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6.5.2003 | Von:
Ludgera Klemp

Frauen fordern ihre Rechte als Indígenas und Staatsbürgerinnen

Die Ombudsstelle für Indígena-Frauen in Guatemala

II. Hüterin der Kultur

Wie in den meisten Gesellschaften ist auch in Guatemala die Frau Hüterin der Kultur. Die Mehrheit der Maya-Frauen trägt die handgewebten huipil-Blusen und Wickelröcke (corte). Die farbenprächtigen Blusen, Haarbänder und kunstvollen Kopfbedeckungen werden von antiken und modernen Mustern sowie Blumen und Tieren geziert. Der huipil ist häufig eine offene "Enzyklopädie", weil seine Abbildungen verschlüsselte Botschaften über Mythologie und Geschichte der Maya enthalten. Tiere wie der Jaguar und zweiköpfige Adler verkörpern den Widerstand gegen die spanische Kolonisierung. Weben und Erzählen bilden eine Einheit. Noch heute stellen Maya-Frauen ihre Kleidung selbst an Hüftwebstühlen her. Darüber hinaus ist für viele Frauen das Weben und der Verkauf von Textilien eine der wenigen Möglichkeiten, Einkommen zu erwirtschaften. Schutzpatronin und Erfinderin der Webkunst ist die Mondgöttin Ixchel. Auf präkolumbischen Stelen ist sie mit einem Webstuhl dargestellt.

Alltagsleben und Lebensweise sind stark von der Kosmovision der Maya beinflusst, denn die gedanken- und gestaltreiche Mythologie lebt in den Frauen fort. Darin ist der Mensch Teil der Natur, die es zu schützen und in ihrer biologischen Diversität zu erhalten gilt. Insbesondere mit dem Land verbindet Indígena-Frauen eine vielschichtige und spirituelle Beziehung. Eine wesentliche Quelle der Kultur und Kosmovision bildet die "Mutter Erde". Sie ist der Ort des sozialen Lebens und der Gemeinschaftsarbeit, sie liefert Nahrungsmittel und beherbergt die Toten. Viele Seen, Flussläufe, Wälder, Berge und Hügel gelten als heilige Stätten, die in Zeremonien geehrt werden. Zahlreiche Bäume werden vor menschlichen Eingriffen geschützt, weil sie wichtige Lebensfunktion erfüllen, wie die Ceiba, die den Lebensbaum und die Achse der Welt verkörpert.

An sakralen Plätzen und Monumenten, die zum Teil während des Bürgerkrieges zerstört wurden, finden die religiösen Zeremonien statt, die für die Maya von existentieller Bedeutung sind. Im Maya-Kalender hat jeder Tag einen Hüter (nawal), der als "Tagesgott" die Menschen beschützt. Von ihnen beziehen sie ihre spirituelle Nahrung und Energie, die ihnen ihre Tatkraft verleiht. Frauen haben sich als "die Weberinnen des Friedens" (tejedoras de la paz) durch neue Formen politischer Netzwerkarbeit einen Namen gemacht. Richtungweisend ist das nationale Frauenforum, ein ethnienübergreifender und landesweiter Zusammenschluss, der die Umsetzung der geschlechterrelevanten Friedensvereinbarungen kritisch überwacht. Geschlechterungleichheit und gemeinsame Nöte helfen dabei, traditionelle Feindbilder zwischen Indígenas und Ladinas abzubauen.

Wie in anderen Nachkriegsgesellschaften sind auch in Guatemala Frauen die treibende Kraft beim Wiederaufbau ihrer Gemeinschaften, obwohl in den Dörfern Opfer und Täter in enger Nachbarschaft leben. Als Witwen und Hinterbliebene tragen Indígena-Frauen die Verantwortung für ihre Familien. Unter schwierigen Bedingungen haben sie eine protagonistische Rolle als Wegweiserinnen des Friedens übernommen. Von ihnen ging weder die Gewalt aus, noch waren sie an den Verbrechen des Bürgerkrieges und anderen Greueltaten beteiligt. Obwohl die Erinnerungen an die Vergangenheit nicht verblassen, ist es für sie leichter, verfestigte Trennlinien zu überwinden und Brücken zu bauen.