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19.10.2018 | Von:
Farai Mutondoro

Zwischen Afro-Optimismus und Afro-Pessimismus. Aussichten der afrikanischen Wirtschaft

Bevor man auf den Zustand der afrikanischen Volkswirtschaften und den Hype, der um sie gemacht wird, zu sprechen kommt, sollte man sich bewusst machen, dass die Art und Weise, in der der Kontinent in der Fachliteratur betrachtet und analysiert wird, sich verändert hat. Dabei fallen zwei gegensätzliche Narrative ins Auge: Afro-Pessimismus versus Afro-Optimismus. Die Vertreterinnen und Vertreter des Afro-Pessimismus beschreiben "Afrika" als einen schon immer beängstigenden, rückständigen und von Armut geplagten Kontinent, der auch weiterhin so bleiben wird.[1] Diese Sichtweise ist seit den 1980er Jahren vorherrschend. Autorinnen und Autoren, die sie sich zu Eigen gemacht haben, sehen Afrika vor allem im Zusammenhang mit allem Schlechten, das der Kontinent erlebt hat: von Hungersnöten in Somalia und Äthiopien, über Seuchen wie Ebola in der Demokratischen Republik Kongo, bis hin zu den Bürger- und ethnischen Kriegen unter anderem in Südsudan. So betont etwa der US-amerikanische Publizist David Rieff, Afrika sei für die geostrategischen Interessen der wichtigsten reichen Länder sowie für die wirtschaftlichen Belange der meisten multinationalen Konzerne nebensächlich – mit Ausnahme derer, die Ölförderung oder Bergbau betreiben. Afrikas einzig wichtige Rolle in der Weltwirtschaft sei die eines Produzenten von Rohstoffen, hauptsächlich von Öl, Mineralien und Metallen.[2]

Auch das renommierte Magazin "The Economist" bezeichnete Afrika Anfang des neuen Jahrtausends noch als "hoffnungslosen Kontinent" und beschrieb dabei die negativen Erscheinungen in Sierra Leone ebenso wie die Überschwemmungen in Mosambik und Madagaskar, Hungersnöte in Äthiopien und Simbabwe sowie Kriege, die sich in alle Himmelsrichtungen ausbreiteten.[3] Ein Jahrzehnt später änderte das Magazin jedoch seine Einschätzung, was die Charakterisierung des afrikanischen Kontinents und insbesondere seiner Volkswirtschaften angeht. So war im Dezember 2011 von "Afrikas hoffnungsvollen Wirtschaften" zu lesen, und im März 2013 unterstrich das Magazin diese neue Sichtweise durch die Veröffentlichung eines Sonderberichtes unter dem Titel "Ein hoffnungsvoller Kontinent".[4] Der Sinneswandel des "Economist" steht sinnbildlich für den immer häufiger vertretenen Afro-Optimismus, der dem Afro-Pessimismus durch die Betonung des afrikanischen Wirtschaftswachstums entgegentritt. Die Wachstumsmuster der afrikanischen Ökonomien haben seit 2000 – und vor allem 2008/09, als der Rest der Welt im Zeichen der globalen Rezession stand – den Afro-Optimismus zur maßgeblichen Erzählung gemacht und vor allem Handelsnationen in und außerhalb Afrikas in eine gewisse Euphorie versetzt.

"Africa Rising"?

Die afro-optimistische Sichtweise wird seit der Jahrtausendwende in erster Linie durch die Erzählung vom wirtschaftlich aufsteigenden Kontinent getragen, die unter dem Schlagwort "Africa Rising" große Verbreitung gefunden hat und einen bedeutenden Wandel in der Wahrnehmung des Kontinents widerspiegelt.[5] Führende Finanzinstitutionen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) und eine Reihe politischer Entscheidungsträger machten sich diese Erzählung zu Eigen und warben nachdrücklich für seine Unterstützung. Einen Höhepunkt bildete 2014 die vom IWF und der mosambikanischen Regierung ausgerichtete Konferenz "Africa Rising: Road to Mozambique" in Maputo. In ihrer Keynote bezeichnete die geschäftsführende IWF-Direktorin, Christine Lagarde, Mosambik als Verkörperung des positiven Geistes in Afrika, hatte das südostafrikanische Land in den vergangenen zwei Jahrzehnten doch ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 7,4 Prozent verzeichnet.[6]

Mit dem Verfall der Rohstoffpreise kurz darauf sanken jedoch auch die Wachstumsraten der afrikanischen Volkswirtschaften von durchschnittlich 4,5 Prozent 2014 auf 3,0 Prozent im Folgejahr.[7] Seitdem ist die Rede vom aufsteigenden Kontinent umstritten: Während eine Denkschule davon ausgeht, dass die Euphorie endgültig verflogen ist und der nüchternen Realität weichen musste, geht eine andere davon aus, dass Afrika nach wie vor im Aufstieg begriffen ist und große Potenziale für weiteres Wachstum birgt.

