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12.11.2004 | Von:
Stefan Kaufer

Nordland

Anmerkungen zum deutschen Skandinavienbild

Das deutsche Bild vom "Nordland", besonders von Norwegen, hat sich vom Ersten und Zweiten Weltkrieg über die Nachkriegszeit bis hin zur Gegenwart kaum verändert.

Einleitung

Am 7. August 1915 legte ein Schiff in Deutschland ab und brachte den 20-jährigen Hans Jahn aus Hamburg zusammen mit seinem Freund Gottlieb Harms nach Fredrikstad, das am Eingang des Oslofjords liegt. Bis zum 3. Dezember 1918 sollte ihnen Norwegen als Exilland Schutz davor bieten, zum Militärdienst an der Front eingezogen zu werden. Außerdem wurde hier aus dem Gymnasiasten, der am 5. August 1914, vier Tage nach Beginn des Ersten Weltkriegs, das Abitur abgelegt hatte, der Dichter Hans Henny Jahnn. "Schließlich ist Norge meine zweite Heimat geworden"[1], wird er 1935 über diese Zeit sagen, erneut als Weggegangener, diesmal auf der Insel Bornholm.


Jahn(n) war als überzeugter Pazifist einer der wenigen Jungen, auch unter den (werdenden) Schriftstellern, die es nicht begeistert in den Krieg zog. Nur Wochen nach dessen Ausbruch schrieb er in seinem Tagebuch von der "Erbärmlichkeit der Soldaten der Maschinengewehrabteilung", von der "Unersättlichkeit der Reichen, die diesen Krieg wollten" und der "Hohlheit der Leute, die laut schreien zu siegen".[2]

Doch verband ihn mit seiner Generation das Bild, das er vom Norden hatte und das als Sehnsuchtsphantasie beschrieben werden muss. "Aus den Dünsten und dumpfen Engen der Städte in die rauschenden Wälder", rief Lou Andreas Salomé 1896 programmatisch, sich auf Skandinavien beziehend.[3] Da er als einer der wenigen tatsächlich vor Ort war, lässt sich an Jahnns Empfindungen gut ablesen, was passierte, als Wunschbild und Realität zusammentrafen: "Und dann kamen die Skaren (Schären)", schreibt er noch auf dem Dampfer über seine ersten Eindrücke vom Norden, "und sie schienen wundervoll in ihrer Starrheit; aber es hielt nicht an, das Wunder - es kam eine Stadt, Schlote, Fabriken, ein Wasserfall war arg verschandelt. - Das war der letzte Eingriff tief nach innen - dass es überall gleich (ist)."[4]

Von dem, was er sah, ist nichts von Menschenhand ungestaltet. "Irgendwo wird das Land wohl sein, das wir suchen"[5], hoffte er, und reiste weiter Richtung Norden, zum Sognefjord. Ohne über die Hauptstadt Kristiania, wie Oslo von 1624 bis 1924 hieß, mehr als nur ein paar Worte zu verlieren, gelangte er nach Aurland, das sehr dünn besiedelt und von mächtigen Gebirgslandschaften bestimmt ist. Doch auch hier wurden seine Sehnsüchte nicht erfüllt. Die naturverbundenen, "unzivilisierten" Menschen langweilten ihn. "Arbeit ist" für sie, "wenn man etwas tut, und wenn man nichts tut, ist man eine leere Tonne."[6] Doch anlässlich eines Ausflugs sagte er vor allem über die Welt von Salomés "rauschenden Wäldern": "Alles hat Stil, die Kühe im Walde selbst noch, nur die Menschen mit ihren Reden, Roben, Häusern, Telegraphen, Telephon- und Hochspannungsdrähten, mit ihren Telefunkenstationen und Aussichtstürmen nicht." Er habe noch keine so mit Dingen behangene Gegend gesehen.[7] Auch der entlegene Norden war längst vermessen und verkabelt.

