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6.5.2003 | Von:
Tobias J. Knoblich

Soziokultur in Ostdeutschland

II. Soziokultur - "Wiedervereinigung" bürgernaher Kulturarbeit in Ost und West

Wenn es im kulturellen Bereich nach 1990 ein wirkliches Experimentierfeld gegeben hat, dann jenes, das zur Etablierung einer ostdeutschen Soziokultur führte. Was hier im Kontext der Vereinigung zusammenwachsen sollte, hätte auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein können: Mit dem Kunstbegriff "Soziokultur" fasste man im Westen eine ausgesprochen staatsferne und -kritische Kulturpraxis, deren Strukturmerkmale mit Begriffen wie "Basisdemokratie" und "Selbstorganisation" zu beschreiben wären. Im Osten hingegen traten Anwärter für Soziokultur in die Öffentlichkeit, die zuvor in staatlicher Trägerschaft gewesen waren oder aber gerade im Trubel des Umbruchs jene Freiheit probten, die sie zuvor eher im Untergrund oder überhaupt erstmalig für sich beanspruchen konnten. So gesehen gab es eigentlich gar nichts "wieder zu vereinigen" auf diesem Gebiet, da die Praxis beider Systeme trotz gemeinsamer Vorläufer und am Ende vergleichbar "weiter" Kulturbegriffe als jeweils einmalig zu bezeichnen wäre.

Hatte im Westen Soziokultur etwas mit kultureller Demokratisierung zu tun, mit der jenseits institutionalisierter, vor allem an Kunstkultur interessierter Kulturpolitik zumal jene Einrichtungen und Initiativen ihr Recht beanspruchen, die etwa im Stadtteil kreativ und beteiligungsorientiert wirken wollten, hatte die DDR-Führung kulturelle Demokratisierung hingegen als Mittel der Persönlichkeitsformung auf dem Weg in eine klassenlose Gesellschaft gefordert. Erstrittene Kommunikations- oder Soziokulturelle Zentren und Kulturläden also auf der einen Seite, Kulturhäuser, -paläste oder Klubs auf der anderen; Initiativen oder freie Trägerschaft im Westen, staatliche Trägerschaft oder Untergrund im Osten.

Bedeutete Vereinigung in vielen Bereichen tatsächlich nur "Beitritt Ostdeutschlands" und ließ so gut wie keine Spielräume für Experimente, so provozierte sie in der Soziokultur hingegen Veränderungen auf beiden Seiten. Ausgeklammert wird damit zunächst die Bewertung der Entwicklung der westdeutschen Soziokultur im letzten Vorwendejahrzehnt, in dem nach Auffassung von Kritikern ein großer Teil ihres ursprünglich gesellschaftskritischen Agierens zugunsten einer bloßen kulturellen Praxis in den Hintergrund getreten ist.[5] Auch die DDR-Praxis müsste man für eine genauere Bestandsaufnahme präziser bewerten, denn hier scheint gerade zum Ende hin ein zunehmender Verlust staatlicher Kontrolle und unter der Hand eine Umdeutung breitenkultureller Praxis eingesetzt zu haben. Möglicherweise war gerade dies auch für die Akteure beider Seiten ein Grund, die "Wende" als Mandat zu begreifen, die eigene Praxis zu hinterfragen und einen wirklichen Dialog zu suchen, an dem beide Seiten wachsen konnten.

Was zunächst also nicht viel mehr als die Übernahme einer in der DDR unbekannten Spartenbezeichnung zu sein schien, geriet in der Praxis zu einem Prozess der Aushandlung bürgernaher, kleinteiliger Kulturarbeit, mit dem sowohl Erbe und Defizite aus der Breitenkultur der DDR in Ansätzen aufgearbeitet als auch die Praxis der Altbundesländer ausgesprochen kritisch adaptiert werden konnten. Wie in keiner anderen kulturellen Sparte war in diesem Bereich ein Höchstmaß an Umdeutung, Selbstverwirklichung und Neuanfang möglich, weil die jüngste und formbarste Institutionalisierung der westdeutschen Kulturlandschaft gleichsam als Schablone diente: die Soziokulturellen Zentren. Selbst erst im "langen Marsch" durch die Institutionen einigermaßen gefestigt und infolge der Herkunft vieler Protagonisten aus den Neuen Sozialen Bewegungen sehr selbstkritisch,[6] waren sie - programmatisch in jedem Falle - auf der Hut vor Erstarrung in einem notwendig fluide zu haltenden Entwicklungsstrom der Gesellschaft.

Szenarien, in denen sich Soziokultur als Motor von Veränderungen erweisen konnte, mussten ihnen also gelegen kommen - hatten sie doch selbst im Zuge von Protestbewegungen zu einer kulturellen "Neumöblierung der Stadt" beigetragen und neben den eher "bürgerlichen" Kultureinrichtungen der großen Selbstspiegelung (Theater, Oper) oder der Erinnerung (Museen) Zentren der aktiven Gestaltung und politischen Bildung geschaffen (Kommunikations- und Stadtteilzentren, später Soziokulturelle Zentren). Auf diese Weise standen sie an der Spitze gesellschaftlich notwendiger Veränderungen und verkörperten eine neue Form von Befähigungsstrategie. Die "Wende" konnte folglich zeigen, dass sie noch immer wussten, wie mit Veränderung verantwortlich umzugehen sei und welche Themen oder Organisationsformen auf die Agenda eines demokratischen Ostdeutschlands gehörten. Auch der Grad ihrer verbandlichen Organisation war alles andere als komplex und wandlungsunfähig.

Es begegneten sich also auf diesem Feld nach der Wiedervereinigung mehrheitlich Akteure, für die Kultur nicht in erster Linie durch die großen Koordinaten der Geschichte und Politik vorgegeben, sondern zur demokratischen Ausgestaltung vor Ort einfach gemacht werden sollte. Was sie grundsätzlich unterschied, war freilich der jeweilige gesellschaftliche Hintergrund und ihre Sozialisation. Es gab hier jedoch viel weniger Irritationen oder sie fielen ungleich harmloser aus als die Auseinandersetzungen, die in anderen Arenen der deutsch-deutschen Vereinigung ausgetragen wurden. Vor allem waren die Biographien der West-Akteure mehrheitlich so beschaffen und mit der Durchsetzung selbstorganisierter Zentren verwoben, dass sie die Ost-Akteure nicht mit einem errungenen Status konfrontierten.[7] Soziokultur zu machen blieb auch für sie immer ein Weg, nie nur die Verteidigung eines erreichten Ziels, wenn viele von ihnen auch inzwischen in festen Häusern arbeiteten. Die Vielfalt ostdeutscher Ansätze und Ausgangspunkte war insofern nie ein Dilemma.


Fußnoten

5.
Vgl. Tobias J. Knoblich, Das Prinzip Soziokultur - Geschichte und Perspektiven, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 11/2001, S. 7ff.
6.
Vgl. Joachim Schulze, Soziokulturelle Zentren - Stadterneuerung von unten, Essen 1993.
7.
Vgl. Albrecht Göschel, Die Ungleichzeitigkeit in der Kultur. Wandel des Kulturbegriffs in vier Generationen, Essen 1995: "Kultur als Suche nach einer Lebenswelt der Nähe und gefühlsgetragenen Sozialbeziehungen. Es ist die Generation der um 1950 Geborenen, die in den 70er und 80er Jahren die neuen Ansätze der Sozio- und Stadtteilkultur trägt." (S. 78).