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6.5.2003 | Von:
Brigitte Sauzay

Deutschland - Frankreich: Die Herausforderungen für die gemeinsame Zukunft

I. Strukturwandel im deutsch-französischen Verhältnis

Die Wiedervereinigung Deutschlands läutete einen Strukturwandel in den bilateralen Beziehungen ein. Die deutsche Einheit, deren Tragweite vielen Franzosen erst mit dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin deutlich wurde, markiert das Wiedererstehen eines selbstbewussten Deutschlands, das sich offen zu seiner nationalen Identität, seinen Interessen und seinen wachsenden internationalen Aufgaben bekennt und sich gleichzeitig seiner Verantwortung für Europa bewusst ist.

Eine noch grundlegendere Veränderung ist zweifellos mit dem Generationenwechsel eingetreten: Die Akteure der deutsch-französischen Beziehungen sind heute nicht mehr von dem Bedürfnis nach Aussöhnung geprägt, das in der Nachkriegszeit noch die stärkste politische und moralische Motivation für die Annäherung darstellte. Diese Feststellung gilt bei weitem nicht nur für die jüngere Generation von Politikerinnen und Politikern, die jene schmerzhafte Erfahrung des Krieges im Allgemeinen nicht gemacht hat; sie gilt für die gesamte neue Generation von Experten der deutsch-französischen Beziehungen, für Studenten und Arbeitnehmer und für jeden Bürger, der Kontakte zum Nachbarland hat. Die Mehrheit von ihnen ist mit außerordentlich engen bilateralen Beziehungen aufgewachsen, sie agieren auf einem bestellten Feld. Sie sind in einem europäischen Rahmen sozialisiert, der den selbstverständlichen Bezugspunkt für jeden Austausch zwischen Deutschland und Frankreich darstellt.

Dies ist ein kaum zu ermessender Erfolg des Elysée-Vertrages, der vielen von uns heute nicht mehr bewusst ist. Viele der Ideale und Ziele, die in der Aussöhnungsphase formuliert wurden, sind erreicht, besonders die Entmystifizierung des Partnerlands. Deutsche und Franzosen stehen heute vor denselben Alltagsschwierigkeiten, was zu einer Normalisierung, ja Banalisierung des bilateralen Verhältnisses geführt hat. Dies wird zuweilen von Kommentatoren beklagt. Die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern "leiden" insofern unter ihrem eigenen Erfolg. Wer diesen Erfolg beklagt, sollte nicht vergessen, dass die gegenseitige Faszination auch im Zusammenhang mit dem historisch konfliktbeladenen Verhältnis, der Tradition des Hasses und der Feindseligkeit einherging.

Kennzeichnend für die jüngere Generation der Akteure auf dem deutsch-französischen Feld ist - auch dies ein Kennzeichen der Normalität - ein unbefangener Umgang miteinander, eine neue Offenheit und Ehrlichkeit, die keineswegs Ausdruck von größerer Distanz, sondern ganz im Gegenteil von größerer Nähe und Vertrautheit ist. Heute sind die deutsch-französischen Beziehungen so weit gediehen, dass es keine Tabus mehr gibt und Meinungsverschiedenheiten offen angesprochen werden. Im Grunde liegt darin die größtmögliche Belohnung für all die Anstrengungen der vergangenen fünfzig Jahre.

Verändert haben sich mit dem Generationenwechsel aber auch die Inhalte der deutsch-französischen Kooperation. Während früher die Bewältigung der Vergangenheit und die Versöhnung die zentralen Themen waren, geht es heute vor allem um die Bewältigung der Zukunft. Das Verhältnis unserer beiden Länder zueinander ist nicht mehr der einzige Zweck der Kooperation, sondern gemeinsame Interessen im größeren - europäischen und globalen - Rahmen prägen nun die Zusammenarbeit. Die deutsch-französische Beziehung ist damit nicht mehr nur Selbstzweck und Inhalt, sondern sie ist Methode geworden, ein Modus und Regelungsmechanismus für Herausforderungen, die von außen an unsere Länder herangetragen werden. Dies dürfte im Zuge der Osterweiterung der Europäischen Union (EU) umso mehr gelten, als ein Europa der 25 von Krisen und Blockaden nicht verschont bleiben wird. Der deutsch-französische Dialog könnte hier wie schon in der Vergangenheit als Modell der Kompromissfindung dienen.

Und schließlich hat in den vergangenen Jahren die Zivilgesellschaft an Gewicht gewonnen. Standen bislang die Regierungszusammenarbeit, der Jugend- und Studentenaustausch und die Städtepartnerschaften im Zentrum, so gewinnen heute Kontakte zwischen Multiplikatoren und Entscheidungsträgern aus allen Gesellschaftsbereichen an Bedeutung. Überlegungen zu Zukunftsthemen finden auf der Basis eines dichten Netzwerkes statt, das Ergebnis eines starken politischen Willens und des konsequenten Engagements von Persönlichkeiten und Institutionen ist. Hier sind die stetige Zunahme der Austauschprogramme - insbesondere im Rahmen des Deutsch-Französischen Jugendwerks - zu nennen sowie der Erfolg politischer, wirtschaftlicher und kultureller Projekte, denken wir nur an die mutige Gründung des europäischen Fernsehkanals ARTE. Bei der Schaffung eines gemeinsamen Europas ist der weitere Aufbau von Netzwerken in allen Teilen der Zivilgesellschaft, auch über die nationalen Grenzen hinaus, von elementarer Bedeutung. Nur so werden die Bürger sich langfristig in Europa zu Hause fühlen.