Die durch den China-Afrika-Entwicklungsfonds finanzierte Wanbao-Reisplantage in Mosambik

19.10.2018 | Von:
Frank Bliss

Subsahara-Afrika: Wirtschaftliche Entwicklung "von unten" fördern

Zwar ist die extreme Armut in den vergangenen rund zwanzig Jahren weltweit zurückgegangen, aber noch immer führen viele afrikanische Staaten die einschlägigen Statistiken an. Unter den verschiedenen Faktoren, die einer effektiven Bekämpfung der Armut entgegenstehen, ist schlechte Regierungsführung in den betroffenen Ländern einer. Ich werde im Folgenden daher der Frage nachgehen, wie im subsaharischen Afrika wirtschaftliche Entwicklung und damit die Reduzierung von Armut "von unten" gelingen kann, wenn sich Regierungen eher als Hemmnis denn als Hilfe für Entwicklung und damit auch für internationale Entwicklungszusammenarbeit (EZ) erweisen.

Ich beginne zunächst mit einem Blick auf die Folgen schlechter Regierungsführung, ehe ich anschließend zunächst für den ländlichen Bereich einige Wege aufzeigen werde, wie Beschäftigungsförderung und damit Armutsminderung vorangebracht und mit Mitteln der EZ unterstützt werden könnte. Daran anknüpfend werde ich zur selben Frage die rasch wachsenden urbanen Zentren in den Blick nehmen und abschließend auf die Rolle sozialer Sicherung eingehen.[1]

Faktor Regierungsführung

Über die Kriterien für Armut und damit über die Zahl der Armen lässt sich ebenso streiten wie über die bestehende Tiefe von Armut, in der die betroffenen Menschen leben. Legt man ein gängiges Kriterium der Vereinten Nationen zugrunde – wer mit weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag auskommen muss, gilt als extrem arm –, lebten nach den jüngsten Schätzungen der Weltbank 2013 "nur" etwa 766 Millionen Menschen in extremer Armut. Wendet man hingegen einen multidimensionalen Armutsbegriff an, der neben dem Lebensstandard etwa auch Bildung und Gesundheit berücksichtigt, müsste eher von rund zwei Milliarden extrem armen Menschen die Rede sein.[2] Dennoch gilt es als sicher, dass unabhängig von den Kriterien absolut gesehen weltweit die Armut abnimmt, vor allem in Süd- und Südostasien, am wenigstens jedoch in den Ländern Afrikas südlich der Sahara.

Tatsächlich entstehen derzeit auch in afrikanischen Hauptstädten moderne Glaspaläste, und vor futuristischen Diskotheken stehen Dutzende teurer Geländewagen. Doch diese Bilder täuschen. Fast überall in Afrika kommt von der scheinbaren wirtschaftlichen Entwicklung bei der Masse der Bevölkerung nur wenig an, was unter anderem mit der Regierungsführung dieser Länder zu tun hat. Der ehemalige Botschafter Volker Seitz kommt in seiner Bilanz von rund vierzig Jahren Beschäftigung mit dem subsaharischen Afrika diesbezüglich zu einem eindeutigen wie ernüchterndem Fazit; der Titel seines Buches fasst die Kernaussage bereits zusammen: "Afrika wird armregiert".[3] Selbst rohstoffreiche Länder mit erheblichen Einnahmen aus Bergbaulizenzen und Rohstoffexporten wie Nigeria (Erdöl) oder die Demokratische Republik Kongo (unter anderem Kupfer, Diamanten, Coltan) gehören zu den ärmeren bis ärmsten Ländern der Welt, weil Regierungsvertreterinnen und -vertreter und mit ihnen verbündete und verschwägerte Familien hemmungslos das Volkseinkommen abschöpfen. Die Frage, wie der eigentlich vorhandene Reichtum in Angola oder der Republik Kongo für Armutsminderung genutzt werden kann, erübrigt sich daher zurzeit.

Zum gleichen Schluss wie Volker Seitz kommt der Journalist Tom Burgis in seinem 2015 erschienenen Buch über den "Fluch des Reichtums", nur dass hier nicht alleine die Diktatoren, die ihre Völker ausplündern, als Hauptakteure des Geschehens ausgemacht werden, sondern auch internationale Konzerne, die im Verein mit den Machthabern und ihrer Entourage betrügen, Menschen kaufen oder die Umwelt zerstören.[4] Zu ergänzen wäre, dass auch viele westliche Banken hierbei mitspielen und die einschlägigen Steuerparadiese bei der Wiederanlage der gestohlenen Gelder bereitstellen.

Auch Asfa-Wossen Asserate zeigt in seinem neuen Buch über Afrika überaus deutlich, was er von den meisten afrikanischen Regierungen hält und wo er die Kernprobleme des Kontinents sieht, nämlich in der unsäglichen Korruption. Nach Auffassung des Autors wird ein Großteil der bisherigen EZ für Afrika deshalb fehlgeleitet. Allerdings seien alleine vom benötigten finanziellen Volumen her wirtschaftliche Investitionen in Subsahara-Afrika für die Entwicklung der Staaten viel wichtiger als Zuschüsse der EZ.[5]

Bezeichnend ist allerdings, dass auch die Republik Südafrika, das wirtschaftlich stärkste und von Investoren lange Zeit gut gelittene Land an der Südspitze des Kontinents, unter zunehmender Korruption leidet und ein Großteil der Bevölkerung von der dennoch weiter herrschenden relativen wirtschaftlichen Prosperität kaum profitiert. Generell nimmt die Korruption in Subsahara-Afrika sogar zu,[6] und das, obwohl angeblich in allen bilateralen und multilateralen Verhandlungen über EZ-Gelder offen darüber gesprochen und "gute Regierungsführung" eingefordert wird, ohne dass allerdings die Weiterfinanzierung von Projekten und Programmen erkennbar von tatsächlichen Fortschritten abhängig gemacht wird.

