Die durch den China-Afrika-Entwicklungsfonds finanzierte Wanbao-Reisplantage in Mosambik

19.10.2018 | Von:
Rainer Gries

Den kolonialen Blick überwinden: "Afrikabilder" und "Afrikapolitik" - Essay

Afrika, unser Nachbarkontinent, von dem in jüngster Zeit zahlreiche Menschen als Migrantinnen und Migranten oder Geflüchtete nach Europa drängen: So entsteht vor allem ein medial vermitteltes Bild von Afrika als "Krisenkontinent". Können wir uns vorstellen, dass auch in Afrika Menschen nicht nur überleben, sondern leben und ihren Alltag bewältigen? Oder wie es der schwedische Schriftsteller Henning Mankell formulierte: "Wir wissen alles darüber, wie Afrikaner sterben, und wir wissen nichts darüber, wie sie leben."[1]

Gewinnen wir über die Medienberichterstattung ein realistisches Bild von Afrika und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern? Häufig liefert schon die kartografische Darstellung Afrikas im Schulatlas ein verzerrtes Bild des Größenverhältnisses zwischen Europa und Afrika, dem mit über 30 Millionen Quadratkilometern zweitgrößten Kontinent der Erde, mit über einer Milliarde Menschen und Hunderten von Sprachen.

Wir haben zwar seit Langem einen begrifflichen Wandel vollzogen, sprechen etwa kaum mehr von "Entwicklungshilfe", sondern von "Entwicklungszusammenarbeit". Aber haben wir damit den kolonialen Blick auf unseren Nachbarkontinent und auf unsere Beziehungen zu ihm überwunden? Mit Blick auf Migration und Migrationspolitik ist aktuell festzuhalten: Weder das Afrikabild in Europa noch das Europabild in Afrika scheinen realistisch und geeignet, die Lebensverhältnisse in beiden Kontinenten abzubilden.

Zum Afrikabild in Deutschland

Afrika stand in Deutschland als Thema lange Zeit im Hintergrund des öffentlichen Interesses – die Wahrnehmung war weitgehend von Klischees bestimmt: "Unterentwickelt" meinte stets "nicht so entwickelt wie wir". Man blickte auf Menschen in Afrika herab, bestenfalls auf arme Menschen, denen wir irgendwie helfen müssen. Bis heute ist das allgemeine "Afrikabild" weitgehend von kolonialistischen, paternalistischen Stereotypen beeinflusst. Direkte Kontakte mit Menschen in und aus Afrika sind noch immer eher selten. Die Geschichte Afrikas beginnt für die meisten von uns mit der Kolonialzeit ab dem 16. Jahrhundert.

Die reproduzierten Stereotype von Afrika zeigen die enge Vernetzung von Kolonialismus, Rassismus und Afrikabildern: Die Anglistin und Afrikawissenschaftlerin Susan Arndt hat darauf hingewiesen, dass in der Formierung des Rassismus eine Rechtfertigungsideologie für die europäischen und nordamerikanischen Eroberungen zu sehen sei. Die Afrikastereotypen hätten eine Legitimations-, Entlastungs- und Verschleierungsfunktion.[2] Bei der Beschreibung der früheren und teilweise heute noch verbreiteten Afrikabilder als kolonialistisch und rassistisch sollte zudem beachtet werden, dass die menschenverachtende Herabwürdigung der Menschen in Afrika in der Durchsetzung vor allem ökonomischer Interessen europäischer "Eroberer" und Politiker begründet war, Afrikaner als geschichtslos darzustellen und ihnen jegliche größere eigene Kulturleistung abzusprechen.[3]

Schon Mitte der 1960er Jahre nannte es der Politologe und Afrikaforscher Franz Ansprenger daher als erste Aufgabe, das klischeehafte Afrikabild, das allzu häufig in der westdeutschen Öffentlichkeit anzutreffen sei, durch wissenschaftliche Forschung, Lehre und Publikation allmählich zu reformieren.[4] Und auch Julius K. Nyerere, ehemaliger Präsident von Tansania, wandte sich 1961 gegen den Versuch, auch Afrikanern ein Afrikabild nahezubringen, das ihre Geschichte ausblendet: "Sometimes Europeans talk as if we should be ashamed of our own heritage. We are not. On the other hand sometimes they talk as if we should put aside everything which is not ‚traditionally African‘ and live forever as though the Europeans had never come into contact with us. But this too would demand that we deny our own history; we cannot do it. We are what all our past, known and unknown, has made us."[5]

Auch Kwame Opoku, der ghanaische stellvertretende Direktor des Rechtsbüros der Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung, hob in den 1980er Jahren die unterschiedlichen Sichtweisen in Afrika und Europa mit Blick auf die Kolonialzeit und das dadurch geprägte Afrikabild in Europa hervor: Während die Europäer sich vielfach noch als wohltätige, hilfsbereite Menschen sähen, sei die Kolonialzeit in Afrika die Zeit der Zerstörung gewesen. Das so begründete Afrikabild, das von der europäischen Presse verbreitet würde, behindere auch eine gemeinsame Sicht auf Probleme. Menschen in Europa hätten aufgrund ihres Afrikabildes kein Verständnis für den Kontinent: "Dabei könnten sie zumindest in ihrem eigenen Land erst einmal beginnen, dieses Afrikabild zu korrigieren, das sie daran hindert, die echten Probleme Afrikas aus realistischer Perspektive zu sehen."[6]

