Die durch den China-Afrika-Entwicklungsfonds finanzierte Wanbao-Reisplantage in Mosambik

19.10.2018 | Von:
Rainer Gries

Den kolonialen Blick überwinden: "Afrikabilder" und "Afrikapolitik" - Essay

Auch die gängigen Nachrichtenmedien – Zeitungen, Radio- und Fernsehsender und Online-Nachrichtenseiten – konzentrieren sich in ihrer Berichterstattung stark auf dramatische, spektakuläre, häufig negative Ereignisse. Über das Alltagsleben wird weniger berichtet. Viele Redaktionen haben gar keine eigenen Korrespondenten mehr vor Ort. Außerdem ist eine Konzentration auf Politikerinnen und Politiker sowie politische Ereignisse festzustellen – oder auf exotisch-fremdartige oder exotisch-romantische Elemente, was eine kulturelle Distanz betont. Das führt bei einem breiten Publikum zu einer Verstärkung von Beurteilungsmustern, in denen kolonial geprägte Afrikastereotype noch von Bedeutung sind.

Neben das etablierte Bild vom "Krisenkontinent" ist in den vergangenen Jahren ein weiteres getreten, das möglicherweise nicht weniger übertrieben ist – und mitunter genauso mit einem kolonialen Blick verbunden ist. Wenn angesichts des afrikanischen Rohstoffreichtums, wirtschaftlicher Wachstumszahlen und chinesischer Großinvestitionen von Afrika als "Kontinent der Chancen" die Rede ist, entlarvt dies nicht selten die Ambition, die afrikanischen Gesellschaften in erster Linie als Absatzmärkte für eigene Produkte zu erschließen und sich einen Anteil an den natürlichen Ressourcen zu sichern. Dass afrikanische Akteure hier auf Augenhöhe wahrgenommen werden, darf bezweifelt werden.

Wollen wir uns öffnen für einen respektvollen, fairen Umgang mit den Menschen in Afrika, so müssen wir die Hintergründe für das bisherige Afrikabild, auch unsere deutsche und europäische Kolonialgeschichte, begreifen und verstehen lernen, um es zu überwinden – als Chance für die Menschen hier wie dort. 134 Jahre nach der Berliner Kongokonferenz, in der europäische Staaten Afrika unter sich "aufteilten", sollte das unser Anliegen sein.

Afrikapolitik

Die aktuelle Debatte in Deutschland und Europa über Migranten und Flüchtlinge aus Afrika und ihrer Abwehr, über Fluchtursachen, über die Suche nach Partnern in Afrika verdeutlicht, dass das Afrikabild zunehmend auch innenpolitisch relevant wird und eine Aktualisierung des Afrikabildes dringend notwendig ist. Unsere Beziehungen zu und mit Afrika müssen aus der Nische der Expertinnen und Experten sowie Vertreterinnen und Vertreter eigener wirtschaftlicher Interessen geholt werden. Denn Afrika ist nicht irgendein ferner Kontinent, sondern kommt Europa näher – über die Medien, aber auch durch Zugewanderte in unserer Nachbarschaft und im öffentlichen Leben. Und: Unser Bild prägt auch die politischen Beziehungen – etwa in der Entwicklungszusammenarbeit.

Auch die politische Debatte wird weiterhin dominiert einerseits vom alten Afrikabild des armen Krisenkontinentes und anderseits vom Chancen- und Zukunftskontinent, wie ihn der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler 2007 beschrieb: "Wir haben uns hierzulande angewöhnt, bei Afrika fast automatisch an Armut, Korruption, Krankheit und auch Krieg zu denken. Das alles gibt es leider. Doch es ist Zeit, genauer hinzuschauen und Klischees über Bord zu werfen. Ich habe bei meinen Besuchen ein anderes Afrika kennengelernt ein Afrika voller Potenzial und Kreativität."[11] Gefordert werden Anreize für ausländische Investoren, von den Regierungen in Afrika und in den Industrieländern – seit Jahrzehnten.