Die "unberührte Weite"

Hans Henny Jahnn fand in Norwegen, wo weite Teile seiner Romane "Perrudja" und "Fluss ohne Ufer" spielen, nicht das, was er suchte. Wohl auch aus diesem Grund gibt es in seiner Literatur das Reich "Ugrino", das nur in der dichterischen Phantasie existiert und sich aus dem norwegischen Wort für das Land als Verdrehung von "Norge" in die Welt der Kunst hinein verflüchtigt. Warum das reale Nordland enttäuschte, lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: "Die Menschen verdarben alles."[8] Wieso aber erwartete sich der Abiturient überhaupt ein Gebiet, das von der Industrialisierung noch nicht erfasst und deshalb ganz anders als Deutschland war? In einem Buch über "Fluss ohne Ufer" schreibt Jochen Hengst, dass Jahnn den Fluchtpunkt seines "Exodus weitab von der Zivilisation" verlegte, da er das Christentum für den Ausbruch des Krieges verantwortlich machte und im Norden noch - im positiven Sinne - "heidnische", ursprünglichere Kräfte am Werk sah. "Die damals vielfach noch unberührte Weite Norwegens bot idealen Unterschlupf."[9]

Barbara Gentikow hat in ihrer Untersuchung "Skandinavien als präkapitalistische Idylle" Ende der siebziger Jahre dargelegt, wie im wilhelminischen Deutschland Bücher aus den Ländern des Nordens beinahe ausschließlich als Botschaften aus einer "unberührten Weite" gelesen wurden. Sie hat gezeigt, dass diese ein Märchen war, das "im hochindustrialisierten Deutschland von 1870 bis 1914" als ein geistiger "Fluchtort in eine heile Welt" diente.[10] Gentikow gesteht zwar zu, dass man in Skandinavien zu dieser Zeit erst dabei war, sich von Agrar- zu Industrieländern zu entwickeln. Was in Deutschland bereits 1871 geschehen war und sich in der Gründerzeit schwindelerregend potenzierte, befand sich hier erst am Anfang. Doch bedeutet dies nicht, dass der Norden "unberührt" vor sich hin träumte.

Betrachtet man die Entwicklung aus anderer, nordischer Perspektive, so bietet sich ein verändertes Bild. Um 1840 etwa hatte die norwegische Wirtschaft noch eine "fast mittelalterliche Struktur" aufgewiesen. Seit den 1850er Jahren wurden Fabriken gebaut, Straßen und Eisenbahnlinien. Technische Neuerungen, wie Dampfsägen, ermöglichten die Verarbeitung und den Export von Holz in großem Stil: "Von 1850 - 1880 wuchs die norwegische Handelsflotte auf ihre sechsfache Größe an und wurde die drittgrößte der Welt." Ein neues Finanzsystem wurde erforderlich. "Innerhalb weniger Jahre wurden die bis heute wichtigsten skandinavischen Banken gegründet: Stockholms Enskilda Banken (1856), Privatbanken (1857) und Den Norske Creditbank (1857)." Diesem wirtschaftlichen Aufschwung folgte "eine erste schwere Krise in den Jahren 1875 - 79, die sich bis in die 90er Jahre hinein fortsetzte"[11].

Literatur aus Skandinavien, insbesondere aus Norwegen, war im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts sehr erfolgreich - nicht nur die in karger Natur angesiedelten Romane von Knut Hamsun mit sprechenden Titeln wie "Segen der Erde", für das er 1920 den Nobelpreis erhielt. Auch von der voranschreitenden Industrialisierung und frühen Formen des Massentourismus war zu lesen und zu hören. Henrik Ibsens Stück "John Gabriel Borkman" von 1896 hat das Errichten von Industrieanlagen in der Natur zum Thema. Der gleichnamige Protagonist, ein ehemaliger, aufgrund seiner finanziellen Spekulationen gerichtlich verurteilter Bankdirektor, träumt davon, ein "Reich" von Fabriken zu errichten: "Und drunten am Fluß - horch! Die Fabriken gehen! Meine Fabriken! (...) Die Räder wirbeln und die Walzen blitzen - immer herum, immer herum!" Im Drama "Die Frau vom Meere" aus dem Jahr 1888 lässt Ibsen eine Figur sagen: "Da kommt wieder ein Dampfer. Gestopft voll von Passagieren. Das Reisen hat hier in den letzten Jahren einen beispiellosen Aufschwung genommen. Und Sommerfrischler haben wir hier auch die Masse. Mir ist manchmal bange, unsere gute Stadt wird bei all dem fremden Wesen ihr Gepräge verlieren."[12]

