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6.5.2003 | Von:
Tobias J. Knoblich

Soziokultur in Ostdeutschland

IV. Entstehungsbedingungen ostdeutscher Soziokultur

Die Bedingungen für die Akteure der neuen Bundesländer, dem Transformationsprozess soziokulturelle Einrichtungen abzugewinnen, standen demzufolge günstig:

- Es gab bereits eine aus kritischen Milieus generierte und verstetigte Kulturarbeit, die als Strukturziel eines Umbaus der DDR-Breitenkultur gelten konnte. Eine mit der Alt-Bundesrepublik vergleichbare Zielgröße war ein wichtiges Kriterium für den Transformationserfolg und die Durchsetzung legitimer Fördersegmente. Das legte auch die strukturelle Anpassung der öffentlichen Verwaltung in den neuen Bundesländern und die damit verbundene Dominanz westlichen Verwaltungspersonals nahe: Breitenkultur als Fördertatbestand wäre ungleich schwerer durchsetzbar gewesen als die inzwischen etablierte Soziokultur. Dass sich hinter identischen Begriffen keine identische Praxis verbergen muss, versteht sich dabei von selbst.

- Es gab tatsächliche inhaltliche Entsprechungen zwischen den Praxisfeldern Ost und West, die frühzeitig einen produktiven Austausch und Dialog zwischen Soziokulturakteuren und "Struktursuchenden" förderten. Einige Protagonisten der ersten Stunde kamen selbst in den Osten, nahmen entweder Schlüsselpositionen in der Verwaltung ein oder gaben durch ihre Mitarbeit neuen soziokulturellen Initiativen ihre Prägung. Dies setzte nicht nur eine inhaltliche Debatte mit in Gang, sondern förderte auch eine beschleunigte Strukturbildung. Entsprechend schnell gründeten sich Landesverbände. Gab es in den alten Ländern zuerst einen Bundesverband, dem nach und nach die Etablierung von Landesverbänden folgte, so wuchsen hier gleichsam organisch mit den neuen Ländern auch die Verbände.[13]

- Schließlich gab es einen kulturpolitisch günstigen Rahmen: Zumal der Soziokultur wurden Potenzen beim demokratischen Aufbau Ostdeutschlands zugewiesen. Der "Kulturartikel" (Art. 35) im Einigungsvertrag sprach - zumindest implizit - vom Erhalt einer kulturellen Substanz, die sich auch am "weiten Kulturbegriff" in Ost und West messen lassen müsse.[14] Die neuen Länder haben das weitgehend erkannt und nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten zumindest anfangs recht viel für Substanzerhalt und Neubildung einer entsprechenden Infrastruktur getan.

- Letztlich konnte inzwischen auch gezeigt werden, dass den soziokulturellen Akteuren Ost durch ihre biographischen Wege in der DDR und die Art und Weise, wie sie in das Transformationsfeld Soziokultur gerieten und dieses mitgestalteten, ein "Aktivitätspotenzial" zugeschrieben werden kann, das sie den Protagonisten West schnell nahe brachte. Ihnen ging es mehrheitlich nicht um ein Festhalten, sondern um die "selbstinitiierte Neuauslegung der gesellschaftlichen Zustände"[15]. Die Präferenzen dazu brachten sie aus der DDR und ihrer Reibung an deren Bedingungen für das Kulturschaffen mit.

Das, was schließlich unter dem Begriff "Soziokultur" in Ostdeutschland zusammengefasst wurde, ist wesentlich heterogener als die Praxis der alten Bundesländer unter derselben Bezeichnung. Es ist sicher richtig, wenn Norbert Sievers diesem Konglomerat eine wichtige "Integrationsfunktion" zuschreibt,[16] die sowohl die Umstruktierung überkommener ("gewendeter") Einrichtungen ermöglicht als auch Raum für neue, die gewonnene Unabhängigkeit erprobende Initiativen bietet, die wie einst die Protagonisten im Westen Industriebrachen oder alte Villen mit alternativem Geist erfüllen. Diese Sonderfunktion kommt einer neuen Bedeutungsebene des Begriffs "Soziokultur" gleich, die auch seine weitere Verwendung bestimmen wird. Die Genese einer Praxis hat immer entscheidende Auswirkungen auf die Bedeutung des sie widerspiegelnden Begriffs; er bricht auf in verschiedene Facetten.[17]

