Zur indigenen Bevölkerung zählen die Maya, Garífuna (Afroguatemalteken) und Xinca, wobei die Maya mit über 20 linguistischen Gruppen die stärkste Volksgruppe darstellen. Die "Ladinos", die das Land politisch und wirtschaftlich dominieren, definieren sich heute hauptsächlich darüber, keine Indígenas zu sein.

Die Wahrheitskommission unter der Leitung des deutschen Völkerrechtlers Christian Tomuschat hat in ihrem Bericht Erinnerung an das Schweigen (1999) Zeugnis über die an Frauen und Mädchen begangenen Verbrechen abgelegt. Es ist das Verdienst der Kommission, auf die unbewältigte Demütigung und Traumatisierung von Maya-Frauen aufmerksam gemacht zu haben.Während des Bürgerkrieges wurden sie Opfer grausamer Menschenrechtsverletzungen und misshandelt. Die systematische Vergewaltigung von Frauen war gezielte Strategie der Streitkräfte, um die Würde der Maya-Bevölkerung zu zerstören. Über die Vergangenheit schweigen viele, doch ist die Erinnerung an Genozid und Vertreibung zum Bestandteil der kollektiven Identität der Indígena-Bevölkerung geworden.

Für Frauen hat der Friedensprozess neue Handlungsspielräume eröffnet. Viele von ihnen, darunter Frauen, die Massaker, Vertreibung und Exil überlebt haben, sind in unzähligen Gruppen, lokalen Initiativen und dörflichen Entwicklungskomitees organisiert. Ihre Tatkraft beziehen Maya-Frauen aus der Existenz ihrer Vorfahren und weiblichen Vorbilder. Zu diesen zählt die Mondgöttin Ixmucané. Sie verkörpert den Archetyp der starken "Großmutter", Heilerin und "alten Weisen". Über ihr Wirken und Tun berichten viele Legenden. Trotz jahrhundertelanger Kolonisierung, Unterdrückung und Bürgerkrieg wurden die weiblichen Archetypen mit ihren innewohnenden Kräften im Bewusstsein vieler Maya-Frauen nicht verschüttet. Heute trägt eine der zahlreichen Frauenorganisationen den Namen dieser Mondgöttin: Ixmucané setzt sich für Landeigentum für Frauen ein, fördert Mädchenbildung und die Alphabetisierung von Indígena-Frauen, die wichtige Grundlagen für ihre persönliche Identität und Stärke bilden.

Die Gründung der Ombudsstelle zeugt davon, wie schwierig es ist, als Indígena-Frau in Guatemala zu leben und gleichzeitig Rechte als aktive Staatsbürgerin wahrzunehmen. Neben dem Kulturministerium ist die Ombudsstelle die einzige staatliche Behörde, die von einer Indígena-Frau geleitet wird. Die erste Ombudsfrau ist Juana Catinac, eine selbstbewusste Maya-K'iché. Mit über 600 000 Mitgliedern sind die K'ichés die größte Maya-Gruppe. Sie sind stolz auf die Pyramiden und Tempel von Tikal, das heilige Buch der Maya, den Popol Vuh, der die spanische Eroberung überlebt hat und als der bedeutendste in K'iché verfasste Text gilt. Der Popol Vuh wurde vermutlich Mitte des 16. Jahrhunderts in lateinischer Sprache festgehalten und gilt als eindrucksvoller Ausdruck indigener Literatur.

Bereits als junge Frau engagierte sich Juana Catinac in ihrer Gemeinschaft, etwa bei der Lösung von Landkonflikten und Vermittlung von Streitigkeiten zwischen Gemeinschaften. Jetzt versucht sie, das Rechtsbewusstsein unter den Frauen zu fördern, damit sie sich gegen Diskriminierung und Gewalt wehren können. Sie erwarb Fähigkeiten, die ihr heute zugute kommen. Ihr Jurastudium brach sie wegen der Gewalt und zunehmenden Armut ihrer Familie ab. Trotz fehlendem Universitätsabschluss wurde ihr das Amt der Ombudsfrau übertragen. Mit ihrer Herkunft und Identität, ihren Kenntnissen über die Geschichte des Landes und frauenrelevante internationale und nationale Rechtsinstrumente erfüllte sie die wesentlichen Voraussetzungen. Je stärker sie politisch aktiv wurde, desto häufiger machte sie die Erfahrung, was es bedeutet, Maya-Frau zu sein. In ihr Bewusstsein hat sich eine wiederkehrende Bemerkung eingeprägt: " Hört nicht auf sie, was hat eine Indígena schon zu sagen!"