APUZ Dossier Bild

13.9.2004 | Von:
Konrad H. Jarausch

Zeitgeschichte zwischen Nation und Europa

Eine transnationale Herausforderung

Paradoxe von Forschung ohne Resonanz

Ein kurzer Überblick der wissenschaftlichen Bemühungen um das Europathema ergibt ein widersprüchliches Bild intensiver Bemühungen und fehlender Resonanz. Leitdisziplin ist die Politikwissenschaft, die schon Ende der fünfziger Jahre mit Forschern wie Ernst B. Haas eine europäische Integrationsforschung entwickelt hat.[17] Als Teil der Vergleichenden Regierungslehre hat diese Richtung durch die Gründung von European-Studies-Zentren an führenden amerikanischen Universitäten einen rapiden Aufschwung genommen und sogar eine European Community Studies Association hervor gebracht. In den vergangenen Jahren sind politologische Beschreibungen der emerging European polity immer komplexer geworden und haben sich durch Umfrageforschung (Eurobarometer) auch qualitativen Fragen kultureller Identität zugewandt. Allerdings besteht ein Grundproblem darin, dass sich viele Wissenschaftler als teilnehmende Beobachter verstehen, die den Integrationsprozess vorantreiben wollen, also Analyse und Politikberatung vermischen.[18]

Im Bereich der Geschichte bemühen sich vor allem Schulbuchautoren, durch den Abbau von nationalen Stereotypen zu einem europaverträglicheren Geschichtsbild zu gelangen. Schon in den fünfziger Jahren rang eine deutsch-französische Schulbuchkommission um die Formulierung einer gemeinsamen Erklärung zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die vom Verdikt des Versailler Vertrages abrückte.[19] Unterstützt vom Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig haben in den letzten Jahrzehnten ähnliche Verhandlungen mit den ostmitteleuropäischen Staaten stattgefunden, um gegenseitige Feindbilder abzubauen. Anfang der neunziger Jahre versuchte ein Projekt sogar, ein "europäisches Schulbuch" zu entwerfen, während einzelne Autoren Direktiven für eine nationenübergreifende Darstellung ausgearbeitet haben.[20] Initiativen wie der Schülerwettbewerb der Körber-Stiftung haben dazu beigetragen, die Darstellung vieler Konflikte zu entschärfen, aber trotzdem perpetuieren die meisten Curricula weiterhin nationale Bilder der Vergangenheit.

Auch Fachhistoriker haben dem Europathema Aufmerksamkeit gewidmet, ohne aber die Mehrheit ihrer Kollegen dafür begeistern zu können. Einige Verlage haben Buchreihen wie "Europa bauen" aufgelegt, und der Beck-Verlag hat eine polyglotte Zeitschrift mit dem nicht ganz originellen Titel "Journal of Modern European History" gegründet.[21] Die ersten empirischen Forschungen und Quelleneditionen der Integrationsgeschichte gehen bis in die fünfziger Jahre zurück, und mittlerweile hat das Europäische Hochschulinstitut in Florenz diesen Sektor erheblich belebt.[22] Allerdings gibt es kaum kritische Untersuchungen wie die Studie von John Gillingham, die nicht nur Erfolge, sondern auch Fehlschläge des Einigungsprozesses analysieren. Ebenso haben über die Geschichte der internationalen Beziehungen und Kriege hinausgehende, transnationale Untersuchungen zur europäischen Sozial- oder Wirtschaftsgeschichte bisher Seltenheitswert.[23]

In der Teildisziplin Zeitgeschichte ist die Lage noch problematischer, da ihre Entstehung eng mit der Verarbeitung der ideologischen Diktaturen im 20. Jahrhundert zusammenhängt, die erhebliche Disparitäten in Entwicklung und Thematik hervorgebracht hat. Während in den postfaschistischen Demokratien Zeitgeschichte als Reaktion auf die eigene Vergangenheit entstand, ging es bei den westeuropäischen Ländern eher um den Zweiten Weltkrieg und die NS-Repression; in Ostmitteleuropa hingegen steckt die Aufarbeitung des Kommunismus noch in den Anfängen. Daher sind die Periodisierungen disparat, die in Mitteleuropa meist mit dem Ersten Weltkrieg beginnen, in Frankreich aber schon mit der Revolution von 1789 einsetzen, während sie sich in Osteuropa eher auf die Zeit nach 1945 beziehen.[24] Statt die Großkatastrophen der ersten Jahrhunderthälfte transnational zu erforschen und auch den Kalten Krieg als Teilung Europas zu begreifen, bewegen sich die meisten Zeithistoriker noch immer in einem nationalen Referenzrahmen, um ihrer eigenen Leidens-, Kollaborations- oder Tätergeschichte gerecht zu werden.

Zweite These: Die wissenschaftliche Forschung zeigt eine paradoxe Diskrepanz zwischen intensiver Arbeit in einigen Bereichen und Defiziten in anderen wie der Zeitgeschichte sowie zwischen hoher politischer Aufmerksamkeit und enttäuschender öffentlicher Resonanz.


Fußnoten

17.
Vgl. Ernst B. Haas, The Uniting of Europe: Political, Social and Economic Forces, 1950 - 1957, Stanford 1958; und Leon Lindberg, The Political Dynamics of European Economic Integration, Stanford 1963.
18.
Vgl. Gary Marks/Liesbeth Hooge, Multilevel Governance and European Integration, Lanham MD 2000; eigene Erfahrungen am Center for European Studies an der University of North Carolina in Chapel Hill.
19.
In: Dwight E. Lee (Hrsg.), The Outbreak of the First World War: Who Was Responsible?, Lexington, Mass. 1963.
20.
Frederic Delouche u.a., Europäisches Geschichtsbuch. Geschichtliches Unterrichtswerk für Sekundarstufe I und II. Erarbeitet von 12 europäischen Historikern, Stuttgart 1992; Falk Pingel, Macht Europa Schule? Die Darstellung Europas in Schulbüchern der Europäischen Gemeinschaft, Frankfurt/M. 1995; Horst Gies, Nation und Europa in der historisch-politischen Bildung, Schwalbach 1998. Vgl. auch Eustory unter www.stiftung.koerber.de.
21.
Hagen Schulze, Staat und Nation in der europäischen Geschichte, München 1994, S. 4. Vgl. die Verlagsankündigung des Journal of Modern European History, 2003.
22.
Vgl. W. Loth (Anm. 4), S. 141ff.
23.
Vgl. John Gillingham, European Integration: Superstate or New Market Economy, 1950 - 2003, Cambridge 2003. Vgl. Hartmut Kaelble, Auf dem Weg zu einer europäischen Gesellschaft. Eine Sozialgeschichte Westeuropas 1880 - 1980, München 1987; und Gerold Ambrosius, Wirtschaftsraum Europa. Vom Ende der Nationalökonomien, Frankfurt/M. 1996.
24.
Vgl. Alexander Nützendadel/Wolfgang Schieder (Hrsg.), Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven der Forschung in Europa, Göttingen 2004, S. 7 - 24.