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13.9.2004 | Von:
Konrad H. Jarausch

Zeitgeschichte zwischen Nation und Europa

Eine transnationale Herausforderung

Methodische Umsetzung

Da essentialistische Versuche der Konzipierung einer einheitlichen Geschichte Europas immer wieder gescheitert sind, ist es an der Zeit, sich der Vielfalt von europäischen Geschichten zu öffnen. Die Überwölbung von disparaten Nationalgeschichten bleibt ebenso unbefriedigend wie dieteleologische Betonung des "aufklärerische(n) und liberal-demokratische(n) Erbe Europas" oder das Bemühen der Retroprojizierung von Integrationsversuchen in die Periode vor 1945. Gerade weil Erkenntnisinteressen, Wertbezüge und nationale Perspektiven drastisch variieren, ist "die Pluralität der interpretatorischen Ansätze zur europäischen Geschichte gänzlich unvermeidlich". Um nicht in Beliebigkeit zu enden, muss ein solch konstruktivistischer Ansatz auf die Identifizierung der spezifisch europäischen Dimension multipler Entwicklungen zielen. Nach Hannes Siegrist geht es "nicht um Homogenisierung oder gar Harmonisierung der europäischen Geschichte, sondern um Kohärenzbildung und Relationierung von Geschichten, die Europäer gemacht haben".[45]

Ein Königsweg, der es erlaubt, gemeinsame Tendenzen wie individuelle Unterschiede analytisch zu fassen, ist der systematische Vergleich zwischen nationalen, regionalen und lokalen Entwicklungen. Allerdings ist es notwendig, quantitative Indikatorenvergleiche kulturell zu hinterfragen, um der Gefahr ihrer Oberflächlichkeit zu entgehen. Statt Europa normativ zu setzen, könnten empirische Kontrastierungen mit anderen Kontinenten Ähnlichkeiten europäischer Eigenschaften über die nationalen Ausprägungen hinweg identifizieren. Heinz-Gerhard Haupt plädiert für eine kulturelle Erweiterung des sozialwissenschaftlichen Ansatzes zu "diskurs- und ideengeschichtliche(n) Vergleiche(n)". Dadurch wird Europa "aus einer fixen Größe zu einem variablen Ensemble von Zuschreibungen, die sich je nach Interessenlage, Autoren und Konjunktur verändern".[46]

Eine weitere Perspektive, die stärker auf Beziehungen abhebt, ist die "transnationale Geschichte". In seiner Antrittsvorlesung bezieht Kiran Klaus Patel den Begriff auf "Abhängigkeiten und Transfers über (nationale) Grenzen hinweg sowie für die wechselseitigen Wahrnehmungen" und schließlich auf "Formen der Verflechtung", d.h. auch auf strukturelle Verbindungen unterhalb des Nationalstaates und über ihn hinaus. Ein solches Erkenntnisinteresse durchbricht nationalgeschichtliche Mauern, aber im Gegensatz zur internationalen Geschichte zwischen Staaten richtet es sich eher auf soziale Prozesse. Die sich daraus ergebende Thematisierung der Raumvorstellungen, Transferprozesse und Transaktionen könnte sich für eine Analyse der wechselnden Identitätsbilder und Zusammenhänge quer durch Europa als außerordentlich fruchtbar erweisen. Statt eine neue Geschichtsteleologie zu etablieren, "könnte der Ausgangspunkt einer transnationalen Perspektive auf die europäische Einigung die Frage sein, was zu verschiedenen Zeiten überhaupt unter 'Europa' verstanden wurde".[47]

Ein letzter Ansatz könnte eine selbstreflexive Historiographiegeschichte sein, die den Zusammenhang zwischen politischem Anliegen, methodischem Vorgehen und interpretativen Schlussfolgerungen der Historiker zum Thema macht. Ein vergleichendes Nachdenken über die Wirkung von Geschichtsbildern in der Nationswerdung europäischer Staaten hat auf die zentrale Rolle der Historiker als Konstrukteure einer "imaginierten Gemeinschaft" hingewiesen. Auch die Gleichzeitigkeit der wissenschaftlichen Professionalisierung mit der selbst gewählten Prophetenrolle ist über nationale Grenzen hinweg belegt worden.[48] Diese Perspektive wirft beunruhigende Fragen über das Verhältnis von europäischer Integration als politischem Prozess und akademischer Akklamation durch Wissenschaftler auf, die zu einer selbstkritischeren Haltung anregen sollten. Statt Europa als normatives Ziel zu feiern, weist die schlechte Erfahrung des Nationalismus auf die Notwendigkeit hin, das Europathema als kognitives Problem zu behandeln, um der wissenschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden.

Fünfte These: Ein konstruktivistisches Geschichtsverständnis verlangt die Pluralisierung von Europavorstellungen sowie die Anwendung von Methoden des Vergleichs, der transnationalen Geschichte und der historiographischen Selbstreflexion.


Fußnoten

45.
Hannes Siegrist/Rolf Petri, Geschichten Europas. Probleme. Methoden und Perspektiven, in: Comparativ, 14 (2004) 3; vgl. S. Wolf (Anm. 26); Bo Strath/Mikael Malmberg (Hrsg.), The Meaning of Europe: Variety and Contention Within and Between Nations, Oxford 2002.
46.
Heinz-Gerhard Haupt, Die Geschichte Europas als vergleichende Geschichtsschreibung, in: Comparativ, 14 (2004) 3.
47.
Kiran Klaus Patel, Nach der Nationalfixiertheit. Perspektiven einer transnationalen Geschichte (Öffentliche Vorlesungen der Humboldt-Universität 128), Berlin 2004, S. 9ff, 23f.
48.
Vgl. Christoph Conrad/Sebastian Conrad (Hrsg.), Die Nation schreiben. Geschichtswissenschaft im internationalen Vergleich, Göttingen 2002, S. 11ff.