Ibsens Thematisierung gesellschaftlicher Probleme in seiner Heimat änderte nichts an deren Wald-und-Wiesen-Wahrnehmung in Deutschland, so populär er hier auch war. Sein Übersetzer, der Reiseschriftsteller Ludwig Passarge, ist hierfür das beste Beispiel. Obwohl er die Texte Ibsens so genau kannte wie wohl sonst niemand zwischen Hamburg und München, erzählt er in einem Buch von dem "schönsten und glücklichsten Land Europas", Norwegen, "das aus eigenster Kraft einen Musterstaat gebildet und sich dabei den ganzen Enthusiasmus der suchenden Jugend bewahrt hat"[13]. Nora mag in ihrem "Puppenheim"-Zuhause fast untergehen, wie es in Ibsens heute berühmtestem Stück geschieht, doch trotzdem blies in der deutschen Vorstellung im Norden immer nur Pan auf weiter, ungestörter Flur auf seiner unschuldigen Flöte.

Gründe für diese verzerrte, verniedlichende Wahrnehmung sind zumindest zum Teil in staatlicher Lenkung zu suchen. 1890 sagte Kaiser Wilhelm II. auf einer seiner so genannten Nordlandfahrten: "Es zieht mich mit magischen Fäden zu diesem Volke. Es ist das Volk, welches sich im steten Kampf mit den Elementen aus eigener Kraft durchgearbeitet hat, das Volk, welches in seinen Sagen und in seiner Götterlehre stets die schönsten Tugenden, die Mannentreue und Königstreue, zum Ausdruck gebracht hat. Das norwegische Volk hat in seiner Literatur und Kunst alle diese Tugenden gefeiert, die eine Zierde der Germanen bilden." Barbara Gentikow meint, die "wilhelminische Kulturpolitik, allen voran Kaiser Wilhelm II. selbst", habe "den Rassegedanken, den Gedanken der Blutsverwandtschaft mit den nordischen Völkern, den Germanen-Mythos" mobilisiert, um unter "Berufung auf das kraftvoll-gesunde Germanentum" gegen das "dekadente Romanische und das unkultivierte Slawische ideologisch zu Felde" zu ziehen.[14]

Der Hamburger Gymnasiast Hans Jahn war gezwungen, seine Reifeprüfung in einem geistigen Klima abzulegen, das Norwegen hochhielt, um das eigene Land über die Länder zu stellen, mit denen es konkurrierte. In den Bildern, welche die Politik von Norwegen bzw. Skandinavien aufbaute, tritt diese Region als eine Art junges, noch unverbrauchtes Deutschland auf, an dem sich der neue Nationalstaat orientieren soll. Muss Jahnn während seiner Schuljahre nicht den prägenden Eindruck bekommen haben, in Deutschland sei etwas verloren gegangen, was es in Norwegen noch im Überfluss gab, wo der "Kampf mit den Elementen" - um die in Wikingerphantasien schwelgenden Worte Wilhelms II. zu gebrauchen - dem Leben noch einen Sinn jenseits des Bürgerlichen zu geben vermochte, von dem er sich eingeschlossen fühlte? Er brach mit dem Glauben daran ins norwegische Exil auf und schrieb doch im Januar 1917 aus Hamar, dass die Menschen in Norwegen "viel unfreier als bei uns" seien, "kleinlicher und darum in übler Weise sittlich". Und im August desselben Jahres ruft er in einem Brief aus: "Ich will Dir sagen, dies ist ein erbärmliches Land!"[15]

Etwa seit 1820 hatten Deutsche als begeisterte Touristen Skandinavien bereist und sich mit dieser Region verbunden gefühlt. Doch das Jahr 1914 markierte einen ersten Einbruch der Beziehungen zwischen dem Norden und Deutschland. Offiziell blieb Norwegen wie auch Dänemark und Schweden - die drei Könige hatten sich im Dezember 1914 in Malmö auf eine Linie absoluter Neutralität verständigt - im Ersten Weltkrieg bündnisfrei, entwickelte unter dieser Oberfläche jedoch enge Bande zu Großbritannien und seinen Alliierten.

