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6.5.2003 | Von:
Tobias J. Knoblich

Soziokultur in Ostdeutschland

III. Alternative Kultur und politische Anerkennung

Als vorteilhaft für die beiderseitige Arbeit an einer gesamtdeutschen Soziokultur kann die knapp vor der deutschen Einheit (im April 1990) von der Bundesregierung beantwortete Große Anfrage der SPD zur Bedeutung der Soziokultur gewertet werden.[8] Nicht nur, dass auf diese Weise von der Bundesregierung höchstselbst eine recht detaillierte Beschreibung des Wesens und der Ziele von Soziokultur - und damit eine längst überfällige Anerkennung - in den öffentlichen Diskurs eingebracht wurde, vielmehr wies diese Verlautbarung auch auf die mögliche Rolle der Soziokultur bei den Veränderungen im künftigen Ostteil des Landes hin: "Die politischen Veränderungen in der DDR eröffnen neue Chancen und Wege der Zusammenarbeit auch im Kulturellen Bereich. Angesichts der notwendigen Stärkung einer dezentralen Kulturpolitik und soziokulturellen Arbeit ist die Bundesregierung bereit, durch die Förderung besonderer Modelle zur Qualifizierung und Beratung hierzu einen Beitrag zu leisten."[9]

Genau dies passierte schließlich auch und begünstigte die Entstehung einer soziokulturellen Infrastruktur im Osten. Förderpolitisch gab es schon seit 1988 den aus Bundesmitteln gespeisten Fonds Soziokultur, aus dem innovative, aber zeitlich befristete Vorhaben (Projekte) unterstützt wurden und werden. Für Ostdeutschland aber ist der Oktober 1991 ein wichtiges Datum. Zu diesem Zeitpunkt nämlich trafen sich im brandenburgischen Künstlerheim "Bettina von Arnim" mit Unterstützung des Bundesministeriums des Innern Expertinnen und Experten aus den alten und den neuen Bundesländern, um über Zustand und Zukunft der Soziokultur zu beraten. Ein Ergebnis dieser Beratung war die "Wiepersdorfer Erklärung",[10] in der u. a eine Beschäftigungs- und Qualifizierungsoffensive Soziokultur gefordert wurde. Diese hatte nicht nur eine wichtige Signalwirkung für die Förderpolitik der Bundesländer, sondern nahm auch den Bund in seine bereits selbst eingeräumte Pflicht. Im Freistaat Sachsen beispielsweise wurde eine Legislaturperiode lang ein "Strukturförderprogramm Soziokultur" aufgelegt, das vor allem eine institutionelle Anschubfinanzierung ermöglichen sollte. Gleichzeitig wurde aus diesem Programm ein Modellprojekt des Bundesministeriums für Forschung, Wissenschaft und Technologie mitfinanziert, auf dessen Grundlage ein umfassendes Weiterbildungskonzept umgesetzt werden konnte. Es hieß "Soziokultur-Management" und diente der komplexen Weiterbildung von Mitarbeitern ganzer Einrichtungen. Entwickelt und durchgeführt wurde diese Maßnahme vom zuständigen Landesverband (LAG Soziokultur Sachsen e. V.) in Kooperation mit der Technischen Universität Dresden.[11]

Die von der Bundesregierung unter maßgeblicher Zuarbeit der einschlägigen Kulturverbände aufgestellte "Definition" fand in der Folge eine inflationäre und variantenreiche Anwendung. Fast auf den Wortlaut genau findet man sie in vielen einschlägigen Förderrichtlinien wieder. Soziokultur als "feste Größe im kulturellen Leben der Bundesrepublik Deutschland" erkennt man demnach etwa an ihrer sparten- und generationsübergreifenden kulturellen Arbeit mit sozialen Bezügen, die kommunikationsfördernd wirken, sowie an ihrer Verzahnung von Kultur-, Bildungs- und Sozialarbeit vor allem im Bereich politisch und gesellschaftlich relevanter Themen. Mehr noch, Soziokultur - so heißt es - erleichtere den Zugang zu Kunst und Kultur für alle, beziehe die alltägliche Lebenswelt mit ein und trage zur Ausdifferenzierung der künstlerischen Praxis jenseits traditioneller Institutionen bei. Allerdings unterstrich auch die Bundesregierung den Experimentalcharakter soziokultureller Arbeit und räumte ein, dass möglicherweise nicht jeder Beitrag von Bestand sein könnte.[12] Das Experiment konnte also auf hohem und anerkanntem Niveau weitergehen, und Ostdeutschland beteiligte sich sehr rasch an ihm.


Fußnoten

8.
Vgl. Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der SPD vom 25. 4. 1990, BT-Drs. 11/6971.
9.
Ebd., S. 2.
10.
Vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft der Kulturkooperativen und freien Gruppen u.a. (Hrsg.), Forderungen und Empfehlungen für eine Strukturhilfe Soziokultur in den neuen und alten Bundesländern, "Wiepersdorfer Erklärung", Dortmund u.a. 1992.
11.
Vgl. Grit Hanneforth, Das Weiterbildungsangebot "Soziokultur-Management" in Sachsen. Ein Baustein für die Zukunftsfähigkeit der Soziokultur, in: Informationsdienst Soziokultur, Nr. 31, Essen 1997, S. 12ff.
12.
Vgl. Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der SPD (Anm.8), S. 1f.