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13.9.2004 | Von:
Konrad H. Jarausch

Zeitgeschichte zwischen Nation und Europa

Eine transnationale Herausforderung

Defizite eines europäischen Geschichtsbewusstseins

Auch wenn europäische Schulbücher ein halbes Dutzend gleicher Bilder zur Illustration von dramatischen Momenten der Geschichte verwenden - ein gemeinsames "europäisches Geschichtsbild" belegen solche Überlappungen nicht. Susanne Popp hat in einer verdienstvollen Untersuchung festgestellt, dass etwa Davids Tuschezeichnung des Ballhausschwurs oder Goyas Ölbild der Erschießung der rebellierenden Madrilenen in vielen Lehrbüchern auftauchen, aber die 15 häufigsten Repräsentationen zu einem "Kanon" zu erklären, ist, gelinde gesagt, eine Überinterpretation.[11] Schon der Fehlschlag der EU bei der Bebilderung der gemeinsamen Währung sollte eine Warnung sein. Wenn ein entstehendes Gemeinwesen sich weder auf führende kulturelle Gestalten Europas wie Michelangelo, Shakespeare, Molière und Goethe oder wenigstens auf hervorragende Bauwerke einigen kann und letztere nur in abstrahierenden Architektenzeichnungen wiedergibt, kann man nicht von einer transnationalen, verbindlichen Erinnerungskultur sprechen.[12]

Die Millionen von Touristen, die in den europäischen Hauptstädten in Kirchen, Schlösser und Museen pilgern, begegnen meist einer nationalen Verherrlichung der Vergangenheit, obwohl die bestaunten Artefakte oft das Produkt prä- oder transnationaler Beziehungen sind. So sind viele der herrlichen Kunstwerke in Prag während des Vielvölkerstaats der Habsburger entstanden, der Künstler aus Italien, Frankreich und Deutschland anzog, um repräsentative Gebäude auszuschmücken. Auch wenn die Herkunft der Schöpfer erwähnt wird, werden ihre Werke doch in ein Narrativ tschechischer Nationswerdung eingebettet, das europäische Bezüge zugunsten der Betonung des Nationalstaats weitgehend unterschlägt. Statt als europäische Stadt stellt sich Prag in populären Broschüren als Hauptstadt Tschechiens dar - zutreffend für die Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert, aber irreführend für die Epochen davor, die von anderen dynastischen, kirchlichen und ständischen Traditionen geprägt sind.[13]

Der Eklat auf der jüngsten Leipziger Buchmesse über die Gleichsetzung von Hitlers und Stalins Verbrechen zeigte, wie weit Ost- und Westeuropäer von einer "gemeinsamen Erinnerungskultur" entfernt sind. Als die lettische EU-Kommissarin Sandra Kalniete behauptete, "die beiden Totalitarismen - Nazismus und Kommunismus - waren gleichermaßen verbrecherisch", verließ Salomon Korn, Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, demonstrativ den Saal, weil er die Behauptung als Affront empfand.[14] Während Westeuropäer das normative Axiom der Singularität des rassistischen Holocausts betonen und aus dem Leiden der Weltkriege den Versuch politischer Integration ableiten, sind viele Osteuropäer mit der Aufarbeitung des anderen, auf Klassenbasis verübten Unrechts der kommunistischen Diktatur beschäftigt und um die Rechtfertigung nationaler Unabhängigkeit bemüht. Einen Ausweg aus diesem Dilemma bietet nur größere Offenheit: "Es muss beides gelernt werden: das eigene Leid zu artikulieren und an das fremde zu erinnern."[15]

Auch die Ausstellung des Deutschen Historischen Museums über "Die Idee Europas" im vergangenen Jahr zeigte, wie schwierig die musealische Repräsentation eines europäischen Geschichtsbildes ist. Die Plastiken und Malereien mögen den"Europa-Mythos" anschaulich repräsentieren, jedoch werfen schon die alten Landkarten das Problem der Abgrenzung des Kontinents auf. Zwar lassen sich Gemeinsamkeiten wie die Glaubenseinheit im römischen Christentum oder die politischen Einigungsversuche im Kaisertum graphisch illustrieren, aber die Entwicklung von Souveränität belegt eher das Ausmaß territorialer Zersplitterung. Die Geschichte des Aufstiegs der Nationalstaaten weist auf die Desintegration des Kontinents, während gegenläufige Entwürfe von Ordnungen eines "ewigen Friedens" eher Hoffnungen auf Pazifizierung der ganzen damaligen Welt belegen. Die im letzten Ausstellungsraum vorgestellten Artefakte des Einigungswillens sind Zeugnisse einer allzu knappen Gegenreaktion auf Jahrhunderte der Zwietracht und des Krieges.[16]

Erste These: Ein gemeinsames europäisches Geschichtsbewusstsein ist bestenfalls in ersten Ansätzen vorhanden.


Fußnoten

11.
Vgl. Susanne Popp, Auf dem Weg zu einem europäischen "Geschichtsbild", in: APuZ, B 7 - 8/2004, S. 23 - 31.
12.
Vgl. Harold James, Europe Reborn: A History 1914 - 2000, Harlow 2003, S. 442f.
13.
Vgl. Prag - das Herz Europas, info@prag.cz.
14.
Vgl. Christoph von Marschall, Der nächste Osten. Wird der Völkermord zum Aufrechnungs-Exempel? Zum Streit um Hitlers und Stalins Verbrechen im Baltikum, in: Der Tagesspiegel (TSP) vom 1. 4. 2004, und Salomon Korn, NS- und Sowjetverbrechen. Sandra Kalnietes falsche Gleichsetzung, in: Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 31. 3. 2004.
15.
Stéphane Courtois u.a. (Hrsg.), Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 1997; vgl. auch Sibylle Quack, Fremdes und eigenes Leid. Europa braucht eine gemeinsame Erinnerungskultur, in: SZ vom 14. 4. 2004.
16.
Vgl. Marie Louise von Plessen, Idee Europa. Entwürfe zum "Ewigen Frieden". Ordnungen und Utopien für die Gestaltung Europas von der pax romana zur Europäischen Union, Berlin 2003, S. 33 - 41.