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23.9.2004 | Von:
Franz Walter

Zurück zum alten Bürgertum: CDU/CSU und FDP

Bürgerliche Selbstgewissheit

In ihrer Wählerschaft also ist die Union antibürgerlicher denn je. Im Milieu ihrer Parteiaktivisten, in ihrer programmatischen Orientierung ist sie indessen bürgerlicher als je zuvor. Auch die Nachwuchskader von CDU/CSU sind deutlicher als zu den Zeiten des Sozialkatholizismus die "Kinder der Eliten"[36]. Aus dieser Schere zwischen Anhängerschaft und Parteikern werden sich in nächster Zeit noch beträchtliche Spannungen ergeben. Doch ob wir damit eine Kopie der sozialdemokratischen Krise erleben werden, ist fraglich. Denn während die Sozialdemokratie im Laufe der neunziger Jahre allmählich ihren sozialen, kulturellen und politischen Ort verlor, hat die Christdemokratie ihren Fixpunkt auf all diesen drei Ebenen im "Bürgerlichen" fest gefunden. Christdemokratische Aktivisten zählen sich von der sozialen Herkunft, dem Habitus und der politisch-ökonomischen Orientierung zum deutschen Bürgertum. Der christdemokratische Aktivist weiß mithin, wohin er gehört, was für den sozialdemokratischen Funktionär - Proletarier ist er nicht mehr; zum Bürgertum mag er sich nicht rechnen; auch "neue Mitte" hat ihm nie recht gefallen - längst keineswegs mehr feststeht.

Der geringe Zuspruch zu ihrem Reformprogramm illustriert, dass die Union in Zukunft einige Probleme bekommen wird. Dies wird sich schon bald auch negativ auf die Wahlergebnisse auswirken. Aber die Union wird dennoch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht das gleiche Drama wie die SPD durchleben, da eine bürgerliche Politik der CDU an der Regierung mit den Ansprüchen und Erwartungen des bürgerlichen Kerns der CDU übereinstimmt. Die Agenda-Politik Schröders hat die politisch anders sozialisierten sozialdemokratischen Anhänger verwirrt und gelähmt. Eine bürgerliche Wirtschafts- und Sozialreform einer Kanzlerin Merkel aber wird den bürgerlichen Kern der CDU nicht irritieren, sondern aktivieren. Insofern wird die CDU nicht in die gleiche Identitätskrise geraten wie die SPD. Doch ihr Status als Volkspartei ist gefährdet. Die bürgerliche Bornierung wird den Wähleranteil der Union schrumpfen lassen. Eben das mag das bürgerliche Lager dann doch aufscheuchen. Denn die einseitige Verbürgerlichung gefährdet die Macht. Auf nichts aber reagiert das deutsche Bürgertum empfindlicher als auf den Verlust von Macht und Einfluss.


Fußnoten

36.
Esther Kogelboom, Die jungen Milden, in: Der Tagesspiegel vom 20. 10. 2003.