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13.9.2004 | Von:
Ute Planert

Nation und Nationalismus in der deutschen Geschichte

Vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert

Nationale Vorstellungen im Sinne einer gedachten Ordnung, die, zentriert um eine gentile oder dynastische Herrschaft, an ein bestimmtes Territorium gebunden ist, eine projektierte Gemeinschaft integrieren soll, als gemeinschaftsbildende Faktoren auf Mythen zurückgreift und damit eine Ethnie erst hervorbringt, sind offenkundig die älteste Schicht des komplexen Phänomens "Nationalismus". Dieser Strang hat den Status einer notwendigen Bedingung und lässt sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand diente das natio-Prinzip der Binnendifferenzierung innerhalb einer weiterhin christlich-universalistischen Grundordnung. Es war das Bewusstsein einer gemeinsamen Zugehörigkeit, die gleichwohl in andere Ordnungssysteme eingelassen war, also mit und neben anderen Zuordnungen existierte.[2]

Wann genau dieses vieldeutige Modell von enger gefassten Vorstellungen abgelöst wurde, ist unter Mediävisten und Frühneuzeithistorikern umstritten.[3] Einig ist man sich in der Forschung jedoch über einen Nationalisierungsschub am Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit, der mit dem Ende des Universalismus und dem Wirken der Humanisten in Verbindung gebracht wird.[4] Dabei erfuhr das Konzept "Nation" einen Funktionswandel: von der Binnen- zur "Exklusionsdifferenzierung"[5]. Das nationale Prinzip konnte jetzt als Oppositionsbegriff gegen die universale Herrschaft des Kaisers und des Papstes benutzt werden, um die eigenen Interessen zu integrieren.

Gleichzeitig lässt sich erstmals der Appell an eine "deutsche Nation" als Instrument der politischen Propaganda in Krisen- oder Kriegssituationen nachweisen. Das galt vor allem im Zusammenhang mit den Türkenkriegen. Hier wurde zwar auch "pro Christo" gefochten, gleichzeitig aber nicht Christ und "Muselman", sondern "deutsch" versus "türkisch" zu den entscheidenden Oppositionsbegriffen formiert und der Krieg somit nationalisiert.[6] Freilich darf dabei nicht übersehen werden, dass im 16. und 17. Jahrhundert "deutsch" mit "christlich" weithin identisch war, die religiöse Abgrenzung also weiterhin eine bedeutende Rolle spielte.

Ebenfalls in den Jahrzehnten um 1500 nahmen die Humanisten im Rahmen eines intellektuellen Elitendiskurses eine "Historisierung des Eigenbewusstseins"[7] vor, das nationale Vorstellungen auf ein geschichtliches Fundament stellte, nationale Mythen pflegte, nationale Stereotypen formulierte und mit der Gestaltung des Arminius-Stoffes den ersten männlich-kriegerischen Nationalhelden schuf.[8] In diesem historischen Kontext erhielten die schon im Hochmittelalter bekannten Völkerstereotype eine neue Qualität: Aus der beschreibenden Feststellung einer scheinbaren ethnischen Eigenheit wurde ein nationales Vorurteil, das aus der schroffen Abgrenzung gegenüber anderen Formationen das eigene nationale Bewusstsein schöpfte.[9] Gleichwohl war die "deutsche Nation" weiterhin Teil anderer Identitätszuordnungen, deren Hierarchie noch nicht eindeutig auf die Superiorität des Nationalen festgelegt war.[10] Außerdem blieb das intensivierte Nationalbewusstsein eine vorübergehende Konjunktur, die sich einerseits auf Propagandaanstrengungen in politischen Auseinandersetzungen und andererseits auf den elitären Nationendiskurs der Humanisten beschränkte.

Im weiteren Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts verschwand der Nationaldiskurs nicht, aber die nationale Zuordnungen traten hinter Prozessen der Territorialisierung und Konfessionalisierung zurück. Weiterhin markierte "deutsch" zunächst vor allem einen Abgrenzungsbegriff gegenüber den "Welschen" und den Osmanen. Im Schmalkaldischen und im Dreißigjährigen Krieg verband die evangelische Seite gezielt konfessionelle Politik mit der Beschwörung einer deutschen Abstammungsgemeinschaft. Trotz dieser instrumentellen Nationalisierung blieb jedoch die Konfliktkonstellation weiterhin religiös dominiert.

Dagegen wurden nationale Vorstellungen seit dem frühen 17. Jahrhundert in den Sprachgesellschaften und Tugendbünden gepflegt, die sich im Umkreis der Landesherrschaften entwickelten und vorwiegend von adligen und bürgerlichen Hofbeamten besucht wurden. Sie formulierten einen Tugendkanon, der sowohl die patriotische Verbesserung des jeweiligen Lebensumfeldes als auch die moralische Ausgestaltung einer deutschen Nationalkultur im deutschen Sprachraum umfasste. Mit diesen Vorstellungen war ein Superioritätsanspruch gegenüber anderen Sprachgemeinschaften verbunden. Als gesellige Vereinigungen griffen diese Assoziationen über den bisher verbalen Nationendiskurs hinaus. Aber ihr Nationalismus beschränkte sich auf kleine, überwiegend protestantische Zirkel, und selbst dort bewahrte bis weit in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts die Religion ihre primäre Zuständigkeit für den Sinnhorizont und die Handlungsmotive der Menschen.

