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13.9.2004 | Von:
Konrad H. Jarausch

Zeitgeschichte zwischen Nation und Europa

Eine transnationale Herausforderung

Ansätze zu einer kritischen Europageschichte

Wie könnte eine kritische Zeitgeschichte Europas jenseits der affirmativen Rhetorik von Sonntagsreden aussehen? Erstens erscheint es notwendig, Europa als Terrain konfligierender Erinnerungen zu verstehen, die sich nicht magisch zu einem einheitlichen Geschichtsbild zusammenfügen lassen. Während sich Pierre Noras Ansatz der französischen lieux de memoire mutatis mutandis noch auf Deutschland übertragen ließ, ist der Versuch, ihn auf Europa auszuweiten, kläglich gescheitert, weil die nationalen Erinnerungskulturen zu disparat sind.[36] Besonders in den Beitrittsländern der EU, die gerade erst ihre Souveränität wiedergewonnen haben, scheint die Legitimation der Unabhängigkeit durch eine Nationalgeschichte noch ziemlich ungebrochen.[37] Erst durch systematische Reflexion über die aus gegenseitigem Leiden entstandenen Verzerrungen und Verengungen wird es möglich sein, aus dem Käfig nationaler Meistererzählungen auszubrechen.[38]

Zweitens wird es notwendig sein, Europa nicht als harmonischen Kontinent, sondern als blutigen Konfliktraum zu betrachten, also seine fast permanente Zwietracht endlich ernst zu nehmen. Religionsstreitigkeiten, Klassenkämpfe, Nationalitätenkonflikte, ethnische Säuberungen, Weltkriege und Genozide sind keine punktuelle Ausnahme, sondern eine zentrale Linie europäischer Entwicklung. Sie haben in den Ruinen der Städte, den Verwüstungen der Landschaften, den ubiquitären Soldatenfriedhöfen und den privaten Fotoalben auf dem ganzen Kontinent ihre Schreckensspuren hinterlassen, die nur eine naiv fortschrittsgläubige Betrachtungsweise leugnen könnte. Zweifellos haben dabei, wie etwa die Aktivitäten der Kriegsgräberfürsorge demonstrieren, die Deutschen als Aggressoren und Unterdrücker eine zentrale Rolle gespielt, aber auch andere Europäer haben weit von ihren Heimatorten entfernt als Täter oder Opfer gehandelt. Die vorherrschende Perspektive nationaler Betroffenheit sollte zu einer breiteren Sicht der europäischen Interaktionen erweitert werden.[39]

Drittens gibt es glücklicherweise auch eine positivere Vergangenheit von transnationalen Transaktionen, die es stärker zu erkunden gilt. Auch wenn sich das europäische Konzert nicht als dauerhaft erwies und politische Initiativen wie die Haager Landkriegsordnung die Konflikte nur kanalisieren konnten, waren in Bereichen wie der Wissenschaft die internationalen Verbindungen viel enger. Ausstellungsprojekte, die um Hauptstädte wie Paris, Berlin und Moskau kreisen, demonstrieren, dass die kulturelle Avantgarde in regem Austausch miteinander lebte, so dass sich Künstler wie Kandinsky nur schwer einem nationalen Kontext zuordnen lassen.[40] Auch auf dem Höhepunkt des Imperialismus Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den führenden europäischen Nationen wesentlich dichter als mit den eigenen oder anderen Kolonien.[41] Die analytische Herausforderung besteht darin, diese transnationalen Netzwerke zu rekonstruieren und den spezifischen Anteil Europas, der anfangs mit der zivilisierten Welt identisch war, aber nach 1945 eigene Konturen gewann, herauszuarbeiten.

Viertens ist es unumgänglich, anhand der EU den spannenden Prozess der Entstehung eines neuen politischen Akteurs zu erforschen, um Chancen und Risiken dieser Staatenbildung besser einzuschätzen. Dabei kann auf eine eindrucksvolle ideengeschichtliche Literatur zurückgegriffen werden, welche die Entwicklung der verschiedenen Europakonzeptionen dokumentiert.[42] Ebenso ist die Integrationsgeschichte im engeren Sinn schon adäquat vertreten, auch wenn manche der englischsprachigen Zusammenfassungen mehr die hehren Absichten von Politikern als die Mühen des europäischen Alltags widerspiegeln.[43] Zur Entwicklung eines unabhängigen Urteils sind eine kritische Analyse der europäischen Einheitsrhetorik, eine schonungslosere Untersuchung der Brüsseler Interessenpolitik und eine stärkere Betonung der periodischen Fehlschläge angesagt, die von Europaenthusiasten oft übergangen werden. Auch sollte bei der Beurteilung der supranationalen und internationalen Elemente von EU-Strukturen mehr Fantasie walten als die letztlich doch nationalstaatliche Fixierung auf die Vereinigten Staaten von Europa.[44]

Vierte These: Als Alternative zur Integrationsrhetorik ist die Entwicklung einer kritischen Europageschichte notwendig, die negative Aspekte wie Differenzen der Erinnerung und blutige Konflikte genauso ernst nimmt wie positive Seiten von Transaktionen und Integrationsprozessen.


Fußnoten

36.
Vgl. Etienne François/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, München 2001.
37.
Vgl. Christian Domnitz, Der heimliche Traum von Europa. Die europäische Einigung ist nicht allein eine Erfindung des Westens, in: TSP vom 5. 5. 2004. Vgl. Stefan Berger/Mark Donovan/Kevin Passmore, Writing National Histories: Western Europe Since 1800, London 1999.
38.
Vgl. Martin Sabrow, Abschied von der Nation? Historisches Denken in der Zeit der Europäisierung, in: Gian Enrico Rusconi/Hans Woller (Hrsg.), Italien und Deutschland 1945-2000. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Europäischen Einigung (i. E.).
39.
Vgl. Dan Diner, Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhistorische Deutung, München 1999.
40.
Vgl. z.B. den Ausstellungskatalog Berlin-Moskau, 1950 - 2000, Berlin 2003.
41.
Vgl. G. Ambrosius (Anm. 23), S. 10ff.
42.
Vgl. Anthony Pagden (Hrsg.), The Idea of Europe: From Antiquity to the European Union, Cambridge 2002; Wolf Gruner, Die deutsche Frage - ein Problem der europäischen Geschichte, München 1985.
43.
Vgl. Mark Gilbert, Surpassing Realism: The Politics of European Integration since 1945, Lanham MD 2003. Vgl. auch das seit 1995 existierende Journal of European Integration History.
44.
Vortrag von M. Rainer Lepsius im Wissenschaftszentrum Berlin. Vgl. Ludger Kühnhardt, Von Deutschland nach Europa. Geistiger Zusammenhalt und außenpolitischer Kontext, Baden-Baden 2000.