Wieder hilft Jahnns Stimme, solch abstrakt klingende historische Vorgänge erfahrbar zu machen: "In Norwegen herumzureisen ist uns unmöglich", schrieb er 1916, "weil die Bevölkerung so sehr deutschfeindlich ist, dass Hotels es wagen können, uns die Tür zu weisen." Der junge Schriftsteller stieß aus: "Die Zustände sind nicht zu beschreiben. Allüberall Böswilligkeit und Betrug." Man kann sich seine Verzweiflung ausmalen. "Wir sprechen Norwegisch, aber man will es nicht verstehen: Es gelten hier zu Land nur einzig reiche, breitausgelaufene Engländer."[16] Von der angeblichen germanischen Stammesverwandtschaft war nicht viel mehr übrig als diffuser Nebel, während sich Norwegen nach dem Westen streckte. Doch da dies nicht offiziell geschah, war es später möglich, dass das Nordland noch einmal zum Freundes- und Bundesmythos missbraucht werden konnte.

Der sanierte "Volkskörper"

Zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs konnten die Nationalsozialisten auf den Mythen und Luftschlössern aufbauen, die Wilhelm II. mit errichtet hatte. Der Literatur kam dabei, wie Herbert van Uffelen schreibt, eine besondere Bedeutung zu: Sie sollte eine "moralische Sanierung am Volkskörper" leisten. Man förderte nach Möglichkeit die Verbreitung von Bauern- und Blut-und-Boden-Romanen, um Intellektualismus, ja "Großstadtmentalität" überhaupt zu bekämpfen. Geschichten aus der "unberührten Weite" Skandinaviens, aber auch aus den Niederlanden, kamen da gerade recht, weil die NSDAP so die "Rückbesinnung auf die nordischen Ursprünge des deutschen Volkes" zu beschleunigen hoffte.[17]

Diese zweite Vereinnahmung verlief aus Sicht des Nordens wesentlich gründlicher als im Ersten Weltkrieg. 1940 wurde die Träumerei von einem nordischen Germanien insofern Realität, als deutsche Truppen Norwegen besetzten. Viele Menschen, auch Deutsche, die sich hier vor nationalsozialistischer Verfolgung sicher gewähnt hatten, mussten nach Schweden oder in andere Länder fliehen. Ein besonders trauriges Kapitel aus dieser Zeit ist aus kultureller Sicht die Anbiederung von Knut Hamsun an die Besatzer - eine Tat, die man in Norwegen dem wohl größten literarischen Sohn des Landes bis heute nicht verziehen hat. Schweden hingegen gelang es, sich auch aus dem Zweiten Weltkrieg herauszuhalten. Aus deutscher Sicht ist die Rolle des Landes als Hafen für Flüchtlinge von herausragender Bedeutung. Willy Brandt fand hier damals Zuflucht. Dänemark hingegen wurde wie Norwegen das Schicksal zuteil, von Deutschland besetzt zu werden. Bis zur Ausrufung des Ausnahmezustands 1943 geschah dies unter dem Deckmantel der Zusammenarbeit (nominell wurde den Dänen die Regierungsgewalt belassen), doch als die Bevölkerung begann, offen Widerstand zu leisten, beendeten deutsche Soldaten die Aufstände mit Gewalt.

Hans Henny Jahnn wurde von den Nationalsozialisten nicht offen verfolgt, doch mussten seine Romane und Theaterstücke, die oft Homoerotisches und Pro-Afrikanisches zum Thema hatten, bei den Völkischen ein Gefühl der "Entartung" hervorrufen. Dabei bleibt der bittere Nachgeschmack, dass zumindest die Vermutung nahe liegt, dass der Hamburger sich bei den neuen Herrschern zunächst beliebt machen wollte - bis er merkte, dass dies nicht gelingen konnte. Kaum anders ist das Drama "Armut, Reichtum, Mensch und Tier" von 1933 zu erklären, das - in Norwegen spielend - den Blut-und-Boden-Mythos bedient.