Die allmähliche Überwindung der Spaltungen des Dreißigjährigen Krieges und das Ende der türkischen Bedrohung Mitteleuropas ließen die Notwendigkeit einer zwar reichsnational begriffenen, aber von christlichen Vorstellungen dominierten konfessionellen Allianz gegen einen religiös-ethnischen "Erbfeind" verschwinden. An die Stelle der Türkenkriege rückte die Bedrohung des Reiches durch die Eroberungszüge Ludwigs XIV. und im Spanischen Erbfolgekrieg. Der christlich-muslimische Gegensatz wurde von der Frontstellung des habsburgisch dominierten Reiches gegen das ebenfalls katholische Frankreich abgelöst. Gleichzeitig beschränkte die Aufklärung die Wirkungsmächtigkeit christlicher Loyalitätsbeziehungen unter den Gebildeten und legte damit den Grundstein für eine allmähliche Sakralisierung des Nationalen. Die Appelle an die nationale Solidarität während der Kriege gegen Ludwig XIV. griffen vielfach auf publizistische Vorbilder aus dem Dreißigjährigen Krieg zurück und aktualisierten sie für den gegenwärtigen Bedarf. Auch im Spanischen Erbfolgekrieg betrieb der österreichische Hof eine intensive nationale Agitation.[11] Die publizistische Nationalisierung erreichte eine bisher nicht gekannte Dimension, und auch der Arminius-Stoff wurde wieder aktuell. Schon hier entstand das - jetzt dynastisch definierte - Vaterland aus blutiger Schlacht.[12] In der Folgezeit führte der Machtzuwachs des Hauses Habsburg und die damit einhergehende Glorifizierung von Kaiser und Reich zu einem bisher ungekannten Aufschwung des Reichspatriotismus, ja zu einer regelrechten "Reichseuphorie", die sich in einer intensiven "Reichspublizistik" widerspiegelte.[13]

Freilich stellte der habsburgische Kaiser in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehr und mehr dynastische Eigeninteressen in den Vordergrund. Auch das Fehlen eines äußeren Feindes begünstigte zeitweilig ein eher dynastisches denn nationales Reichsverständnis. Der gelehrte Stand richtete seine Loyalität, aber auch seine Ansprüche zunehmend an den aufstrebenden Fürstenresidenzen aus und entwickelte allmählich jene "Patriotismus" genannte moralisch-politische Haltung, die sich in einem für das Deutsche Reich charakteristischen Föderalismus sowohl auf die übergeordnete Einheit des Reiches als auch auf den jeweiligen Territorialstaat beziehen konnte. Im Zuge des Ausbaus der Landesherrschaften zu modernen Staaten war damit jedoch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor allem das regionale Umfeld des Patrioten gemeint.[14]


Fußnoten

2.
Vgl. Herfried Münkler, Einleitung, in: ders./Hans Grünberger/Kathrin Meyer (Hrsg.), Die Nationalisierung Europas im Diskurs humanistischer Intellektueller, Berlin 1998, S. 13 - 28; Joachim Ehlers, Mittelalterliche Voraussetzungen für nationale Identität in der Neuzeit, in: Bernhard Giesen (Hrsg.), Nationale und kulturelle Identität, Frankfurt/M. 1992, S. 77 - 99.
3.
Vgl. dazu Benedykt Zientara, Frühzeit der europäischen Nationen: Die Entstehung von Nationalbewußtsein im nachkarolingischen Europa, Osnabrück 1997.
4.
Vgl. Hans-Martin Blitz, Aus Liebe zum Vaterland. Die deutsche Nation im 18. Jahrhundert, Hamburg 2000, S. 29 - 40, und R. Stauber (Anm. 1), S. 142 - 145.
5.
Vgl. H. Münkler (Anm. 2), S. 20.
6.
Vgl. Dieter Mertens, Nation als Teilhabeverheißung: Reformation und Bauernkrieg, in: D. Langewiesche/G. Schmidt (Anm. 1), S. 115 - 134; R. Stauber (Anm. 1), S. 143f.
7.
So Bernd Schönemann, Volk - Nation - Nationalismus - Masse: Frühe Neuzeit und 19. Jahrhundert, in: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 7, Stuttgart 1992, S. 281 - 380, hier S. 290.
8.
Zur Konstruktion der deutschen Nation in den Schriften der Humanisten vgl. Wolfgang Hardtwig, Vom Elitebewußtsein zur Massenbewegung. Frühformen des Nationalismus in Deutschland 1500 - 1840, in: ders., Nationalismus und Bürgerkultur in Deutschland 1500 - 1914, Göttingen 1994, S. 34 - 54; Klaus Garber (Hrsg.), Nation und Literatur im Europa der Frühen Neuzeit, Tübingen 1989.
9.
Vgl. Winfried Schulze, Die Entstehung des nationalen Vorurteils. Zur Kultur der Wahrnehmung fremder Nationen in der europäischen Frühen Neuzeit, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 46 (1995), S. 642 - 665; Ludwig Schmugge, Über "nationale" Vorurteile im Mittelalter, in: Deutsches Archiv, 38 (1982), S. 439 - 459.
10.
Vgl. D. Mertens (Anm. 6), S. 123.
11.
Vgl. Wolfgang Burgdorf, "Reichsnationalismus" gegen "Territorialnationalismus": Phasen der Intensivierung des nationalen Bewußtseins in Deutschland seit dem Siebenjährigen Krieg, in: D. Langewiesche/G. Schmidt (Anm. 1), S. 157 - 190, hier S. 158.
12.
Vgl. H.-M. Blitz (Anm. 4), S. 74 - 89.
13.
Vgl. Karl Otmar von Aretin, Reichspatriotismus, in: Günter Birtsch (Hrsg.), Patriotismus, Hamburg 1991, S. 26 - 36.
14.
Vgl. Christoph Priegnitz, Vaterlandsliebe und Freiheit. Deutscher Patriotismus von 1750 bis 1850, Wiesbaden 1981, und die Beiträge in: G. Birtsch (Anm. 13).