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12.11.2004 | Von:
Stefan Kaufer

Nordland

Anmerkungen zum deutschen Skandinavienbild

Zwischen Märchenland und Realität

Norwegen, das skandinavische Land, das vor dem Zweiten Weltkrieg die wohl engsten Verbindungen zu Deutschland hatte, interessiert sich heute kaum für Deutschland. Zwar wird von offizieller Seite die Bedeutung des südlichen Nachbarn immer wieder betont.[19] Doch ist im wirklichen Leben der Zustand der frühen Nachkriegszeit im Wesentlichen noch immer gegeben; die Zeit davor ist vergessen bzw. verdrängt: Man spricht Englisch, nicht Deutsch. Wenn im skandinavischen Raum die Wahrnehmung der Bundesrepublik - abgesehen von der Frage des Tourismus - als eine Art abwartende Gleichgültigkeit beschrieben werden muss, so hängt dies damit zusammen, dass in zwei der drei wirtschaftlich wichtigsten Länder Skandinaviens die Erinnerung an das erlittene Unrecht noch immer frisch ist und Deutschland als Land wahrgenommen wird, in dem der Zweite Weltkrieg, wenn auch nicht offiziell, so doch nach Meinung breiter Bevölkerungsschichten eher als diffus-schreckliche, dämonische Katastrophe empfunden wird, die einmal über einen gekommen, nun aber längst überstanden ist.

Doch der Vorwurf des Stillstands in der gegenseitigen Wahrnehmung wäre auch gegen Deutschland zu erheben. Im Grunde spiegeln wir uns immer noch selbst, wie damals Wilhelm II., in einer Region, die angeblich geheimnisvoll anders ist, zurückgeblieben, ursprünglich. In den achtziger Jahren noch sprach Hans Magnus Enzensberger vom "norske utakt", von Norwegens fortwährendem "Aus-der-Reihe-Tanzen": "Norwegens Uhren sind immer anders gegangen als die des Kontinents. Dieses Land ist das Reich der Ungleichzeitigkeit."[20] Man fragt sich, welches Land nicht für sich beansprucht, in Europa aus derReihe zu tanzen, sei es Großbritannien, sei es Polen.

Man muss nicht Literaten zu Wort kommen lassen, um zu sehen, dass der Norden, vor allem Norwegen, in den Köpfen der Menschen immer noch "anders" ist - kein Land, eher ein Naturreservat. Thomas Kliem hat in seiner Dissertation gezeigt, dass das Norwegenbild in deutschen Köpfen "vorrangig von der Natur" und kaum von den Städten bestimmt wird. Nicht nur, dass die Norweger zum größten Teil in Städten leben - der Urbanisierungsgrad liegt bei 75 Prozent -, Norwegen ist vor allem ein reiches und modernes Land. Seit den siebziger Jahren werden vor der zur Nation gehörenden Küste Erdöl und Erdgas gefördert, die norwegische Wirtschaft ist hoch technisiert und konkurrenzfähig, und ihre Arbeitnehmer sind im Durchschnitt sehr gut ausgebildet und sozial abgesichert. Umfragen Kliems unter Deutschen ergaben jedoch, dass die meisten Befragten die Fischerei für den bedeutendsten Wirtschaftszweig Norwegens halten. Unter sechs Begriffen, die man in der Regel spontan mit dem Land im Norden assoziiert, findet sich nur ein urbaner: Fjorde, Elche, Oslo, Kälte, Natur, Wälder. Außerdem macht der Autor fünf Bereiche aus, für die sich deutsche Norwegenbesucher nicht oder kaum interessieren: das Nachtleben; touristische Angebote; Städte; Industrie, Wirtschaft und Politik; Museen. "Die Größe des Landes wird überschätzt, und Norwegen ist ein Sinnbild für Natur und Landschaft mit den landschaftlichen Höhepunkten, den Fjorden."[21]

