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6.5.2003 | Von:
Ludgera Klemp

Frauen fordern ihre Rechte als Indígenas und Staatsbürgerinnen

Die Ombudsstelle für Indígena-Frauen in Guatemala

IV. Indígena-Frauen fordern "spezifische Rechte"

Mit der Ombudsstelle existiert erstmals eine Institution für die Rechts- und Sozialberatung von Indígena-Frauen. Sie zeugt von der Notwendigkeit, geschlechtsspezifische Gewalt und Diskriminierung auf breiter Basis abzuwehren. Ihre normativen Grundlagen bilden das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau, die vom guatemaltekischen Staat ratifizierten frauenrelevanten regionalen Abkommen sowie die Konvention Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) über die kollektiven Rechte indigener Völker. Die Ombudsstelle setzt sich für die Umsetzung aller frauenrelevanten Gesetze und ratifizierten internationalen Abkommen ein. Sie steht daher vor einer doppelten Herausforderung: einerseits den kollektiven Rechten der indigenen Bevölkerung, ihren Normen und Institutionen Geltung zu verschaffen, andererseits gewohnheitsrechtliche Praktiken in Einklang mit modernen Rechtsnormen zu bringen. Von elementarer Bedeutung ist die Anerkennung der spezifischen Rechte von Indígena-Frauen, die in einem Katalog zusammengefasst wurden:

- Recht auf ethnokulturelle Identität,

- Recht auf Identifizierung als Indígena-Frau,

- Recht, nicht von einer fremden Kultur assimiliert zu werden,

- Recht auf Partizipation in Leitungsfunktionen innerhalb und außerhalb ihrer Gemeinschaften,

- Recht auf Veränderung von Gewohnheiten und Traditionen, die ihre Würde und Gleichberechtigung verletzen, d. h. beispielsweise das Recht auf Landeigentum und freie Partnerwahl,

- Recht auf ein Leben ohne physische, psychische und seelische Gewalt,

- Recht auf Wiedergewinnung von Gewohnheiten und Traditionen, die ihre Identität stärken, sowie das

- Recht auf menschenwürdige und respektvolle Behandlung.

Weitere Rechte beziehen sich auf den Zugang zu Land und gesicherte (individuelle wie kollektive) Eigentums-und Nutzungsrechte, die Anerkennung unbezahlter Haus- und Gemeinschaftsarbeit, Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf Grundlage der geltenden Arbeitsgesetzgebung, Chancengleichheit in der Erziehung, das Recht auf integrale Gesundheitsversorgung, Schutz gegen geschlechtsspezifische Gewalt sowie faire Aufteilung von Verantwortung und Entscheidungsbefugnissen innerhalb der Familie.

Durch gezielte Aktionen und in Zusammenarbeit mit staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren strebt die Ombudsstelle danach, die Rechtsposition von Frauen zu verbessern und Gewalt gegen Frauen zu sanktionieren. Frauen werden rechtlich und sozial beraten, Klagen an die entsprechenden Rechtsinstanzen weitergeleitet sowie Frauen und Männer über die spezifischen Rechte der Frau aufgeklärt. Die Mehrheit der Klientinnen sucht Hilfe in Fällen von intrafamiliärer und sexueller Gewalt, bei Erbschafts- und Landkonflikten sowie für die Erstellung persönlicher Ausweispapiere. Häufig kommt es vor, dass Mädchen bei Geburt nicht registriert werden und infolgedessen keine persönlichen Dokumente besitzen. Darüber hinaus setzt sich die Ombudsstelle dafür ein, dass einzelne Sektoren der Politik, öffentliche Programme und Dienstleistungen die Multiethnizität des Landes und die spezifischen Interessen von Frauen berücksichtigen.

Der Aufbauprozess der Ombudsstelle ist mühsam - vor allem mangelt es an Ressourcen für die Errichtung von Büros außerhalb der Hauptstadt. Für die Beratungsarbeit fehlen ausgebildete Juristinnen und Psychologinnen, die Frauen in den lokalen Sprachen beraten und durch die offiziellen Rechtsinstanzen begleiten. Zwar fördern die Vereinten Nationen (UNDP, UNICEF) und die deutsche Entwicklungszusammenarbeit die institutionelle und personelle Stärkung, doch können sie nicht die notwendigen Eigenleistungen der guatemaltekischen Regierung ersetzen.