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6.5.2003 | Von:
Tobias J. Knoblich

Soziokultur in Ostdeutschland

V. Wirkung ostdeutscher Soziokultur und Bürgergesellschaft

Diese Etablierung der Soziokultur in Ostdeutschland kommt einer kleinen, stillen Revolution gleich, wenn auch gegenwärtig eine Kulturpolitik um sich greift, die jene Erfolge offenbar nicht mehr recht zu schätzen weiß.[18] Dabei sind es Basisinitiativen wie jene in Großhennersdorf, die ein Leitbild zur Etablierung einer angemessenen Förderpolitik abgeben sollten. Zwar geht Soziokultur im Osten nicht vollständig in der neu entstandenen freien Kulturszene auf, doch hat sie bzw. haben ihre Akteure einen erheblichen Beitrag zur Gestaltung des Übergangs und zur Kompensation entstandener Defizite geleistet. Darauf bezieht sich in bemerkenswerter Weise die Antwort auf die zweite Große Anfrage in der Geschichte der Soziokultur, welche die Bundesregierung im August 2000 gegeben hat.[19] Darin werden die Auswirkungen der Soziokultur auf den gesellschaftlichen Transformationsprozess als erheblich eingeschätzt. Maßgeblich dafür sei der "aus freiheitlichem und demokratischem Gedankengut sowie dem Bestreben nach Selbstgestaltung entwickelte Ansatz für die soziokulturelle Arbeit und die Organisation der Einrichtungen"[20].

De facto entstand eine breite Angebotspalette, die in kultureller Hinsicht zu einem Abfedern von Problemen des Systemwechsels beitragen konnte. Im Unterschied zu den zweifelsfrei einigungstauglichen "bürgerlichen" Kultureinrichtungen (Theater, Museen etc.) leistete die Soziokultur einen großen Beitrag zur Lösung der Probleme des Sozialraumes, indem sie der schnell einsetzenden Vereinzelung und "nachholenden Individualisierung" mit Hilfe des Aufbaus sozialer Netzwerke wieder Ansätze von Gemeinschaft entgegensetze. Das gilt insbesondere für die "generationsübergreifenden Angebote für Kinder, Jungendliche und Jungerwachsene aller sozialen und gesellschaftlichen Schichten". Ihnen und all jenen, die sie als Orte künstlerischer Betätigung oder gesellschaftspolitischer Diskussionen im Kontext etwa der Friedens- oder Umweltbewegung nutzten, gaben die soziokulturellen Angebote in einer sich rasch wandelnden, schwierigen sozialen Wirklichkeit die Möglichkeit, "sich zu Hause fühlen zu können"[21].

So unterschiedlich diese Initiativen förderpolitisch auch begleitet werden - im Grundsatz sind die soziokulturellen Einrichtungen nach Einschätzung der Bundesregierung voll in die kulturelle Infrastruktur der neuen Länder integriert und finden auch breite Akzeptanz in der Bevölkerung. Grundsätzlich ist in allen neuen Bundesländern eine Förderung soziokultureller Vorhaben (ob projektbezogen, investiv oder institutionell) auf Landesebene vorgesehen. In der qualitativen Bewertung durch die jeweiligen Landesregierungen wird deutlich, dass der Soziokultur in Ostdeutschland eine erweiterte gesellschaftspolitische Bedeutung zugewiesen wird. So betonen insbesondere das Land Brandenburg und die Ostberliner Bezirke die Bedeutung von Soziokultur für Jugendliche und deren aktive Einbindung in kulturelle Zusammenhänge. Der Anteil an Kinder- und Jugendkulturarbeit in soziokulturellen Angeboten fällt in den Ostländern nachweislich wesentlich höher aus,[22] folglich auch die Erwartung an die Übernahme bestimmter Aufgaben und die Erfüllung von Qualitätsstandards, die durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) und die von den Landesjugendämtern herausgegebenen Empfehlungen bestimmt werden. Auch in Sachsen bilden jugendhilfliche Angebote in soziokulturellen Einrichtungen ein ausgesprochen wichtiges Feld,[23] das auf Verbandsebene von einem Sozialpädagogen begleitet wird.

