APUZ Dossier Bild

26.10.2004 | Von:
Wolf R. Dombrowsky

Terrorismus und die Verteidigung des Zivilen

Zeitenwende "9/11"?

Wer über die Verteidigung des Zivilen schreibt, läuft Gefahr, den entschiedenen Gutmenschen geben zu wollen, der sich, gleich Nathan dem Weisen, zum Mediator zwischen widerstreitenden Kulturen macht, zugleich aber auch Grenzen zieht und ein Politikverständnis propagiert, wie es einst die Gralshüter der wehrhaften Demokratie verfochten, als sie, mit dem Grundgesetz unter dem Arm, "Radikale" per Erlass vom öffentlichen Dienst fern hielten. Tatsächlich geht es nicht um rituelle Politik oder die Exekution von Symbolen und Symbolischem, sondern um die Grundlagen, die den Transformationen ins Symbolische vorausgehen, und um den Wert, den ein jeder dieser Grundlage beimisst.[4] Man muss wissen, wofür zu leben, und noch wichtiger, wofür zu sterben lohnt. Dass uns Selbstmordattentäter, die um des Paradieses und ein paar Jungfrauen willen zum Sterben bereit sind, so fremd sind, könnte als gutes Zeichen gedeutet werden. Nach zwei mörderischen Kriegen und nach dem Zivilisationsbruch Auschwitz sollte uns das Leben so heilig geworden sein, dass sich für gar nichts zu sterben und für absolut nichts zu töten lohnt.

Doch ein Blick auf die Debatten um Abtreibung, Sterbehilfe, Gentechnik oder Todesstrafe belehrt eines Schlechteren. Vermutlich ist uns gar nichts heilig - was auch kein schlechtes Zeichen wäre, nach "Heil Hitler" und all dem Unheil reinrassiger Wunderheiler. Sind wir also völlig abgeklärte, ernüchterte Zeitgenossen? Die Frage ist nicht rhetorisch, sollten wir es tatsächlich mit Menschen zu tun haben, die "den Tod mehr lieben als das Leben" und die auf unseren Gräbern tanzen wollen.[5] Was können wir dem entgegensetzen? Bedarf es nicht mindestens ebenso starker Überzeugungen, um sich wehren zu können?

Der weltweite Terrorismus stellt uns nicht vor unmittelbare Notwehrsituationen. Die Menschen in den Twin Towers, in Madrid, Moskau oder Beslan starben chancenlos. Situationen wie in Flug 93 der United Airlines sind die Ausnahme. Es geht auch nicht um Endkämpfe "Mann gegen Mann", sondern um Moral: Was sind mir die Grundlagen, die mir mein Leben ermöglichen, wirklich wert? Hier nützt kein Ungefähr. Die Scharia ist inakzeptabel, ebenso ein Gottesstaat. Es ist eine historische Errungenschaft - die im Übrigen viel Blut gekostet hat -, dass der Staat dem Recht unterworfen ist statt religiösen Nomenklaturen, die ihre Interessen als Offenbarung göttlicher Weisheit ausgeben. Gleiches und unabhängiges Recht ist das höchste Gut abendländischer Zivilisation und ihre unveräußerliche Grundlage, ohne die es keine Verständigung geben kann: Für diese Überzeugung bin ich bereit, mit dem Leben zu bezahlen.

Dass dies im Kontext des Terrorismus jedoch durch und durch falsch klingt, spürt man beim Schreiben und Lesen; in einem anderen Kontext bekommt es einen neuen Klang. Wer beispielsweise am Straßenverkehr teilnimmt, übernimmt ein "allgemeines Teilnahmerisiko", das darin besteht, "verunfallen" zu können. Im Jahr 2001 starben auf unseren Straßen beinahe 8000 Menschen. Unsere uneingeschränkte Mobilität ist uns dieses Teilnahmerisiko wert. Als Vielfahrer weiß ich um dieses Risiko, und obwohl es mich jederzeit treffen kann, akzeptiere ich es stillschweigend. Ist es unangemessen, nach dem allgemeinen Teilnahmerisiko einer "offenen Demokratie" zu fragen? Ist es politisch inkorrekt, unsere stillschweigende Bereitschaft zum Blutzoll für ein minder bedeutendes Gut wie Autofahren ins Verhältnis zu setzen zur "Zahlungsbereitschaft" für Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte?