1934 erwarb Jahnn auf der dänischen Ostseeinsel Bornholm einen Bauernhof für sich und seine Familie. Dort blieb er bis Kriegsende, weitgehend unbehelligt von den Geschehnissen in Deutschland. 1945 gelangten sowjetische Soldaten auf seinen Hof. Der Schriftsteller wurde verhört, und er erzürnte sich darüber, dass man ihn nicht als Flüchtling anerkannte, der - wie 1915 - aus Deutschland weggehen musste. Seine Äußerungen aus dieser Zeit legen nahe, dass er wirklich kein Flüchtling war, etwa wie Thomas Mann oder Anna Seghers. Obwohl er in einem Land gelebt hatte, das besetzt gewesen war, gab er die Schuld am Krieg dem undurchschaubaren Schicksal und der Willkür moderner Waffensysteme. Er sah überall nur Opfer, nirgends Täter: "Das Schicksal bestimmt nicht ein Mann, auch 10 000 bestimmen es nicht. Es sieht nur so aus. Hunderttausende Juden mussten zugrunde gehen. Einzelne aber wurden dick am Elend ihrer Brüder. Millionen Deutsche, Millionen Russen wurden geschlachtet, Millionen Polen. Eine Atombombe tötete in einer Sekunde 380 000 - 400 000 Menschen in Japan. Warum wurden zwei Städte so heimgesucht? Warum nicht andere? Warum kamen in Dresden mehr Menschen ums Leben als in Köln? Warum stirbt der eine heute, der andere Morgen? Und sterben wir nicht alle?"[18]

Zwischen Märchenland und Realität

Norwegen, das skandinavische Land, das vor dem Zweiten Weltkrieg die wohl engsten Verbindungen zu Deutschland hatte, interessiert sich heute kaum für Deutschland. Zwar wird von offizieller Seite die Bedeutung des südlichen Nachbarn immer wieder betont.[19] Doch ist im wirklichen Leben der Zustand der frühen Nachkriegszeit im Wesentlichen noch immer gegeben; die Zeit davor ist vergessen bzw. verdrängt: Man spricht Englisch, nicht Deutsch. Wenn im skandinavischen Raum die Wahrnehmung der Bundesrepublik - abgesehen von der Frage des Tourismus - als eine Art abwartende Gleichgültigkeit beschrieben werden muss, so hängt dies damit zusammen, dass in zwei der drei wirtschaftlich wichtigsten Länder Skandinaviens die Erinnerung an das erlittene Unrecht noch immer frisch ist und Deutschland als Land wahrgenommen wird, in dem der Zweite Weltkrieg, wenn auch nicht offiziell, so doch nach Meinung breiter Bevölkerungsschichten eher als diffus-schreckliche, dämonische Katastrophe empfunden wird, die einmal über einen gekommen, nun aber längst überstanden ist.

Doch der Vorwurf des Stillstands in der gegenseitigen Wahrnehmung wäre auch gegen Deutschland zu erheben. Im Grunde spiegeln wir uns immer noch selbst, wie damals Wilhelm II., in einer Region, die angeblich geheimnisvoll anders ist, zurückgeblieben, ursprünglich. In den achtziger Jahren noch sprach Hans Magnus Enzensberger vom "norske utakt", von Norwegens fortwährendem "Aus-der-Reihe-Tanzen": "Norwegens Uhren sind immer anders gegangen als die des Kontinents. Dieses Land ist das Reich der Ungleichzeitigkeit."[20] Man fragt sich, welches Land nicht für sich beansprucht, in Europa aus derReihe zu tanzen, sei es Großbritannien, sei es Polen.

