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13.9.2004 | Von:
Konrad H. Jarausch

Zeitgeschichte zwischen Nation und Europa

Eine transnationale Herausforderung

Herausforderungen der Europäisierung

Ziel dieser Überlegungen zum europäischen Erinnerungsdefizit ist es, eine Diskussion über das Geschichtsbild Europas anzuregen. Dabei ist Stephan Martens' Warnung aus Anlass der EU-Osterweiterung zu beherzigen: "Phantastische Visionen und ahistorisches Denken der politischen Elite, insbesondere der deutsch-französischen, sollten Europas Zukunft nicht aufs Spiel setzen." Der technokratische Pragmatismus der Europapolitiker und der Brüsseler Bürokraten, der hauptsächlich um die Lösung gegenwärtiger Integrationsprobleme ringt, greift zu kurz, denn er vernachlässigt die auf gegensätzlichen historischen Selbstbildern aufbauenden Identitätsvorstellungen der Mitgliedernationen. Dafür sind die aus zwei Weltkriegen und dem verlorenen Weltreich stammenden Ressentiments der Briten gegen ein Engagement auf dem Kontinent ein schlagendes Beispiel, denn das angekündigte Referendum könnte das ganze Verfassungsprojekt gefährden. Die von Hubert Markl vorgeschlagene "Kultur des Vergessens" ist ebenso problematisch, weil sie eine Auseinandersetzung mit der Geschichte verhindert.[49]

Voraussetzung für die diskursive Erarbeitung einer "gemeinsamen Erinnerungskultur" ist ein Perspektivenwechsel der Zeithistoriker von der Ausrichtung auf die Nation zu breiteren europäischen Bezügen hin. Gerade die verständliche Fixierung auf die eigene Opferrolle sollte die Notwendigkeit einer solchen Veränderung deutlich machen, da Krieg und Unterdrückung einen "Anderen" als Täter implizieren, der häufig im Namen einer feindlichen Nation handelte. Eigenes und fremdes Leiden sind meist interdependent, werfen also Fragen auf, die über den nationalen Horizont hinausgehen.[50] Ein weiterer notwendiger Blickwechsel ist die Distanzierung von einem flachen, harmonisierenden Europabild zu einem Verständnis des alten Kontinents als Spannungsfeld zwischen befreienden zivilisatorischen Aspirationen und schrecklichen, menschenverachtenden Verbrechen. Nicht nur der Fortschritt, sondern auch der Genozid ist das Produkt der europäischen Modernisierung, und besonders dieser Widerspruch begründet die Notwendigkeit des friedlichen Zusammenlebens durch den Versuch der Integration.[51]

Voraussetzung für eine europäische Angleichung der Zeitgeschichtsschreibung ist die Erarbeitung einer gemeinsamen Periodisierung des kurzen oder langen 20. Jahrhunderts, für die der Vorschlag von Hans-Peter Schwarz einer Dreiteilung in ältere, neuere und neueste Zeitgeschichte eine flexible Lösung bieten könnte.[52] Ein weiterer Punkt ist die Identifizierung von nationenübergreifenden Großthemen wie der Ordnungskonkurrenz zwischen faschistischen und kommunistischen Diktaturen mit den parlamentarischen Demokratien.[53] Ebenso wichtig ist die Behandlung von Europas Stellung in der Welt, d.h. eine Untersuchung der Ursachen des Verlusts seiner Hegemonie, der Dynamik seiner Selbstzerstörung und der Lehren seiner partiellen Renaissance. Innerhalb des alten Kontinents wären Fragen der habituellen Zersplitterung und Prozesse neuer Vernetzungen von unten zu analysieren.[54]

Es gibt also ein weites Feld von europäischen Themen, die einer transnationalen Diskussion harren. Doch der überfällige Abschied von der Nation darf nicht zu einer unkritischen Affirmation des europäischen Projekts als neuer geschichtspolitischer Norm führen. Die Ersetzung der Nationalgeschichte als Metanarrative durch eine neue Europageschichte brächte Historiker vom Regen in die Traufe, wenn sie von einer ähnlichen Mythologisierung begleitet wäre, denn auch im Namen Europas können Kriege geführt und Menschen unterdrückt werden.[55] Die "vereinende Kraft der kritisch begründungspflichtigen Wahrheitssuche" muss auch für die Europäisierung der Zeitgeschichte eine Richtschnur bleiben, damit Forscher sich nicht wieder einem politischen Projekt unterordnen, dessen Implikationen umstritten sind. Nur der "Geist aufklärender und aufgeklärter Wissenschaft" kann Brücken zwischen den traumatisierten Erinnerungen der Nationen bauen und gleichzeitig vorschnelle Instrumentalisierungen im Namen Europas verhindern.[56] Die Bewahrung des europäischen Erbes der Menschenrechte verlangt daher vor allem auch von Zeithistorikern die Fähigkeit zur reflexiven Selbstkritik.


Fußnoten

49.
Vgl. Stephan Martens, Das erweiterte Europa, in: APuZ, B 17/2004, S. 3 - 5. Vgl. Hubert Markl, Wo unser Herz schlägt, in: FAZ vom 27. 12. 2003.
50.
Vgl. Holger R. Stunz, German Suffering/Deutsches Leid: Re(-)presentations, Tagungsbericht in: http://hsozkult. geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte (21. 4. 2004).
51.
Vgl. M. Mazower (Anm. 25), S. 559ff. Vgl. auch Konrad H. Jarausch/Michael Geyer, Shattered Past. Reconstructing German Histories, Princeton 2003.
52.
Vgl. Hans-Peter Schwarz, Die neueste Zeitgeschichte, in: VfZ, 52 (2003), S. 5 - 28.
53.
Siehe die Literatur in Fn. 29.
54.
Vgl. Karl Schlögel, Europas Comeback, in: Lettre International, 64 (2004), S. 6 - 10.
55.
Vgl. Wolfgang Schmale, Scheitert Europa an seinem Mythendefizit?, Bochum 1997.
56.
Vgl. H. Markl (Anm. 49) und M. Sabrow (Anm. 38).