Der ehemalige Bundeskanzler und Vorsitzende der Nord-Süd-Kommission, Willy Brandt, stellte schon 1983 fest: "Die Verschlechterung der Wirtschaftslage bedroht zunehmend die politische Stabilität vieler Entwicklungsländer. (…) Was hindert uns, die Herausforderung der gegenwärtigen Krise anzunehmen? (…) Es ist nicht in erster Linie ein Mangel an technischen Lösungen, die großenteils längst bekannt sind, vielmehr fehlt ein klares und weithin akzeptiertes Verständnis der gegenwärtigen Lage und ihrer Gefahren, und es fehlt der politische Wille, der erforderlich ist, um die wirklich schwierigen Aufgaben zu meistern."[12]

Der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Gerd Müller, und andere Afrikapolitikerinnen und -politiker sollten (selbst)kritische Bilanz ziehen und damit eine Revision des Afrikabildes fördern: Warum haben die bisherigen Konzepte, Programme und Projekte über Jahrzehnte nicht zu einer stärkeren Reduzierung von Armut und prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen in Afrika geführt?

Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Pläne und Initiativen auf den Weg gebracht: unter anderem die Afrikapolitischen Leitlinien 2014, die G20-Konferenz zur Afrika-Partnerschaft 2017, den damit verbundenen, vom Bundesfinanzministerium koordinierten "Compact with Africa", den vom BMZ beförderten "Marshallplan mit Afrika" 2017 und die vom Bundeswirtschaftsministerium ins Leben gerufene Initiative "Pro! Afrika" 2017. Im Mai 2018 stellte Minister Müller einen Fünf-Punkte-Plan für die Vertiefung der Beziehungen zwischen der EU und Afrika vor, in dem er die Förderung von Privatinvestitionen, die Erhöhung der Eigeneinnahmen der afrikanischen Staaten durch konsequenten Steuervollzug, einen Haushaltsschwerpunkt zur Stärkung der EU-Afrika-Partnerschaft, eine Neugestaltung der Handelsbeziehungen zwischen der EU und Afrika zugunsten der afrikanischen Wirtschaftsentwicklung sowie die Einrichtung eines ständigen EU-Afrika-Rates vorschlug.[13] Der Eindruck bleibt, dass Politikerinnen und Politiker vor allem internationale Konzerne für Investitionen gewinnen wollen – zusammen mit "reformorientierten", liberalen afrikanischen Partnern, die sich offen für diese Investoren und ihre Investitionspläne zeigen – wie seit Jahrzehnten. Zugleich schimmert ein nicht ganz uneigennütziges Motiv durch, wenn der Minister bedauert, wie wenig Afrika als Chancenkontinent wahrgenommen wird: "Im Gegensatz zu China und Russland. Sie investieren massiv und sichern sich knappe Rohstoffe wie Coltan und Lithium für die Digital- und Elektroindustrie. Europa ist gerade dabei, Afrika als Jahrhundertchance zu verpassen."[14]

Von vielen Politikerinnen und Politikern und den meisten Nachrichtenmedien erfahren wir selten, welches eigentlich die Position der afrikanischen "Partner" zu "unseren" Plänen ist. Auch beim G20-Gipfel 2017, als Afrika ein Schwerpunktthema war und vieles entschieden wurde, was die Menschen dort betrifft, war Südafrika das einzige afrikanische Land am Verhandlungstisch. Der Eindruck entsteht, dass afrikanischen Politikerinnen und Politikern eher die Rolle als Zuhörer zufällt. Auch diese Eindrücke verfestigen paternalistische und europazentrierte Afrikabilder. Deshalb sollten realistische Vorstellungen von den Lebensbedingungen in unserem Nachbarkontinent und eine kritische Bestandsaufnahme unserer Politik mit und in Afrika die Grundlage für die Entscheidungen über Strategien und Instrumente sein.

Fußnoten

11.
Horst Köhler, Zukunftskontinent Afrika, in: Frankfurter Rundschau, 1.6.2007, S. 15.
12.
Willy Brandt (Hrsg.), Hilfe in der Weltkrise – Ein Sofortprogramm. Der 2. Bericht der Nord-Süd-Kommission, Hamburg, März 1983, S. 9, S. 15.
13.
Vgl. BMZ: Afrika darf nicht vergessen werden, 3.5.2018, http://www.gerd-mueller.de/2018/05/bmz-afrika-darf-nicht-vergessen-werden«.
14.
"Afrika ist die Jahrhundertaufgabe", Interview mit Gerd Müller, in: General-Anzeiger Bonn, 16.7.2018, S. 2.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Rainer Gries für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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