Man muss nicht Literaten zu Wort kommen lassen, um zu sehen, dass der Norden, vor allem Norwegen, in den Köpfen der Menschen immer noch "anders" ist - kein Land, eher ein Naturreservat. Thomas Kliem hat in seiner Dissertation gezeigt, dass das Norwegenbild in deutschen Köpfen "vorrangig von der Natur" und kaum von den Städten bestimmt wird. Nicht nur, dass die Norweger zum größten Teil in Städten leben - der Urbanisierungsgrad liegt bei 75 Prozent -, Norwegen ist vor allem ein reiches und modernes Land. Seit den siebziger Jahren werden vor der zur Nation gehörenden Küste Erdöl und Erdgas gefördert, die norwegische Wirtschaft ist hoch technisiert und konkurrenzfähig, und ihre Arbeitnehmer sind im Durchschnitt sehr gut ausgebildet und sozial abgesichert. Umfragen Kliems unter Deutschen ergaben jedoch, dass die meisten Befragten die Fischerei für den bedeutendsten Wirtschaftszweig Norwegens halten. Unter sechs Begriffen, die man in der Regel spontan mit dem Land im Norden assoziiert, findet sich nur ein urbaner: Fjorde, Elche, Oslo, Kälte, Natur, Wälder. Außerdem macht der Autor fünf Bereiche aus, für die sich deutsche Norwegenbesucher nicht oder kaum interessieren: das Nachtleben; touristische Angebote; Städte; Industrie, Wirtschaft und Politik; Museen. "Die Größe des Landes wird überschätzt, und Norwegen ist ein Sinnbild für Natur und Landschaft mit den landschaftlichen Höhepunkten, den Fjorden."[21]

Die "unberührte Weite" Norwegens scheint in der deutschen Vorstellung fest verankert zu sein, ohne dass es Raum für den Gedanken gäbe, dass aus norwegischer Sicht weite Landstriche unseres Landes, etwa in Ostdeutschland, wesentlich "unberührter" sind, vor allem ökonomisch betrachtet. Schweden hat hierzulande in mancherlei Hinsicht, etwa, was die Elche betrifft, dasselbe Image wie Norwegen, und doch wird es als moderner wahrgenommen. Das mag daran liegen, dass Stockholm wesentlich größer ist als Oslo und dass dieses Land beinahe doppelt so viele Einwohner hat wie Norwegen. Außerdem wird es als aktives EU- und UNO-Mitglied empfunden (die "Blauhelme" sind eine Erfindung aus Schweden), und mit Erzählungen über das Modell des schwedischen Sozialstaates sind die meisten Kinder der alten Bundesrepublik in der Schule aufgewachsen - beides sind "urbane" Qualitäten. EU-Partner Dänemark hat als direkter Nachbar erst recht einen anderen Status. Es gibt in Deutschland eine dänischsprachige Minderheit, in Dänemark eine deutsche; das Land ist nicht sehr groß und auf kleine Inseln verteilt; außerdem verfügt es mit Kopenhagen über eine wirkliche Metropole.

Norwegen aber gilt weiterhin als "weit" und "unberührt", wie die Reisefirma mit dem Namen "Nach Norden" auf ihrer Website berichtet: "Der erfrischende Trunk aus dem klaren Gebirgsbach, das Rauschen des Windes in den Birken, der weite Blick über blaue Seen und unberührte Landschaft."[22] Und "Iwanowski's Reisebuchverlag" berichtet: "Die extrem dünne Besiedelung der meisten Landesteile ist für den Reisenden ideal, überall bieten sich Möglichkeiten zu Abstechern in unberührte Gegenden, stellt sich ein Gefühl von Weite und Einsamkeit fernab der Zivilisation ein."[23] Barbara Gentikow schreibt hingegen, dass der Norweger Johan Sebastian Welhaven bereits 1850 seine Eindrücke von einer Fußwanderung im Westen des Landes so schilderte: "Auch in unserer Heimat wird das Reich der Ursprünglichkeit und des frischen Naturlebens immer mehr eingeschränkt und immer höher hinauf auf einsame Bergwiesen verdrängt. Deshalb saß ich in dem grünen Tal und fühlte, dass die Gegend, die ich verlassen hatte, wie das verschlossene Land des Märchens war. Von seinem stillen, überschatteten Waldweg war ich ins Getümmel und in die Geschäftigkeit einer Dampfschiffsroute geworfen worden."[24]