Diese spezifische Entwicklung und Anerkennung der Soziokultur in Ostdeutschland zeigt aber auch, dass bestimmte, in der DDR-Kulturpolitik und -gesellschaft bewahrte Eigenschaften in neuer Gestalt fortleben: etwa die protestantisch-preußische Tradition, nach der Kulturarbeit auch durch die Indienstnahme für Zwecke der sozialen Prävention legitimiert wird. Ungleich stärker als in der Soziokultur West lebt die Soziokultur im Osten von einem pädagogischen Impetus, so z.B. in der Jugendkulturarbeit. Auch mag die Erfahrung eine Rolle gespielt haben, dass Kultur in Zeiten großer politisch-gesellschaftlicher Brüche immer als erstes Heilmittel in Anspruch genommen worden ist.

Und so gleicht die Inbesitznahme verwahrloster Volkshäuser oder Werkshallen mit dem Zweck, die eigene Entfaltung mit der Gesundung des Gemeinwesens zu verbinden, jenen Nachkriegsbemühungen in der Sowjetzone: "Ruinen, Waschhäuser und Baracken wurden wie in Berlin oder in der Gartenstadt Falkenberg mit dem Volkshaus Bohnsdorf unmittelbar nach dem Krieg zu Spielhäusern oder Begegnungsstätten umgestaltet. In Erinnerung an die kulturellen Traditionen der Weimarer Republik und die Lebensreformbewegung nach 1900 knüpften sich in kürzester Zeit Selbsthilfenetze. Der Hunger nach geistigen Werten, entbehrte Möglichkeiten individueller Selbsterfahrung und ein lange unterdrückter Spieltrieb suchten nach Nahrung und Raum."[24]

Nun waren die Bedingungen nach 1989 nicht so krass wie nach dem Kriege, doch wurden die breitenkulturellen Einrichtungen den sich differenzierenden Bedürfnissen der DDR-Bevölkerung schon lange nicht mehr gerecht. "Die Hauptentwicklung der Kulturarbeit vollzog sich in den letzten beiden Jahrzehnten der DDR jenseits der repräsentativen Staatsbauten in viel informelleren Zusammenhängen und eindeutig milieuzentriert."[25] Auch die Klubs, die im Gegensatz zu Kulturhäusern kleinteiligere Arbeit anboten, konnten nicht verhindern, dass der Rückzug in den privaten Raum zunahm. Man darf annehmen, dass dies nach dem Zusammenbruch der DDR die Bündelung von Interessen und die Nachhaltigkeit neuer Formen der Selbstorganisation erheblich beförderte.

Folgt man Wolfgang Engler, dann hat die "arbeiterliche Gesellschaft"[26] auf dem Weg in eine neue Zeit das erworbene Aufeinander-angewiesen-Sein nicht verloren und reproduziert es möglicherweise auch in dieser Form der bürgernahen Kulturarbeit, die immer auch nach dem Zweck und den Resultaten der gemeinsamen Mühe fragt, diese sehr ernst nimmt und sich mit einem reinen Selbstzweck des Unterfangens wohl kaum zufrieden geben würde. In seiner zweiten Studie, welche den Weg der Ostdeutschen über das Jahr 1989 hinaus weiterverfolgt, schreibt Engler: "Noch immer bringt der Osten Deutschlands Menschen hervor, die sich ihr soziales Urteilsvermögen trotz aller in die entgegengesetzte Richtung weisenden Tendenzen bewahrt haben, die durch ihren Habitus und ihr kulturelles Gedächtnis daran gehindert werden, die soziale Welt einzig aus jener Position wahrzunehmen und zu beurteilen, die sie selbst in ihr einnehmen, die gar nicht anders können, als die anderen zu sehen."[27]