Die "unberührte Weite" Norwegens scheint in der deutschen Vorstellung fest verankert zu sein, ohne dass es Raum für den Gedanken gäbe, dass aus norwegischer Sicht weite Landstriche unseres Landes, etwa in Ostdeutschland, wesentlich "unberührter" sind, vor allem ökonomisch betrachtet. Schweden hat hierzulande in mancherlei Hinsicht, etwa, was die Elche betrifft, dasselbe Image wie Norwegen, und doch wird es als moderner wahrgenommen. Das mag daran liegen, dass Stockholm wesentlich größer ist als Oslo und dass dieses Land beinahe doppelt so viele Einwohner hat wie Norwegen. Außerdem wird es als aktives EU- und UNO-Mitglied empfunden (die "Blauhelme" sind eine Erfindung aus Schweden), und mit Erzählungen über das Modell des schwedischen Sozialstaates sind die meisten Kinder der alten Bundesrepublik in der Schule aufgewachsen - beides sind "urbane" Qualitäten. EU-Partner Dänemark hat als direkter Nachbar erst recht einen anderen Status. Es gibt in Deutschland eine dänischsprachige Minderheit, in Dänemark eine deutsche; das Land ist nicht sehr groß und auf kleine Inseln verteilt; außerdem verfügt es mit Kopenhagen über eine wirkliche Metropole.

Norwegen aber gilt weiterhin als "weit" und "unberührt", wie die Reisefirma mit dem Namen "Nach Norden" auf ihrer Website berichtet: "Der erfrischende Trunk aus dem klaren Gebirgsbach, das Rauschen des Windes in den Birken, der weite Blick über blaue Seen und unberührte Landschaft."[22] Und "Iwanowski's Reisebuchverlag" berichtet: "Die extrem dünne Besiedelung der meisten Landesteile ist für den Reisenden ideal, überall bieten sich Möglichkeiten zu Abstechern in unberührte Gegenden, stellt sich ein Gefühl von Weite und Einsamkeit fernab der Zivilisation ein."[23] Barbara Gentikow schreibt hingegen, dass der Norweger Johan Sebastian Welhaven bereits 1850 seine Eindrücke von einer Fußwanderung im Westen des Landes so schilderte: "Auch in unserer Heimat wird das Reich der Ursprünglichkeit und des frischen Naturlebens immer mehr eingeschränkt und immer höher hinauf auf einsame Bergwiesen verdrängt. Deshalb saß ich in dem grünen Tal und fühlte, dass die Gegend, die ich verlassen hatte, wie das verschlossene Land des Märchens war. Von seinem stillen, überschatteten Waldweg war ich ins Getümmel und in die Geschäftigkeit einer Dampfschiffsroute geworfen worden."[24]

Deutsche, die Norwegen besser kennenlernen, entdecken schnell, dass sie sich nicht in einem Märchenland befinden. Hans Henny Jahnn schrieb 1915, er und sein Freund seien beim Aufbruch Richtung Norden "durstig gewesen nach einem neuen Land, nach neuen Menschen, neuen Wolken - neuen Wundern - aber wir sind enttäuscht worden"[25]. Thomas Kliem stellt seiner Arbeit voran: "Die Motivation zu dieser (Doktor-)Arbeit resultiert aus eigenen Aufenthalten und Erfahrungen als Urlauber in dem Land. (...) Im Mittelpunkt der eigenen Betrachtung stand stets das Image, das anscheinend wie in kaum einem anderen Land geprägt war von Stereotypen."[26]

Doch in Deutschland gilt weiterhin: Im Nordland rauschen die Wälder, immerfort, einsam und allein und unberührt. Daran können keine Sägewerke, keine Bankniederlassungen und keine Erdölvorkommen etwas ändern. Dabei gilt Deutschland in vielen europäischen Ländern, etwa in England, selbst als "Land der Wälder".


Fußnoten

19.
Vgl. www.norwegen.no/germany (September 2004).
20.
Hans Magnus Enzensberger, Ach Europa! Wahrnehmungen aus sieben Ländern, Frankfurt/M. 1989, S. 310f.
21.
Thomas Kliem, Reisemotive, Reiseverhalten und Wahrnehmungen deutscher Touristen in Norwegen als Grundlage der Entwicklung neuer Konzepte für die norwegische Tourismuswirtschaft, Diss., Universität Duisburg, Essen 2003, S. 63, 150f, 291, www.ub.uni-duisburg.de/ETD-db/theses/available/duett-06302003 - 110015/unrestricted/kliemdiss.pdf (September 2004).
22.
www.huettenwandern.de/wanderngruppe.htm (September 2004).
23.
www.erfolgreich-reisen.de/buecher/skandinavien/norwegen/3923975465.htm (September 2004).
24.
B. Gentikow (Anm. 3), S. 239f.
25.
H. H. Jahnn (Anm. 5), S. 39.
26.
T. Kliem (Anm. 21), S. 5.