Der ehemalige Vizepräsident der nigerianischen Zentralbank, Kingsley Chiedu Moghalu, weist darauf hin, dass das Africa-Rising-Narrativ zu illusionären Ansichten führen könne, da es auf dem zyklischen Wachstum durch Einnahmen aus Rohstoffverkäufen basiere. Entsprechend rät er den afrikanischen Regierungen, sich unabhängiger von Rohstoffexporten zu machen und stattdessen stärker in die Produktion zu investieren, damit die Afrikanerinnen und Afrikaner konsumieren können, was sie selbst produziert haben.[8] In ähnlicher Weise beschreibt der Wirtschaftswissenschaftler Thandika Mkandawire in einem Interview die euphorische Sichtweise als genauso irreführend wie die afro-pessimistische. Auch er betont die Notwendigkeit für afrikanische Länder, mehr für einen starken Produktionssektor zu tun, um Arbeitsplätze zu schaffen.[9]

Der Wirtschaftswissenschafter Brahima Coulibaly von der US-amerikanischen Denkfabrik Brookings Institution hält dagegen und argumentiert, die Kritiker des Africa-Rising-Narrativs hätten eine Reihe wichtiger Faktoren übersehen:

  • Wenn man die drei größten afrikanischen Volkswirtschaften (Südafrika, Angola und Nigeria) außer Acht lasse, habe sich die Wachstumsrate in Subsahara-Afrika 2017 von 2,5 Prozent auf fast 4 Prozent erhöht. Die Wirtschaft wachse dort somit schneller als die Weltwirtschaft insgesamt (3,5 Prozent).
  • Fünf der zehn am schnellsten wachsenden Wirtschaften in der Welt befänden sich in Afrika.
  • Die hohen Rohstoffpreise zwischen 2000 und 2014 seien nur ein Faktor für die positive wirtschaftliche Entwicklung in der Region gewesen. Zu den weiteren Faktoren gehörten makroökonomisches Management, Regierungsführung und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sowie das aufsteigende Unternehmertum.
  • Selbst wenn die drei größten afrikanischen Wirtschaften in der Flaute stecken bleiben sollten, würde dies nicht unbedingt das Ende der Africa-Rising-Story bedeuten. Denn sie müsse sich nicht notwendigerweise auf ganz Afrika beziehen. So habe sich das Narrativ der "Asiatischen Tiger" von den 1960er bis zu den 1990er Jahren auch nur auf Hongkong, Singapur, Südkorea und Taiwan bezogen und andere sich entwickelnde Länder in Asien ausgeschlossen. Auf ähnliche Weise unterschieden sich auch afrikanische Volkswirtschaften und sollten deshalb individuell bewertet werden.[10]

Fußnoten

1.
Vgl. Victoria Schorr, Economics of Afro-Pessimism. The Economics of Perception in African Foreign Direct Investment, Ottawa 2011.
2.
Vgl. David Rieff, In Defense of Afro-Pessimism, in: World Policy Journal 4/1999, S. 10–22.
3.
Vgl. Hopeless Africa, 11.5.2000, http://www.economist.com/leaders/2000/05/11/hopeless-africa«.
4.
Vgl. Africa’s Hopeful Economies. The Sun Shines Bright, 3.12.2011, http://www.economist.com/briefing/2011/12/03/the-sun-shines-bright«; A Hopeful Continent, Special Report Emerging Africa, 2.3.2013, http://www.economist.com/sites/default/files/20130203_emerging_africa.pdf«.
5.
Vgl. Andrew Brooks, Was Africa Rising? Narratives of Development Success and Failure Among the Mozambican Middle Class, in: Territory, Politics, Governance, 2.5.2017, http://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/21622671.2017.1318714«.
6.
Vgl. Christine Lagarde, Africa Rising – Building to the Future, Keynote Address, 29.5.2014, http://www.imf.org/en/News/Articles/2015/09/28/04/53/sp052914«.
7.
Vgl. The World Bank, Africa’s Pulse, Vol. 14, Oktober 2016, S. 5, http://hdl.handle.net/10986/25097«.
8.
Vgl. Afro-Optimism Will Not Transform Africa, 12.2.2014, http://blogs.lse.ac.uk/africaatlse/2014/02/12«.
9.
Vgl. "Africa-Euphoria Is Just as Misleading as Afro-Pessimism", 18.6.2014, blogs.lse.ac.uk/africaatlse/2014/06/18.
10.
Vgl. Brahima S. Coulibaly/Fred Dews, Is Africa Still Rising?, 26.5.2017, http://brook.gs/2qqXHY9«.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Farai Mutondoro für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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