Die Weltbank, die sich als "unpolitisch" versteht und sich angeblich nicht in die inneren Angelegenheiten der Mitgliedsstaaten (und Zuwendungsempfänger von Entwicklungskrediten) einmischt, bewertet die Regierungsführung aller afrikanischen Länder zumindest implizit, und zwar im Rahmen des jährlich von ihr herausgegebenen "Doing Business Report". Darin wird überaus deutlich: Schon die Betriebsgründung als einheimischer oder ausländischer Investor ist in den meisten Ländern schwierig, an Kredite heranzukommen zumeist noch schwieriger, selbst ein Stromanschluss ist in einer Reihe von Staaten in Subsahara-Afrika kaum zu bekommen. Weitere teilweise kaum überwindbare Probleme sind der Zoll und die Steuer.[7] So verwundert es nicht, dass die Weltbank in ihrem Bericht zu den Gewerbebedingungen im subsaharischen Afrika 2018 einerseits kleinere Verbesserungen feststellt, andererseits aber eine weiterhin verheerende Bilanz zieht: Die meisten der 48 Staaten südlich der Sahara sammeln sich im letzten Drittel bis letzten Zehntel der insgesamt 190 gelisteten Länder. Die Demokratische Republik Kongo etwa liegt auf Rang 182, Äthiopien auf Rang 161, Nigeria auf Rang 145. Allein das winzige Mauritius rangiert auf dem 41. Platz, Kenia folgt auf Platz 80, und selbst Südafrika folgt erst auf Platz 82.[8]

Die Zwischenbilanz ist somit eindeutig: In zahlreichen afrikanischen Staaten fallen die Regierungen als Partner für EZ aus. Die Lösung für eine armutsorientierte wirtschaftliche Entwicklung in vielen Ländern des Kontinents kann also nicht "von oben" kommen. Sie kann auch nicht primär durch die stark an staatliche Lösungen gebundene bilaterale und multilaterale EZ erfolgen. Hierfür sind weder die Einflussmöglichkeiten noch die finanziellen Mittel hinreichend. Im Sinne der Sozialwissenschaftlerin Deepa Narayan, die für die Weltbank zahlreiche Studien zur Einschätzung von Armut und von möglichen Wegen aus der Armut durch Betroffene selbst erstellt hat, ist eine erfolgreiche Armutsminderung nur "from the Bottom up" zu erwarten, das heißt von der Basis aus, auf lokaler Ebene und von den Armen maßgeblich selbst initiiert.[9] Dabei schließt Narayan die kommunalen Verwaltungsstrukturen durchaus als wandlungsfähig und entsprechend entwicklungsfördernd in ihren Basisbegriff ein, wofür es auch aus meiner Erfahrung durchaus eine Reihe positiver Beispiele etwa in Ghana, Burkina Faso oder Mali gibt.

Fußnoten

1.
Dieser Beitrag basiert unter anderem auf Ergebnissen des vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geförderten Forschungsvorhabens "Wege aus extremer Armut, Vulnerabilität und Ernährungsunsicherheit" des Instituts für Entwicklung und Frieden (INEF), für das 2017/18 Feldforschung in Äthiopien, Benin und Kenia betrieben wurde. Vgl. Anika Mahla/Frank Bliss/Karin Gaesing, Wege aus extremer Armut, Vulnerabilität und Ernährungsunsicherheit. Begriffe, Dimensionen, Verbreitung und Zusammenhänge, AVE-Studie 1/2017.
2.
Explizit zur Kritik an den Zahlen der Weltbank vgl. Sanjay G. Reddy/Thomas W. Pogge, How not to Count the Poor, in: Sudhir Anand/Paul Segal/Joseph Stiglitz (Hrsg.), Debates on Measurement of Global Poverty, Oxford 2010.
3.
Volker Seitz, Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann, München 20093.
4.
Vgl. Tom Burgis, The Looting Machine, New York 2015 (deutsche Ausgabe: Der Fluch des Reichtums, Frankfurt/M. 2017).
5.
Vgl. Asfa-Wossen Asserate, Die neue Völkerwanderung. Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten, Berlin 2016.
6.
So eine der Kernaussagen des IV. African Governance Report "Measuring Corruption in Africa: The International Dimension Matters", United Nations Economic Commission for Africa, Addis Abeba 2016.
7.
Vgl. World Bank, Doing Business 2018. Fact Sheet: Sub-Saharan Africa, Washington, D.C. 2018.
8.
Vgl. ebd.
9.
Vgl. zum Beispiel Deepa Narayan/Lant Pritchett/Soumya Kapoor, Moving out of Poverty. Success from the Bottom up, Washington, D.C. 2009.
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Autor: Frank Bliss für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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