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6.5.2003 | Von:
Ludgera Klemp

Frauen fordern ihre Rechte als Indígenas und Staatsbürgerinnen

Die Ombudsstelle für Indígena-Frauen in Guatemala

VII. Ohne Bürgerrechte, Identität und Differenz kein Frieden

Die Friedensverträge erkennen erstmals die Multiethnizität und Vielsprachigkeit des Landes an. Darüber hinaus verpflichten sie Regierung und Zivilgesellschaft, die Rechte von Frauen zu stärken. Multiethnizität und die Gleichberechtigung von Frauen und Männern können sich nur auf der Grundlage sozialer Gerechtigkeit sowie politischer und wirtschaftlicher Partizipation entwickeln. Wo Bürgerrechte, Identität und Differenz keine Anerkennung finden, wachsen Konfliktpotenziale. Und die kumulativen sozialen Folgekosten von Diskriminierung, ungleich verteilten Ressourcen und Lebenschancen sind kaum zu ermitteln, dennoch werden sie von der gesamten Gesellschaft getragen. Aus der Wechselbeziehung von struktureller und politischer Gewalt (Makrogewalt) sowie interpersoneller Gewalt (Mikrogewalt) lässt sich schlussfolgern: Je weniger soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Exklusion es gibt, je gerechter gesellschaftliche Strukturen, je egalitärer Paarbeziehungen, je demokratischer Gesellschaftsordnungen sind, desto geringer ist das Gewaltaufkommen. Ohne politische Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der Gewaltthematik und ihren geschlechtsspezifischen Dimensionen, ihren Ursachen und Folgen, ist nachhaltige Sicherheit für beide Geschlechter und alle Volksgruppen kaum möglich.

Der Friedensprozess kommt nur schleppend voran, weil die Rechte der Indígena-Bevölkerung in einem langsamen und widersprüchlichen Prozess umgesetzt werden. Die überwiegende Mehrheit ist auch weiterhin sozial, politisch und ökonomisch marginalisiert. Frauen sind in besonderer Weise von den Folgen ausbleibender Reformen betroffen. Noch immer steht die Frage nationaler Versöhnung und Entschädigungen für die Bürgerkriegsopfer ungelöst auf der politischen Tagesordnung. MINUGUA hat erst kürzlich die im Land vorherrschenden Verhältnisse als Apartheid-System kritisiert. Allgemein sind die Organisationen der internationalen Gebergemeinschaft wichtige Verbündete der Organisationen und Institutionen, die sich für die Umsetzung der Friedensverträge einsetzen.

Friedenssichernd sind Bemühungen, die die Stärkung demokratischer Verhältnisse und sozialer Chancengleichheit mit kultureller Gleichwertigkeit und Toleranz verbinden. Auf allen Ebenen öffentlicher Politik und bei allen öffentlichen Dienstleistungen müssen Identität und Differenz berücksichtigt werden und sichtbar sein. Hierzu zählt die Repräsentanz ethnokultureller Vielfalt in Regierung und nachgeordneten Behörden sowie Sektorpolitiken, die der Multiethnizität Rechnung tragen. In dem Maße, in dem es Politik gelingt, ethnokulturelle Diversität auf allen Ebenen nachhaltig zu verankern, werden kulturelle Gleichwertigkeit und gegenseitige Toleranz gestärkt sowie fortbestehende Konfliktpotenziale gemindert. Eine am Frieden ausgerichtete Regierungsführung betrachtet daher Diversität nicht als Störfaktor und Nachteil, sondern als Potenzial für den Aufbau einer Friedensordnung. Daher lässt sich der politische Wille für eine integrierende Gesellschaftsordnung nur im Licht der steuernden politischen Eingriffe zum Abbau vorhandener Bürgerrechtsverletzungen und Ausgrenzungsprozesse beurteilen.

Der Friedensprozess in Guatemala hat in dem Maße Zukunft, in dem die Angehörigen der verschiedenen Kulturen und ethnischen Gruppen bereit sind, an dem Aufbau einer multiethnischen Gesellschaft mitzuwirken und notwendige Veränderungen in der eigenen Lebenswelt und Kultur zuzulassen, um ein konfliktfreies Zusammenleben zwischen den verschiedenen Volksgruppen, sozialen Schichten und Geschlechtern zu ermöglichen. Dieses setzt gesellschaftlichen Bewusstseinswandel und weitreichende Veränderungen voraus.

Bedauerlicherweise wird die Dynamik dieser Prozesse dadurch erschwert, dass sich bisher nur Minderheiten in Regierung und Bevölkerung mit der Aufarbeitung der Vergangenheit und den Empfehlungen der Wahrheitskommission aktiv auseinander setzen. Die Wächter der Friedensverträge sind die Institutionen, die aus diesen hervorgegangen sind, sowie Organisationen der Zivilgesellschaft. Mehr als zehn Jahre, nachdem Rigoberta Menchú Tum den Friedensnobelpreis erhielt, ist ihre damalige Aussage noch aktuell, dass der Preis ein Aufruf an alle Guatemaltekinnen und Guatemalteken sein soll, Verantwortung für den Aufbau einer soliden und dauerhaften Friedensgesellschaft zu übernehmen. Von der Erfüllung dieser Aufgabe kann erst dann gesprochen werden, wenn die Rechte der am stärksten diskriminierten Bevölkerungsgruppe anerkannt sind, nämlich die Rechte der indigenen Frauen als Indígenas und Staatsbürgerinnen. Hierzu leistet die Ombudsstelle einen wichtigen Beitrag.