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13.9.2004 | Von:
Konrad H. Jarausch

Zeitgeschichte zwischen Nation und Europa

Eine transnationale Herausforderung

Ungelöste inhaltliche Probleme

Eine der Hauptursachen für das verbreitete Desinteresse sind ungelöste inhaltliche Fragen, mit denen sich jede Konzipierung einer europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert auseinandersetzen muss. Ein Blick in ein halbes Dutzend neuer amerikanischer Lehrbücher deckt die neuralgischen Punkte auf. Die erste Schwierigkeit ist die Unbestimmtheit der Grenzen Europas, von denen eine positive Beurteilung seiner "Wiedergeburt" oder eine negative Einschätzung des "dunklen Kontinents" abhängt.[25] Aufgrund eines Selbstverständnisses, das Europa mit Zivilisation und Fortschritt gleichsetzt, gehen die Darstellungen meist von denWeltkriegsallianzen mit Großbritannien und Frankreich aus, die auch die kleineren westeuropäischen Staaten einschließen. Der zweimalige Kriegsgegner Deutschland und die mitteleuropäischen Staaten passen nur als das "nahe Andere" in dieses Schema, denn ihr Rückfall in die NS-Barbarei ist eigentlich unverständlich. Fast ganz übersehen wird Ostmitteleuropa, da es hinter dem Eisernen Vorhang lag, und auch die Rolle Russlands innerhalb oder außerhalb Europas bleibt unbestimmt.[26]

Ein zweiter Problemkomplex betrifft den von unterschiedlichen methodischen Perspektiven gesponnenen thematischen Faden oder in postmoderner Terminologie die Metanarrative, die eine Darstellung interpretatorisch zusammenhält. Reicht es, wie in Handbüchern eine Geschichte der internationalen Beziehungen, der Kriege und Friedensschlüsse vorzulegen, die durch länderspezifische Kapitel zur Innenpolitik komplettiert wird?[27] Soll sich die Präsentation auf den sozialen Prozess der Modernisierung konzentrieren und die Entwicklung Europas als zivilisatorischen Fortschritt feiern, der nur von schwer zu erklärenden Krisen unterbrochen wird?[28] Oder müsste es eher um die Konkurrenz ideologischer Großordnungen von Kommunismus, Faschismus und Demokratie gehen, welche die äußere wie die innere Politik der europäischen Staaten zwischen 1917 und 1992 bestimmt hat?[29] Ist schließlich trotz aller Hinweise auf Repression die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft zu Konsum und Populärkultur das blockübergreifende Hauptthema?[30]

Ein dritter umstrittener Bereich ist die reale oder wahrgenommene Beziehung Europas zur Außenwelt, da sich das Klischee der "Einheit in der Vielfalt" nur durch den Kontrast mit der Alterität des Anderen erschließen lässt. Meist wird die postkoloniale Dekonstruktion des Eurozentrismus, welche die Leiden des von Europa vorangetriebenen Imperialismus betont, in Überblicksdarstellungen ignoriert, da sie das positive Selbstbild der kulturellen Überlegenheit Westeuropas verdunkeln würde. Verschwammen nicht in der Sicht der Kolonialvölker die sonst so stark betonten nationalen Unterschiede, so dass die Weißen nur als "Europäer" wahrgenommen wurden?[31] Ein ähnliches, selten angesprochenes Problem betrifft das ambivalente Verhältnis Europas zu den englischsprachigen Ländern in Nordamerika und Übersee. Zwar konnte die Verbreitung europäischer Zivilisation anfangs als Projektion nach außen verstanden wurden, aber vor allem in der Neuen Welt wuchs daraus eine dynamischere Alternative heran, die den alten Kontinent in den Weltkriegen retten und danach rehabilitieren musste.[32]

Ein letzter, aber wichtiger Streitpunkt ist die Frage der Grundwerte Europas, die den gemeinsamen Kern dieser faustischen Zivilisation ausmachen. Auch wenn die judäo-christliche Herkunft europäischer Moralbegriffe generell unbestritten ist, widerlegt die Reformation Vorstellungen von katholischer Einheit des Abendlandes - von der fatalen Beimischung des in beiden Konfessionen enthaltenen Antisemitismus ganz zu schweigen.[33] Eine zweite Klammer, die oft erwähnt wird, ist das Erbe der Aufklärung mit seinem Versuch der rationalen Rechtfertigung von politischen Menschenrechten und seinem gleichzeitigen Bemühen um die praktische Verbesserung der Lebensbedingungen. Allerdings hat die postkoloniale wie feministische Kritik auf deren unvollständige Umsetzung hingewiesen und versucht, sie als Rechtfertigung der Dominanz weißer, europäischer Männer zu entlarven.[34] Wie passen die Ideologien des Faschismus und des Kommunismus, die Millionen von Opfern gekostet haben, in dieses eher affirmative Selbstbild der Europäer - waren sie nur atavistische Rückfälle oder nicht doch zentrale Ausdrücke moderner Zivilisation?[35]

Dritte These: Ein wichtiger Grund für die historische Amnesie Europas ist die Ungelöstheit einer Reihe von grundlegenden Interpretationsfragen der europäischen Entwicklung im 20. Jahrhundert.


Fußnoten

25.
Vgl. die Titel von H. James (Anm. 12) versus Mark Mazower, Der dunkle Kontinent. Europa im 20. Jahrhundert, Berlin 2000.
26.
Stuart Wolf, Europa und seine Historiker, in: Comparativ 14 (2004) 3. Vgl. Karl Schlögel, Die Mitte liegt ostwärts. Die Deutschen, der verlorene Osten und Mitteleuropa, Berlin 1986; Gesine Schwan, Die Tücken der Ortsbestimmung - wo liegt Osteuropa?, in: Osteuropa, 52 (2002) 4, S. 389 - 394.
27.
Vgl. Theodor Schieder (Hrsg.), Handbuch der europäischen Geschichte. 7 Bde., Stuttgart 1967 - 1986; Herrmann Kellenbenz (Hrsg.), Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte. 6 Bde., Stuttgart 1980ff.
28.
Vgl. Spencer M. Di Scala, Twentieth Century Europe. Politics, Society, Culture, Boston 2003.
29.
Als gegensätzliche Deutungsangebote François Furet, The Passing of an Illusion: The Idea of Communism in the Twentieth Century, Chicago 1999; Eric J. Hobsbawm, Age of Extremes: The Short Twentieth Century, 1917 - 1991, London 1994.
30.
Vgl. H. James (Anm. 12), S. 26 ff.
31.
Vgl. Hanna Schissler, Why teach Europe?, Ms., Braunschweig 2001, und Ute Frevert, Eurovisionen. Ansichten guter Europäer, Frankfurt/M. 2003.
32.
Vgl. Volker R. Berghahn, America and the Cultural Cold Wars in Europe: Shepherd Stone between Philanthropy, Academy and Diplomacy, Princeton 2001.
33.
Krystof Pomian, Europa und seine Nationen, Berlin 1990, S. 17ff. huldigt dieser karolingischen Auffassung.
34.
Dagegen: Lynn Hunt (Hrsg.), The French Revolution and Human Rights: A Brief Documentary History, Boston 1996.
35.
Vgl. Zygmunt Bauman, Modernity and the Holocaust, Ithaca NY 2000.