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12.11.2004 | Von:
Stefan Kaufer

Nordland

Anmerkungen zum deutschen Skandinavienbild

Die "unberührte Weite"

Hans Henny Jahnn fand in Norwegen, wo weite Teile seiner Romane "Perrudja" und "Fluss ohne Ufer" spielen, nicht das, was er suchte. Wohl auch aus diesem Grund gibt es in seiner Literatur das Reich "Ugrino", das nur in der dichterischen Phantasie existiert und sich aus dem norwegischen Wort für das Land als Verdrehung von "Norge" in die Welt der Kunst hinein verflüchtigt. Warum das reale Nordland enttäuschte, lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: "Die Menschen verdarben alles."[8] Wieso aber erwartete sich der Abiturient überhaupt ein Gebiet, das von der Industrialisierung noch nicht erfasst und deshalb ganz anders als Deutschland war? In einem Buch über "Fluss ohne Ufer" schreibt Jochen Hengst, dass Jahnn den Fluchtpunkt seines "Exodus weitab von der Zivilisation" verlegte, da er das Christentum für den Ausbruch des Krieges verantwortlich machte und im Norden noch - im positiven Sinne - "heidnische", ursprünglichere Kräfte am Werk sah. "Die damals vielfach noch unberührte Weite Norwegens bot idealen Unterschlupf."[9]

Barbara Gentikow hat in ihrer Untersuchung "Skandinavien als präkapitalistische Idylle" Ende der siebziger Jahre dargelegt, wie im wilhelminischen Deutschland Bücher aus den Ländern des Nordens beinahe ausschließlich als Botschaften aus einer "unberührten Weite" gelesen wurden. Sie hat gezeigt, dass diese ein Märchen war, das "im hochindustrialisierten Deutschland von 1870 bis 1914" als ein geistiger "Fluchtort in eine heile Welt" diente.[10] Gentikow gesteht zwar zu, dass man in Skandinavien zu dieser Zeit erst dabei war, sich von Agrar- zu Industrieländern zu entwickeln. Was in Deutschland bereits 1871 geschehen war und sich in der Gründerzeit schwindelerregend potenzierte, befand sich hier erst am Anfang. Doch bedeutet dies nicht, dass der Norden "unberührt" vor sich hin träumte.

Betrachtet man die Entwicklung aus anderer, nordischer Perspektive, so bietet sich ein verändertes Bild. Um 1840 etwa hatte die norwegische Wirtschaft noch eine "fast mittelalterliche Struktur" aufgewiesen. Seit den 1850er Jahren wurden Fabriken gebaut, Straßen und Eisenbahnlinien. Technische Neuerungen, wie Dampfsägen, ermöglichten die Verarbeitung und den Export von Holz in großem Stil: "Von 1850 - 1880 wuchs die norwegische Handelsflotte auf ihre sechsfache Größe an und wurde die drittgrößte der Welt." Ein neues Finanzsystem wurde erforderlich. "Innerhalb weniger Jahre wurden die bis heute wichtigsten skandinavischen Banken gegründet: Stockholms Enskilda Banken (1856), Privatbanken (1857) und Den Norske Creditbank (1857)." Diesem wirtschaftlichen Aufschwung folgte "eine erste schwere Krise in den Jahren 1875 - 79, die sich bis in die 90er Jahre hinein fortsetzte"[11].

Literatur aus Skandinavien, insbesondere aus Norwegen, war im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts sehr erfolgreich - nicht nur die in karger Natur angesiedelten Romane von Knut Hamsun mit sprechenden Titeln wie "Segen der Erde", für das er 1920 den Nobelpreis erhielt. Auch von der voranschreitenden Industrialisierung und frühen Formen des Massentourismus war zu lesen und zu hören. Henrik Ibsens Stück "John Gabriel Borkman" von 1896 hat das Errichten von Industrieanlagen in der Natur zum Thema. Der gleichnamige Protagonist, ein ehemaliger, aufgrund seiner finanziellen Spekulationen gerichtlich verurteilter Bankdirektor, träumt davon, ein "Reich" von Fabriken zu errichten: "Und drunten am Fluß - horch! Die Fabriken gehen! Meine Fabriken! (...) Die Räder wirbeln und die Walzen blitzen - immer herum, immer herum!" Im Drama "Die Frau vom Meere" aus dem Jahr 1888 lässt Ibsen eine Figur sagen: "Da kommt wieder ein Dampfer. Gestopft voll von Passagieren. Das Reisen hat hier in den letzten Jahren einen beispiellosen Aufschwung genommen. Und Sommerfrischler haben wir hier auch die Masse. Mir ist manchmal bange, unsere gute Stadt wird bei all dem fremden Wesen ihr Gepräge verlieren."[12]

Ibsens Thematisierung gesellschaftlicher Probleme in seiner Heimat änderte nichts an deren Wald-und-Wiesen-Wahrnehmung in Deutschland, so populär er hier auch war. Sein Übersetzer, der Reiseschriftsteller Ludwig Passarge, ist hierfür das beste Beispiel. Obwohl er die Texte Ibsens so genau kannte wie wohl sonst niemand zwischen Hamburg und München, erzählt er in einem Buch von dem "schönsten und glücklichsten Land Europas", Norwegen, "das aus eigenster Kraft einen Musterstaat gebildet und sich dabei den ganzen Enthusiasmus der suchenden Jugend bewahrt hat"[13]. Nora mag in ihrem "Puppenheim"-Zuhause fast untergehen, wie es in Ibsens heute berühmtestem Stück geschieht, doch trotzdem blies in der deutschen Vorstellung im Norden immer nur Pan auf weiter, ungestörter Flur auf seiner unschuldigen Flöte.

