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12.11.2004 | Von:
Frauke Rubart

Island: Traditionsreiche Demokratie und moderne politische Kultur am Nordrand Europas

Politische Kultur mit tradierten Werten

Die Auswanderungswellen nach Nordamerika verebbten, als mit der Mechanisierung der Fischerei die Aussicht auf Arbeit und bessere Überlebensmöglichkeiten im eigenen Land entstand. In der Gegenwart sind nur noch etwa zehn Prozent der Erwerbstätigen in diesem Wirtschaftssektor beschäftigt. Heute geht es um mehr als ums bloße Überleben, und die Präsenz der Amerikaner, deren Konsumkultur in den sechziger Jahren über den Fernsehsender ihrer Basis in die isländischen Wohnzimmer ausstrahlte, weckte bei den Einheimischen starke Wünsche nach amerikanischer Lebensart.

Die beiden Romane des Kultautors Einar Kárason "Törichter Männer Rat"[29] und "Die isländische Mafia"[30] beschreiben die unermüdliche Betriebsamkeit zur Verwirklichung von großen Konsumträumen und zeichnen ein "herzhaft komisches Sittengemälde von Dallas am Rande von Reykjavík" - so der Werbetext für diese "moderne Familiensaga". Wurde früher um reichlich Fisch gebetet, so seufzen die isländischen Kinder nun "Lieber Gott, gib uns Kaugummi"[31]. Die Männer des Inselreiches träumen von großen geländegängigen Autos: "The spirit of Iceland: hard work and big cars."[32] Die isländischen Frauen haben andere Vorstellungen,[33] denn sonst hätte es keine derart erfolgreiche Frauenpartei gegeben. Die ehemalige Staatspräsidentin Finnbogadóttir - Romanistin und vor ihrer Wahl Theaterdirektorin - empfahl sie allen Ländern: "Man braucht eine solche Partei."[34]

Als Gründungs- und Nationalfeiertag der Republik Island wurde mit dem 17. Juni der Geburtstag von Jón Sigurðsson gewählt, der im 19. Jahrhundert die (gewaltlose) Unabhängigkeitsbewegung der dänischen Kolonie anführte. Er war Präsident des Mitte des 19. Jahrhunderts wieder eingesetzten Althing sowie Vorsitzender der Isländischen Literarischen Gesellschaft in Kopenhagen. Eine Statue dieses Politikers und Philologen steht auf dem Reykjavíker Austurvöllur, dem Platz vor dem 1881 erbauten Parlamentsgebäude: Das Althing befindet sich neben der Domkirche, dem institutionellen Mittelpunkt des christlichen Glaubens, der auch in der Nationalhymne zum Ausdruck kommt: "Oh Gott, du unsres Islands Herr".

In Island herrschen Nonchalance und Skepsis gegenüber Autoritäten. Politikerinnen und Politiker werden wie alle Mitbürger mit ihrem Vornamen angesprochen und geduzt, auch das Staatsoberhaupt. Dessen Residenz in Bessastaðir ist allgemein zugänglich. Deshalb erscheint die Szene in Guðmundssons Roman "Engel des Universums" keineswegs aus der Luft gegriffen, in der Psychiatriepatient Óli vom Präsidenten empfangen wird und ihn ernsthaft fragt, ob er nicht dessen Nachfolger werden könne. Der stimmt lachend zu, und sein Besucher fährt fort: "Sag mal, da ich ja nach dir Präsident werde, meinst du nicht, es wäre in Ordnung, wenn ich den Wagen etwas früher kriege?"[35]

Autonomie, Eigenständigkeit und Selbstbestimmung sind die weit über das nationale Unabhängigkeitsstreben hinausgehenden obersten Werte der Bevölkerung. Sie konnten am erfolgreichsten von der konservativen Partei in Stimmen umgemünzt werden, der Unabhängigkeitspartei von Davið Oddsson, die seit 1991 ununterbrochen regiert. In der egalitär orientierten Inselrepublik wird die Demokratie sehr geachtet, doch "im Allgemeinen sind die Isländer pragmatisch, mehr damit beschäftigt Geld zu verdienen als Prinzipien zu diskutieren"[36].


Fußnoten

29.
Einar Kárason, Törichter Männer Rat, München 2000.
30.
Ders., Die isländische Mafia, Wien 2001.
31.
So der Titel einer Kurzgeschichte des schriftstellernden ehemaligen konservativen Regierungschefs David Oddsson in seinem Buch Schöne Tage ohne Gudny, Göttingen 2001, S. 17 - 25.
32.
Berit Kvam, The spirit of Iceland - hard work and big cars, in: Nordic Labour Journal, 7 (Oktober 2002), S. 15 - 17.
33.
Vgl. Sigríður Dúna Kristmundsdóttir, Doing and Becoming. Women's Movements and Women's Personhood in Iceland 1870 - 1990, Reykjavík 1997, sowie die Rezension von Auður Styrkarsdóttir, The creation of feminism: an Icelandic story, in: NORA. Nordic Journal of Women's Studies, 7 (1999) 1, S. 83 - 86.
34.
Fred David, Interview mit Islands Staatspräsidentin Vigdís Finnbogadóttir: "Sprache und Literatur sind unsere stärksten Waffen", in: Der Standard vom 29.3. 1996.
35.
E. M. Gudmundsson (Anm. 16), S. 171.
36.
So Gunnar Helgi Kristinsson in Sigrún Daviðsdóttir, På Island ignores magten, in: Politik i Norden, (2002) 1, S. 38.