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6.5.2003 | Von:
Ludgera Klemp

Frauen fordern ihre Rechte als Indígenas und Staatsbürgerinnen

Die Ombudsstelle für Indígena-Frauen in Guatemala

III. Diskriminierung im Alltagsleben

Heute ist die Situation von Indígena-Frauen von sozialer Heterogenität gekennzeichnet. Doch ist die Mehrheit einer dreifachen Diskriminierung ausgesetzt: als Frau, Angehörige einer ethnischen Volksgruppe und Teil der Armutsbevölkerung. Die überwiegende Mehrheit lebt in extremer Armut unter Bedingungen sozialer, kultureller, wirtschaftlicher und politischer Ausgrenzung. Auch Indígena-Frauen mit Universitätsabschluss stoßen auf gesellschaftliche Widerstände, die ihre beruflichen Möglichkeiten und Aufstiegschancen einschränken. Allgemein verfügen sie über weniger soziale und wirtschaftliche Chancen, werden schlechter bezahlt als Männer und sind häufig Opfer familiärer und sexueller Gewalt. In der Öffentlichkeit werden Indígena-Frauen oft diskriminiert. Die Tatsache, dass sie die traditionelle Kleidung tragen, macht sie besonders verletzlich. Selbst die Tourismusbranche scheut manchmal nicht davor zurück, herkömmliche Diskriminierungsmuster zu reproduzieren, indem sie mit hellhäutigen, in Maya-Trachten gekleideten Frauen für die folkloristischen "Reize" des Landes wirbt.

Indígena-Frauen fühlen sich beleidigt, wenn sie als "Inditas" und "Marias" angesprochen werden. Einige nehmen nach einer ungeschriebenen Regel in öffentlichen Verkehrsmitteln auf den hinteren Sitzen Platz, weil die vorderen für Ladinos reserviert sind. Wenn sie es nicht tun, werden sie oft dazu aufgefordert: "Nach hinten María, dort ist dein Platz!" Selbst in Supermärkten und Restaurants machen sie nicht selten die Erfahrung, unerwünscht zu sein. Viele finden sich mit dieser Realität ab und schweigen über ihr Leid. Im gebeugten Gang der Frauen offenbart sich die harte körperliche Arbeit sowie ihr verinnerlichtes Unsicherheits- und Minderwertigkeitsgefühl.

Während die Älteren in der Subsistenzlandwirtschaft überleben, wandern viele junge Frauen in die Städte ab, in denen sie als billige Arbeitskräfte in Lohnveredelungsbetrieben (Maquila), als Hausangestellte und im informellen Wirtschaftssektor arbeiten.Vor allem die Landfrage ist noch ungelöst. Immer wieder kommt es zu Landkonflikten, weil der fruchtbare und landwirtschaftlich nutzbare Boden sehr ungleich verteilt ist. Allerdings gibt es erste, bescheidene Lösungsversuche, die den Landerwerb der indigenen Bevölkerung fördern und sogar das Miteigentum von verheirateten Frauen ermöglichen. Aufgrund der Diskriminierung in den eigenen Gemeinschaften gelingt es nur einer Minderheit von Frauen, Land zu besitzen und die Kontrolle darüber auszuüben.

Auch öffentliche Dienstleistungen nehmen wenig Rücksicht auf die Kosmovision, Normen und Wertvorstellungen der indigenen Bevölkerung. Das Gesundheitssystem erkennt das traditionelle indigene Wissen nicht in ausreichendem Maße an, wie die Anwendung von Naturheilverfahren und Entbindungspraktiken, die vorzugsweise an zeremoniellen, therapeutischen Orten oder in den traditionellen Dampfbädern (temascales) stattfinden. Es mangelt an angepassten therapeutischen Beratungsangeboten für die Heilung seelischer Krankheiten, wie die tiefen Wunden, die der Bürgerkrieg hinterlassen hat. Weiterhin ist in den meisten öffentlichen Einrichtungen Personal beschäftigt, das nur Spanisch spricht. Ebenso zeichnen sich im Bildungsbereich erst allmählich multiethnische pädagogische Ansätze ab. Eine multilinguale Bildungspolitik und eine an der Multiethnizität ausgerichtete Gesundheitspolitik sind jedoch für die kollektiven sowie individuellen Lebens- und Verwirklichungschancen von elementarer Bedeutung.