Besonderes hervorzuheben ist die für eine demokratische Neuorientierung im Osten Deutschlands wichtige Beobachtung, dass auch in der Soziokultur die einst Marginalisierten entscheidende Beiträge für die Rückgewinnung eines selbst gestalteten Gemeinwesens erbringen. Ich möchte dies an einem Beispiel aus der Oberlausitz illustrieren:

Die Gemeinde Großhennersdorf mit etwa 1 600 Einwohnern, gelegen im sächsisch-polnisch-tschechischen Dreiländereck, war in der DDR geprägt von Landwirtschaft und Textilindustrie. Die periphere Lage bestimmte die Gegend auch als Standort einer der großen Behinderteneinrichtungen der DDR mit etwa 350 Insassen. Diese Einrichtung, die nicht zuletzt infolge kirchlicher Trägerschaft ein Ort alternativer Beschäftigung wurde, stellte für viele aus oppositionellen Zusammenhängen stammende Menschen eine letzte Bindung an die DDR dar - eine letzte Zuflucht vor der Ausreise. Nach der politischen Wende jedoch gingen von diesen Menschen ganz zentrale Impulse aus für die Gestaltung des Gemeinwesens, freilich verbunden mit der Intention, das wiedergewonnene freie Leben mit öffentlichem Wirken zu verquicken. Sie befassten sich mit Themen wie Umwelt, interkultureller Begegnung oder politischer Bildung, erwarben Immobilien, trugen zur dörflichen Erneuerung von vernachlässigten Objekten bei und schufen ein Netzwerk neuer Kompetenzen, neuen Sinns, während die ursprünglichen Gewerbezweige in die Bedeutungslosigkeit sanken. Ganz nebenbei bezogen sie auch die Behinderteneinrichtung in ihre Arbeit ein und lösten sie aus ihrer einstigen gesellschaftlichen Randlage.

Der Begriff " Soziokultur" ist erst später hinzugekommen, er wurde zur Klammer einer Kulturpraxis, die ganz selbstverständlich aus der Erfahrungssituation der Akteure entstanden war. Großhennersdorf wurde so zu einer "soziokulturellen Gemeinde", getragen vom "Begegnungszentrum im Dreieck e. V." und seinen Partnerinitiativen, die gerade im Hinblick auf die EU-Osterweiterung eine ganz zentrale und bisher weitgehend fehlende Basisarbeit der Verständigung aufbauen.


Fußnoten

13.
Außer in Berlin; Sachsen-Anhalt hat eine "gebrochene" Verbandsgeschichte im Bereich Soziokultur: Der zunächst gegründete Verband hatte keinen Bestand, im Herbst 2002 wurde ein neuer gegründet, der auch schon Mitglied der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e. V. ist.
14.
Vgl. Waldemar Ritter, Kultur und Kulturpolitik im vereinigten Deutschland, hrsg. vom Deutschen Kulturrat, Kulturpolitik - Dokumente, Bd. 1, Bonn - Berlin 2000, S. 46.
15.
Uta Karstein, Ferner Osten? Biographische Zugänge zur ostdeutschen Soziokultur, Potsdam 2002, S. 118.
16.
Vgl. Norbert Sievers, Soziokultur - eine Erfolgsgeschichte? Anmerkungen zur programmatischen und faktischen Positionsbestimmung, in: Handbuch KulturManagement, Stuttgart u.a. 1996, S. 13.
17.
Vgl. Tobias J. Knoblich, Stichwort "Soziokultur", in: Gerd Koch/Marianne Streisand (Hrsg.), Wörterbuch der Theaterprädagogik, Milow - Berlin 2003.