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12.11.2004 | Von:
Stefan Kaufer

Nordland

Anmerkungen zum deutschen Skandinavienbild

Der sanierte "Volkskörper"

Zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs konnten die Nationalsozialisten auf den Mythen und Luftschlössern aufbauen, die Wilhelm II. mit errichtet hatte. Der Literatur kam dabei, wie Herbert van Uffelen schreibt, eine besondere Bedeutung zu: Sie sollte eine "moralische Sanierung am Volkskörper" leisten. Man förderte nach Möglichkeit die Verbreitung von Bauern- und Blut-und-Boden-Romanen, um Intellektualismus, ja "Großstadtmentalität" überhaupt zu bekämpfen. Geschichten aus der "unberührten Weite" Skandinaviens, aber auch aus den Niederlanden, kamen da gerade recht, weil die NSDAP so die "Rückbesinnung auf die nordischen Ursprünge des deutschen Volkes" zu beschleunigen hoffte.[17]

Diese zweite Vereinnahmung verlief aus Sicht des Nordens wesentlich gründlicher als im Ersten Weltkrieg. 1940 wurde die Träumerei von einem nordischen Germanien insofern Realität, als deutsche Truppen Norwegen besetzten. Viele Menschen, auch Deutsche, die sich hier vor nationalsozialistischer Verfolgung sicher gewähnt hatten, mussten nach Schweden oder in andere Länder fliehen. Ein besonders trauriges Kapitel aus dieser Zeit ist aus kultureller Sicht die Anbiederung von Knut Hamsun an die Besatzer - eine Tat, die man in Norwegen dem wohl größten literarischen Sohn des Landes bis heute nicht verziehen hat. Schweden hingegen gelang es, sich auch aus dem Zweiten Weltkrieg herauszuhalten. Aus deutscher Sicht ist die Rolle des Landes als Hafen für Flüchtlinge von herausragender Bedeutung. Willy Brandt fand hier damals Zuflucht. Dänemark hingegen wurde wie Norwegen das Schicksal zuteil, von Deutschland besetzt zu werden. Bis zur Ausrufung des Ausnahmezustands 1943 geschah dies unter dem Deckmantel der Zusammenarbeit (nominell wurde den Dänen die Regierungsgewalt belassen), doch als die Bevölkerung begann, offen Widerstand zu leisten, beendeten deutsche Soldaten die Aufstände mit Gewalt.

Hans Henny Jahnn wurde von den Nationalsozialisten nicht offen verfolgt, doch mussten seine Romane und Theaterstücke, die oft Homoerotisches und Pro-Afrikanisches zum Thema hatten, bei den Völkischen ein Gefühl der "Entartung" hervorrufen. Dabei bleibt der bittere Nachgeschmack, dass zumindest die Vermutung nahe liegt, dass der Hamburger sich bei den neuen Herrschern zunächst beliebt machen wollte - bis er merkte, dass dies nicht gelingen konnte. Kaum anders ist das Drama "Armut, Reichtum, Mensch und Tier" von 1933 zu erklären, das - in Norwegen spielend - den Blut-und-Boden-Mythos bedient.

1934 erwarb Jahnn auf der dänischen Ostseeinsel Bornholm einen Bauernhof für sich und seine Familie. Dort blieb er bis Kriegsende, weitgehend unbehelligt von den Geschehnissen in Deutschland. 1945 gelangten sowjetische Soldaten auf seinen Hof. Der Schriftsteller wurde verhört, und er erzürnte sich darüber, dass man ihn nicht als Flüchtling anerkannte, der - wie 1915 - aus Deutschland weggehen musste. Seine Äußerungen aus dieser Zeit legen nahe, dass er wirklich kein Flüchtling war, etwa wie Thomas Mann oder Anna Seghers. Obwohl er in einem Land gelebt hatte, das besetzt gewesen war, gab er die Schuld am Krieg dem undurchschaubaren Schicksal und der Willkür moderner Waffensysteme. Er sah überall nur Opfer, nirgends Täter: "Das Schicksal bestimmt nicht ein Mann, auch 10 000 bestimmen es nicht. Es sieht nur so aus. Hunderttausende Juden mussten zugrunde gehen. Einzelne aber wurden dick am Elend ihrer Brüder. Millionen Deutsche, Millionen Russen wurden geschlachtet, Millionen Polen. Eine Atombombe tötete in einer Sekunde 380 000 - 400 000 Menschen in Japan. Warum wurden zwei Städte so heimgesucht? Warum nicht andere? Warum kamen in Dresden mehr Menschen ums Leben als in Köln? Warum stirbt der eine heute, der andere Morgen? Und sterben wir nicht alle?"[18]


Fußnoten

17.
Herbert van Uffelen, Hohe Lieder auf die gesegnete Erde Flanderns, Opladen 1996, www.ned.univie.ac.at/doku-stelle/show_file.asp?id=27297 (September 2004).
18.
H. H. Jahnn (Anm. 1), S. 599f.