In der Soziokultur Ostdeutschlands ist viel von diesem "sozialen Sinn" aufgehoben, der auch so etwas wie kulturelle Substanz verkörpert. Die Fokus-Studie etwa für die Stadt Halle hat gezeigt, dass es gerade die beteiligungsorientierte, auf "verbesserte Partizipation sowie Selbstorganisation der Bürger"[28] abhebende Kultur ist, welche die Menschen für ihre Stadt einnimmt und ihnen Zukunftsoptionen eröffnet. Auch wenn Wolfgang Thierse immer wieder die Notwendigkeit der höheren staatlichen Kulturfinanzierung im Osten hervorhebt, betont er die Rolle bürgernaher Kulturarbeit, welche Zentren "intergenerationeller Kulturvermittlung und der demokratischen Bürgergesellschaft"[29] anbiete.

Studien über Bürgerengagement verweisen gern auf die insbesondere in der Soziokultur aufgehobenen Ideen der Selbsthilfe und die hier gegebenen Chancen, soziales Kapital zu nutzen,[30] doch parallel zu dieser positiven Charakterisierung wird es gerade in Ostdeutschland immer schwerer, die Basis- und Projektfinanzierung für derartige Einrichtungen und Initiativen sicherzustellen. Kultur- und förderpolitisch angezeigt wäre unbedingt eine Offensive zur Unterstützung dieser bürgennahen, niedrigschwelligen Kulturarbeit, um Transformationserfolge fortsetzen und Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Probleme entwickeln zu können. Bürgerengagement in Ostdeutschland braucht ein besonders stabiles Fundament.


Fußnoten

18.
Vgl. Tobias J. Knoblich, Kulturelle Substanz. Einigungsvertrag und gegenwärtige Kulturpolitik, in: Kulturpolitische Mitteilungen, Nr. 99/2002, S. 35ff.
19.
Vgl. Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der CDU/CSU vom 24. August 2000, BT-Drs. 14/4020.
20.
Ebd., S. 10.
21.
Ebd., S. 10.
22.
Die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e. V. mit Sitz in Potsdam führt seit 1992 entsprechende Befragungen unter den Mitgliedseinrichtungen durch. Auf ihrer Homepage (www.soziokultur.de) ist dazu ein allgemeiner statistischer Überblick abgebildet, ländergenaue Daten können bei den Landesverbänden oder der Bundesgeschäftsstelle nachgefragt werden.
23.
Vgl. LAG Soziokultur Sachsen e. V./Sächsisches Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Soziokultur in Sachsen. Ein gesellschaftliches Experimentierfeld, Dresden 1998, S. 153ff., 195ff.
24.
Simone Hain, Die Salons der Sozialisten. Geschichte und Gestalt der Kulturhäuser in der DDR, in: dies./Stephan Stroux (Hrsg.), Die Salons der Sozialisten. Kulturhäuser in der DDR, Berlin 1996, S. 107.
25.
Ebd., S. 146.
26.
W. Engler (Anm. 1), S. 199.
27.
Ders. (Anm. 2), S. 33.
28.
Fokus-Institut Halle, Blitzlicht in Halle. Soziologisch-empirische Studie, Halle 2002, S. 23.
29.
Wolfgang Thierse, Kultur macht Sinn!, in: Hilmar Hoffmann/Wolfgang Schneider (Hrsg.), Kulturpolitik in der Berliner Republik, Köln 2002, S. 24.
30.
Vgl. Adalbert Evers/Ulrich Rauch/Uta Stitz, Bürgerengagement - ein wesentlicher Bestandteil von Konzepten für die Zukunftssicherung öffentlicher Dienstleistungen, in: Rolf G. Heinze/Thomas Olk (Hrsg.), Bürgerengagement in Deutschland. Bestandsaufnahme und Perspektiven, Opladen 2001.