Deutsche, die Norwegen besser kennenlernen, entdecken schnell, dass sie sich nicht in einem Märchenland befinden. Hans Henny Jahnn schrieb 1915, er und sein Freund seien beim Aufbruch Richtung Norden "durstig gewesen nach einem neuen Land, nach neuen Menschen, neuen Wolken - neuen Wundern - aber wir sind enttäuscht worden"[25]. Thomas Kliem stellt seiner Arbeit voran: "Die Motivation zu dieser (Doktor-)Arbeit resultiert aus eigenen Aufenthalten und Erfahrungen als Urlauber in dem Land. (...) Im Mittelpunkt der eigenen Betrachtung stand stets das Image, das anscheinend wie in kaum einem anderen Land geprägt war von Stereotypen."[26]

Doch in Deutschland gilt weiterhin: Im Nordland rauschen die Wälder, immerfort, einsam und allein und unberührt. Daran können keine Sägewerke, keine Bankniederlassungen und keine Erdölvorkommen etwas ändern. Dabei gilt Deutschland in vielen europäischen Ländern, etwa in England, selbst als "Land der Wälder".

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Fußnoten

1.
Hans Henny Jahnn, Fluss ohne Ufer 3, Hamburg 1992, S. 560.
2.
Ders., Frühe Schriften, Hamburg 1993, S. 345.
3.
Zit. nach: Barbara Gentikow, Skandinavien als präkapitalistische Idylle. Rezeption gesellschaftskritischer Literatur in deutschen Zeitschriften 1870 bis 1914, Neumünster 1978, S. 23.
4.
H. H. Jahnn (Anm. 2), S. 457f.
5.
Ders., Briefe 1, Hamburg 1994, S. 39.
6.
Ebd., S. 115.
7.
Ebd., S. 117f.
8.
Ders. (Anm. 2), S. 430f.
9.
Jochen Hengst, April. Norwegen, in: ders/Heinrich Lewinski (Hrsg.), Hans Henny Jahnn. Fluss ohne Ufer. Eine Dokumentation in Bildern und Texten, Hamburg 1994, S. 94f.
10.
B. Gentikow (Anm. 3), S. 23.
11.
Ebd., S. 29.
12.
Henrik Ibsen, Sämtliche Werke, Bd. V, Berlin 1917, S. 5f. u. S. 475f.
13.
Gerda Moter Erichsen, Ludwig Passarge - der erste Übersetzer von Ibsens "Peer Gynt", in: Zeitschrift für Germanistik, N. F., (1991) 3, S. 544f.
14.
B. Gentikow (Anm. 3), S. 243f.
15.
H. H. Jahnn (Anm. 5), S. 139 u. S. 169.
16.
Ebd., S. 100f.
17.
Herbert van Uffelen, Hohe Lieder auf die gesegnete Erde Flanderns, Opladen 1996, www.ned.univie.ac.at/doku-stelle/show_file.asp?id=27297 (September 2004).
18.
H. H. Jahnn (Anm. 1), S. 599f.
19.
Vgl. www.norwegen.no/germany (September 2004).
20.
Hans Magnus Enzensberger, Ach Europa! Wahrnehmungen aus sieben Ländern, Frankfurt/M. 1989, S. 310f.
21.
Thomas Kliem, Reisemotive, Reiseverhalten und Wahrnehmungen deutscher Touristen in Norwegen als Grundlage der Entwicklung neuer Konzepte für die norwegische Tourismuswirtschaft, Diss., Universität Duisburg, Essen 2003, S. 63, 150f, 291, www.ub.uni-duisburg.de/ETD-db/theses/available/duett-06302003 - 110015/unrestricted/kliemdiss.pdf (September 2004).
22.
www.huettenwandern.de/wanderngruppe.htm (September 2004).
23.
www.erfolgreich-reisen.de/buecher/skandinavien/norwegen/3923975465.htm (September 2004).
24.
B. Gentikow (Anm. 3), S. 239f.
25.
H. H. Jahnn (Anm. 5), S. 39.
26.
T. Kliem (Anm. 21), S. 5.