Gründe für diese verzerrte, verniedlichende Wahrnehmung sind zumindest zum Teil in staatlicher Lenkung zu suchen. 1890 sagte Kaiser Wilhelm II. auf einer seiner so genannten Nordlandfahrten: "Es zieht mich mit magischen Fäden zu diesem Volke. Es ist das Volk, welches sich im steten Kampf mit den Elementen aus eigener Kraft durchgearbeitet hat, das Volk, welches in seinen Sagen und in seiner Götterlehre stets die schönsten Tugenden, die Mannentreue und Königstreue, zum Ausdruck gebracht hat. Das norwegische Volk hat in seiner Literatur und Kunst alle diese Tugenden gefeiert, die eine Zierde der Germanen bilden." Barbara Gentikow meint, die "wilhelminische Kulturpolitik, allen voran Kaiser Wilhelm II. selbst", habe "den Rassegedanken, den Gedanken der Blutsverwandtschaft mit den nordischen Völkern, den Germanen-Mythos" mobilisiert, um unter "Berufung auf das kraftvoll-gesunde Germanentum" gegen das "dekadente Romanische und das unkultivierte Slawische ideologisch zu Felde" zu ziehen.[14]

Der Hamburger Gymnasiast Hans Jahn war gezwungen, seine Reifeprüfung in einem geistigen Klima abzulegen, das Norwegen hochhielt, um das eigene Land über die Länder zu stellen, mit denen es konkurrierte. In den Bildern, welche die Politik von Norwegen bzw. Skandinavien aufbaute, tritt diese Region als eine Art junges, noch unverbrauchtes Deutschland auf, an dem sich der neue Nationalstaat orientieren soll. Muss Jahnn während seiner Schuljahre nicht den prägenden Eindruck bekommen haben, in Deutschland sei etwas verloren gegangen, was es in Norwegen noch im Überfluss gab, wo der "Kampf mit den Elementen" - um die in Wikingerphantasien schwelgenden Worte Wilhelms II. zu gebrauchen - dem Leben noch einen Sinn jenseits des Bürgerlichen zu geben vermochte, von dem er sich eingeschlossen fühlte? Er brach mit dem Glauben daran ins norwegische Exil auf und schrieb doch im Januar 1917 aus Hamar, dass die Menschen in Norwegen "viel unfreier als bei uns" seien, "kleinlicher und darum in übler Weise sittlich". Und im August desselben Jahres ruft er in einem Brief aus: "Ich will Dir sagen, dies ist ein erbärmliches Land!"[15]

Etwa seit 1820 hatten Deutsche als begeisterte Touristen Skandinavien bereist und sich mit dieser Region verbunden gefühlt. Doch das Jahr 1914 markierte einen ersten Einbruch der Beziehungen zwischen dem Norden und Deutschland. Offiziell blieb Norwegen wie auch Dänemark und Schweden - die drei Könige hatten sich im Dezember 1914 in Malmö auf eine Linie absoluter Neutralität verständigt - im Ersten Weltkrieg bündnisfrei, entwickelte unter dieser Oberfläche jedoch enge Bande zu Großbritannien und seinen Alliierten.

Wieder hilft Jahnns Stimme, solch abstrakt klingende historische Vorgänge erfahrbar zu machen: "In Norwegen herumzureisen ist uns unmöglich", schrieb er 1916, "weil die Bevölkerung so sehr deutschfeindlich ist, dass Hotels es wagen können, uns die Tür zu weisen." Der junge Schriftsteller stieß aus: "Die Zustände sind nicht zu beschreiben. Allüberall Böswilligkeit und Betrug." Man kann sich seine Verzweiflung ausmalen. "Wir sprechen Norwegisch, aber man will es nicht verstehen: Es gelten hier zu Land nur einzig reiche, breitausgelaufene Engländer."[16] Von der angeblichen germanischen Stammesverwandtschaft war nicht viel mehr übrig als diffuser Nebel, während sich Norwegen nach dem Westen streckte. Doch da dies nicht offiziell geschah, war es später möglich, dass das Nordland noch einmal zum Freundes- und Bundesmythos missbraucht werden konnte.


Fußnoten

8.
Ders. (Anm. 2), S. 430f.
9.
Jochen Hengst, April. Norwegen, in: ders/Heinrich Lewinski (Hrsg.), Hans Henny Jahnn. Fluss ohne Ufer. Eine Dokumentation in Bildern und Texten, Hamburg 1994, S. 94f.
10.
B. Gentikow (Anm. 3), S. 23.
11.
Ebd., S. 29.
12.
Henrik Ibsen, Sämtliche Werke, Bd. V, Berlin 1917, S. 5f. u. S. 475f.
13.
Gerda Moter Erichsen, Ludwig Passarge - der erste Übersetzer von Ibsens "Peer Gynt", in: Zeitschrift für Germanistik, N. F., (1991) 3, S. 544f.
14.
B. Gentikow (Anm. 3), S. 243f.
15.
H. H. Jahnn (Anm. 5), S. 139 u. S. 169.
16.
Ebd., S. 100f.