Selbst wenn diese unveräußerlichen Güter in Guanta'namo oder im Abu-Ghraib-Gefängnis mit Füßen getreten werden, zeigt dies nur, dass keine Zivilisation davor gefeit ist, von ihren Nutznießern unterminiert zu werden, zugleich aber auch, dass nicht jede Zivilisation bereit und in der Lage ist, dagegen Rechtsmittel einzulegen oder zuzulassen.[6] Welche Rechtsmittel räumt die Scharia ein? Schützt sie, wie es Bassam Tibi an der westlichen Rechtsordnung kritisiert, sogar jene, die sie abzuschaffen suchen?[7] Tibis Frage, ob "der Rechtsstaat die 'offene Gesellschaft' noch gegen ihre Feinde schützen kann", offenbart nicht die Schwäche, sondern die Stärke unserer Zivilisation. Als allgemeines Menschenrecht gelten unsere Grundsätze für alle. Jede Einschränkung wie jeder Ausschluss widerlegten sie. Folglich hat Metin Kaplan das Recht, alle Rechtsmittel einer Zivilisation auszuschöpfen, die er ablehnt und abschaffen will. Weder wird der Rechtsstaat dadurch zum Verlierer, wie Tibi meint, noch werden die Islamisten zu Gewinnern. Das Gegenteil ist richtig: Der Rechtsstaat wird zum Verlierer, wenn er aufgibt, was ihn ausmacht. Baader-Meinhof haben diese Dynamik in Gang setzen und den Rechtsstaat durch Terror zwingen wollen, mit Gegenterror und Folter zu antworten, um sich dadurch als Unrechtsstaat zu entlarven. Bis zu einem gewissen Grad ist dies durch die Praxis des "Radikalenerlasses" und die massiv geschürte Denunziation kritischer Meinungen als "Sympathisantensumpf" damals auch gelungen.[8]

Die Frage, wie in Zeiten terroristischer Bedrohung das Zivile verteidigt werden kann, ist keineswegs so neu, wie gelegentlich getan wird. Das régime de la terreur etwa, durch das in Frankreich nach 1793 alle Konterrevolutionäre eingeschüchtert und beseitigt werden sollten, mag den Begriff "Terrorismus" historisch datieren, nicht aber die Erfahrung eines Schreckens, der Ohnmacht fühlen lässt bis zur Entblößung aufs Kreatürliche. In dieser allgemeinen Form ist Terror von Anbeginn der Feind jeden Hegens und Pflegens, jeden Zivilisierens und Kultivierens. Der Schrecken aller Sinne macht jedes Besinnen unmöglich.[9] Der 11. September 2001 hat auf diese Weise gewirkt. Er erschreckte bis aufs Kreatürliche, dorthin, wo Wut, Hass und Trauer, Angst und Aggressionen lauern. Diese Antriebe wurden mobilisiert, statt sie zu bezähmen. Zur Bezähmung hätte es der kollektiven Besinnung bedurft und damit des historischen Maßnehmens. Stattdessen wurde "9/11" zur Zeitenwende, zum history changing moment stilisiert, mit dem das Zeitalter des Terrorismus beginnt, als habe es vordem keinen gegeben, schon gar nicht im Mutterland der westlichen Zivilisation.


Fußnoten

4.
Vgl. Reaktionen auf das Kopftuchverbot in Frankreich: Gesche Wüpper, Moslem oder nicht - wir sind alle Franzosen, in: Welt am Sonntag vom 5.9. 2004, S. 12.
5.
"Wir werden auf ihren Gräbern tanzen". Spiegel-Serie über die Hintergründe der Terror-Anschläge vom 11. September, in: Der Spiegel, Nr. 48 vom 26.11. 2001, S. 140 - 146.
6.
Vgl. Stefanie Dornschneider, Guantanamo darf kein Niemandsland mehr sein. Das amerikanische Verfassungsgericht setzt George Bushs Krieg gegen den Terror Grenzen, in: Die Zeit vom 29.6. 2004.
7.
Vgl. Bassam Tibi, Grenzen der Toleranz, in: Welt am Sonntag vom 5.9. 2004, S. 14.
8.
Vgl. Dieter Schenk, Der Chef. Horst Herold und das BKA, Hamburg 1998, S. 113.
9.
Ich stütze mich auf die Forschungen von Dieter Claessens, Instinkt, Psyche, Geltung. Zur Legitimation menschlichen Verhaltens, Köln-Opladen 1970.