Ebenso benachteiligt das Justizsystem Indígena-Frauen. Zum offiziellen Justizsektor haben sie kein Vertrauen, da sie den Behörden, die ihnen während des Bürgerkrieges keinen Schutz geboten haben, nicht vertrauen. Wegen der Schwellenängste und Sprachbarrieren sowie des Kosten- und Zeitaufwandes des offiziellen Rechtsweges scheuen sie davor zurück, diesen Weg in Anspruch zu nehmen. Insbesondere die auf dem Land lebenden Frauen sind monolingual und stoßen auf Schwierigkeiten. Noch ist es für die meisten Frauen nicht selbstverständlich, Rechte wahrzunehmen und gegen Diskriminierung, Geschlechtergewalt und Erbschaftskonflikte vorzugehen. Fehlendes Rechtsbewusstsein und Furcht vor Sanktionen hindern Frauen daran, Beratung zu suchen und Rechte in Anspruch zu nehmen. Darüber hinaus spielt im Alltag das Gewohnheitsrecht in der traditionellen Konfliktmediation eine wichtige Rolle. Daher hat auch die Wahrheitskommission die Stärkung indigener Rechtspraktiken innerhalb der guatemaltekischen Rechtsordnung gefordert - jedoch nur soweit ihre Normen mit der Verfassung und mit völkerrechtlich verbindlichen Konventionen vereinbar sind.

Bei familiären oder gesellschaftlichen Konflikten wenden sich Betroffene oft an Ältestenräte oder religiöse Autoritäten. Die zentralen Rechtsprinzipien basieren auf Konsenskultur und Wiederherstellung der Harmonie durch Mediation, d.h. auf dem Ausgleich von Gegensätzen und Wiedergutmachung von angerichteten Schäden. Hierin unterscheiden sich traditionelle Rechtsnormen von modernen, die weitgehend auf einer Konfliktkultur gründen. Ohne Zweifel bieten traditionelle Rechtspraktiken Vorteile: Ihre Autoritäten befinden sich im sozialnahen Raum, es bestehen keine sozialen oder Sprachbarrieren, die Verfahren sind schnell und kostenlos.

Doch obwohl die Frau als Trägerin der Kultur vielfach "verehrt" wird, bietet ihr das Gewohnheitsrecht keinen ausreichenden Schutz. Es bewahrt sie weder vor Diskriminierung noch vor Gewalt. Zwar ergänzen sich in der Kosmovision der Maya Frauen und Männer in der Wahrnehmung ihrer Geschlechterrolle und Funktionen harmonisch, doch sieht die Lebensrealität der Frauen meist anders aus. Für sie verbindet sich das Gewohnheitsrecht mit Widersprüchen und Nachteilen. Die fehlende Anerkennung von Frauen als eigenständige Rechtsperson, ein sie benachteiligendes Erbrecht sowie frühe und arrangierte Ehen sind für sie kein Grund, das traditionelle Recht zu idealisieren. Männergewalt gegen Frauen wird noch weitgehend als "normal" betrachtet oder mit dem erhöhten Alkoholkonsum des Partners entschuldigt.

Dennoch macht der Veränderungswille von Frauen auch vor privaten Geschlechterbeziehungen nicht Halt. Am eigenen Leib spüren sie die Folgen männlicher Geschlechteridentität in der noch militarisierten Nachkriegsgesellschaft und fordern das Recht auf ein Leben ohne Gewalt. Sie wollen als Rechtspersonen anerkannt sein, über einen gleichberechtigten Zugang zu wirtschaftlichen und produktiven Ressourcen verfügen, ein Recht auf Schul- und Berufsbildung, auf Geburtenkontrolle und integrale Gesundheit haben. Dieser Prozess verläuft nicht konfliktfrei - Frauen, die für ihre Rechte eintreten, gelten oft als "schlechte" Frauen und stoßen in ihren Gemeinschaften auf Misstrauen. Die Stadt gilt als kein guter Aufenthaltsort, weil sie einen "schlechten" Einfluss auf die weibliche Identität hat.