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12.11.2004 | Von:
Frauke Rubart

Island: Traditionsreiche Demokratie und moderne politische Kultur am Nordrand Europas

Perspektiven für eine eigensinnige Gesellschaft

Ein Großteil der Bevölkerung will es ohne die EU schaffen, neue Einnahmequellen zu erschließen.[55] "Als Teil Europas hat man sich in dem Inselstaat nie gefühlt. Eine Öffnung zur EU käme nur, wenn eine Mehrheit dies als wirtschaftlich nützlich empfände. Und für ein solches Umdenken wären ein paar magere Kabeljau-Jahre nötig."[56] Noch wird im protestantischen Island wohl heimlich zum Fischgott gebetet, der dem Land ein Einkommen beschert hat, mit dem wohlfahrtsstaatliche Leistungen finanziert werden können. Für viele Bürgerinnen und Bürger sind diese lebensnotwendig. Aber in Island wird nicht gejammert: Das isländische Volk hatte schon vor dem Wirtschaftsaufschwung der neunziger Jahre einen sehr hohen "Glücksindex", der von den Erforschern des subjektiven Wohlbefindens nicht nur mit materiellen Gütern, sondern vor allem mit Demokratie in Verbindung gebracht wird.[57]

In Island gibt es viel Dunkelheit, und der Alltag ist durchaus beschwerlich[58]: "Trotzdem ist die Welt schön."[59] Es sind nicht nur Bestsellerautoren, die positiv denken. Auch die jungen Popmusiker, die als Repräsentanten Islands zur EXPO 2000 nach Hannover geschickt wurden, wollen Hoffnung und Zuversicht verbreiten: "Aber das Beste was Gott geschaffen hat ist / der neue Tag."[60]


Fußnoten

55.
Vgl. Lasse Dudde, Nach den Walen jetzt die Gene, in: Die Woche vom 19.1. 1999.
56.
Hannes Gamillscheg, Umdenken ohne Kabeljau, in: Frankfurter Rundschau vom 12.5. 2003; vgl. auch Ralf Köpke, Leben vom Wasser. Die Isländer setzen auf Fischfang- jetzt erzeugen sie mit dem Nass günstig Strom und wollen so Aluminiumfirmen anlocken, in: Frankfurter Rundschau vom 8.10. 2004.
57.
Vgl. Ronald Inglehart /Hans-Dieter Klingemann, Genes, Culture, Democracy, and Happiness, in: Ed Diener/Eunkook M. Suh (Hrsg.), Culture and Subjective Well-Being, Cambridge, Mass. 2000, S. 165 - 183, sowie Stefan Klein, Die Glücksformel oder Wie die guten Gefühle entstehen, Reinbek 2003, S. 276ff.
58.
Vgl. Henryk M. Broder, Absurdistan unter dem Polarkreis, in: Spiegel online vom 16.7. 2004.
59.
E.M. Guðmundsson (Anm. 2), S. 51.
60.
Sigur Rós, En Það besta sem guð hefur skapað er ny'r dagur, auf der CD Ágætis byrjun (Guter Anfang).