Zwischen "Krisenkontinent" und "Chancenkontinent"

Hat sich seitdem etwas getan? Laut einer Untersuchung zum Afrikabild in deutschen Schulbüchern waren die Mängel Anfang dieses Jahrtausends noch nicht beseitigt: Die Autorin der Untersuchung, die Erziehungswissenschaftlerin Anke Poenicke, schlussfolgerte darin, dass sich die Voraussetzungen für eine Verständigung – unter anderem Respekt und Anerkennung der anderen – in vielen untersuchten Geschichtsbüchern nur in Ansätzen oder gar nicht finden ließen. Zwar gebe es auch einige positive Beispiele, doch "die Selbstreflexion als Voraussetzung für Verständigung wird da nicht erfüllt, wo unreflektiert europäische Maßstäbe angelegt werden". Zur Selbstreflexion gehöre dabei auch, koloniale Bilder zu hinterfragen und Alltagsrassismus zu erkennen.[7]

Auch jüngere Untersuchungen zeigen, dass das Thema Subsahara-Afrika in Schulbüchern noch immer eine eher untergeordnete Rolle spielt.[8] Nach wie vor besteht ein Problem darin, dass Afrika häufig nur sehr knapp abgehandelt wird und die Darstellung der Geschichte des Kontinents meist erst mit der Kolonialzeit beginnt. Ebenso bleibt es eine Herausforderung, Kindern und Jugendlichen ein annähernd realistisches Bild vom Alltagsleben und von Alltagsproblemen ihrer Altersgenossen in Afrika zu vermitteln. Dabei gilt es, die Neugier und das Interesse der Kinder zu wecken – vielleicht auch gemeinsam mit Mitschülerinnen und Mitschülern, deren Eltern aus Afrika nach Deutschland gekommen sind.

Wenn das über Medien, Schul- und Jugendbücher vermittelte Afrikabild auch heute noch in vielen Fällen weder die Entwicklungen in unserem Nachbarkontinent noch unsere Beziehungen zu ihm realistisch und angemessen widerspiegelt, so gibt es doch auch positive Ausnahmen und Materialien, die für die schulische und außerschulische politische Bildung geeignet sind.[9] Und es gibt auch zivilgesellschaftliches Engagement für eine Revision des Afrikabildes: So forderten zum Beispiel 2013 mehrere Vertreterinnen und Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie aus Forschung und Lehre in einem offenen Brief verschiedene Schulbuchverlage auf, rassistische Begriffe, Inhalte und Konzepte aus ihren Schulbüchern zu entfernen, weil deren Verbreitung eine negativ prägende Auswirkung auf die gesellschaftliche Wahrnehmung hat.[10]

Fußnoten

1.
"Wartesaal des Todes", Interview mit Henning Mankell, in: Der Spiegel, 14.7.2003, S. 102.
2.
Vgl. Susan Arndt, Impressionen. Rassismus und der deutsche Afrikadiskurs, in: dies. (Hrsg.), AfrikaBilder. Studien zu Rassismus in Deutschland, Münster 2001, S. 12ff.
3.
Vgl. Reinhold Meyer, Die Entdeckung Afrikas: Von den Pharaonen zu Livingston, in: Axel Buchholz/Martin Geiling (Hrsg.), Afrika den Afrikanern. Vorkoloniales Erbe und nachkoloniale Entwicklung, Frankfurt/M. u.a. 1980, S. 9ff.
4.
Vgl. Franz Ansprenger, Aufgaben der deutschen politischen und historischen Wissenschaft in Bezug auf Afrika, in: Horst Heidermann/Heinz Kühn (Hrsg.), Afrikas Gegenwart und Zukunft. Beiträge zum ersten Afrika-Colloquium der Friedrich-Ebert-Stiftung, Hannover 1964, S. 108f.
5.
Julius K. Nyerere, The Future of Africa, 1961, in: ders., Freedom and Unity – Uhuru na Umoja, A Selection from Writings and Speeches 1952–65, London–Nairobi–Dar es Salaam 1967, S. 116.
6.
Kwame Opoku, Europas Bild vom wilden Afrikaner, in: Dieter Cwienk/Jochen K. Klicker (Hrsg.), Lernen von Afrika – Ein Werkbuch zu Politik und Zeitgeschichte Schwarz-Afrikas, Wuppertal 1982, S. 168f.
7.
Anke Poenicke, Afrika in deutschen Medien und Schulbüchern, Konrad-Adenauer-Stiftung, Sankt Augustin 2001, S. 42.
8.
Vgl. Kessete Awet, Die Darstellung Subsahara-Afrikas im deutschen Schulbuch, Leverkusen 2018; ZEP/Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik, 4/2014 mit dem Themenschwerpunkt Afrikabilder.
9.
Vgl. etwa Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Afrika verstehen lernen, 12 Bausteine für Unterricht und Projekttage, Bonn 20102.
10.
Siehe http://www.africavenir.org/news-details/archive/2013/october/article/afrikabild-in-schulbuechern-offener-brief-an-die-schulbuchverlage-westermann-schroedel-diesterweg.html?tx_ttnews%5Bday%5D=09&cHash=6690d765f75c0455f36047b0007b0c62«.
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Autor: Rainer Gries für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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