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13.9.2004 | Von:
Ute Planert

Nation und Nationalismus in der deutschen Geschichte

Nationale Sattelzeit

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzten - unter Weiterführung bereits vorhandener In- und Exklusionsmechanismen - neue Entwicklungen ein, die es rechtfertigen, von einer "nationalen Sattelzeit" zu sprechen und hier die Entstehungsphase des "modernen" Nationalismus zu sehen.[15] Die zeitlichen Eckpunkte bildeten die österreichischen Erbfolgekriege und insbesondere der Siebenjährige Krieg einerseits, die 1820er und 1830er Jahre vor der Herstellung eines einheitlichen Wirtschaftsraums und dem Anwachsen liberal-nationaler sowie demokratischer Bewegungen andererseits. Strukturelle Voraussetzung für den Aufschwung der patriotischen Diskussion in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war der Aus- und Umbau der spätabsolutistischen Dynastien zu modernen Staatswesen mit bürokratischer Rationalisierung, dem Versuch der Zurückschneidung kirchlichen Einflusses, einigen Agrar- und Militärreformen sowie einer überall zu beobachtenden Ausweitung des Beamtenapparats, dessen Angehörige neben den Gebildeten an den ebenfalls expandierenden Universitäten personell den Grundstock für die intensive publizistische und literarische Diskussion bildeten. Mit dem sozialstrukturellen Auf- und Ausbau des Bildungsbürgertums und des Reformadels ging eine "Leserevolution" einher, die zwar überwiegend auf den Kreis der Gebildeten beschränkt blieb, dort aber für eine bisher ungekannte Verbreitung von Druckerzeugnissen sorgte. In Abgrenzung gegen die französische Kultur und Sprache, mit der sich eine implizite Kritik am französisch orientierten Adel verband, trieben die Gebildeten seit der Mitte des 18. Jahrhunderts die Vereinheitlichung und Aufwertung der deutschen Sprache voran. Damit setzte jene Phase der Entstehung einer "deutschen Nationalliteratur" ein, die bis in die 1830er Jahre anhielt.

Im Kontext der österreichischen Erbfolgekriege wurde erneut der Arminius-Mythos aufgegriffen.[16] Verbunden mit der Stilisierung einer homogenen Abstammungsgemeinschaft übertrugen die Dichter das römische Feindbild nun auf die Franzosen. In klarer Scheidung von Freund und Feind traten die "Gallier" als "Deutschlands Unterdrücker" auf. Erstmals wurden auch die Geschlechterrollen in einer für den deutschen Nationalismus zukunftsweisenden Form ausgestaltet: Neben den männlichen Kriegshelden trat die "Mutter der Nation", die ihre Kinder in den Krieg schickt, in Abwesenheit der Kämpfer eine neue Generation von Vaterlandskriegern aufzieht und den heimkehrenden männlichen Helden umhegt.[17] Gleichzeitig wurden männliche und weibliche Geschlechterstereotype zur Kennzeichnung des deutsch-französischen Gegensatzes benutzt. Der positiven Stilisierung des Deutschen als das Kriegerisch-Männliche stand die Abwertung und Sexualisierung des Französischen als Weiblich-Fremdes gegenüber. Der Geschlechtergegensatz des anbrechenden bürgerlichen Zeitalters begann auch die Auseinandersetzung mit dem "Fremden" zu prägen.[18]

In den Arminius-Dramen kündigte sich zugleich ein Strukturprinzip an, das für den "modernen" Nationalismus konstitutiv war und ihn grundlegend von älteren Formen des nationalen Bewusstseins unterschied: die Koppelung von Tod und Vaterlandsliebe, die ultimative Aufforderung an jeden Mann, sein Leben auf dem "Altar" des Vaterlandes zu lassen. Im politischen Wertesystem des modernen Nationalismus ging damit die Gleichheit im Tode der politischen Egalität voran. Erst die willige Inkaufnahme der eigenen physischen Vernichtung begründete ein Anrecht auf Aufgehobensein in der nationalen Gemeinschaft, aus dem infolge der partizipativen Impulse der Patriotismusdiskussion das Recht auf Mitgestaltung abgeleitet wurde. Aus dem Martyrium in der Nachfolge Christi wurde der Opfertod fürs Vaterland, mit dem man(n) sich zwar keinen Platz im Himmel, wohl aber die Aufnahme in das Pantheon der Nation erwerben konnte. Religiöse Erlösungshoffnungen und Ewigkeitsphantasien wurden auf das "politische Kollektiv" übertragen.[19]

Standen publizistische Aufrufe zum "Tod für das Vaterland" noch im Kontext des Siebenjährigen Krieges zwischen Österreich und Preußen, enthob die Mitte der 1760er Jahre einsetzende Debatte um deutschen "Nationalgeist", "Nationalstolz" und die "Vaterlandsliebe" den Vaterlandsdiskurs erstmals dem Dunstkreis der Kriegspropaganda. Nachdem die Kriegsjahre die Konkurrenz ganz unterschiedlicher "Vaterländer" offenbart hatten, begann nun die theoretische Auseinandersetzung der Gelehrten um ein präziseres Verständnis der Begriffe "Vaterland", "Patriotismus" und "Nation". Intensiv wurde über die Verfassung des Alten Reiches debattiert, und es wurden Verbesserungsvorschläge eingebracht - ein deutlich partizipatorisches Element.[20] Lange vor der Französischen Revolution ging es in den Diskussionen über die erlaubte Form des Nationalstolzes, die beste Regierungsform und die Frage, ob und wie sich ein gemeinsames Vaterland realisieren lasse, um nichts weniger als um das Konzept einer deutschen Nation und die Möglichkeit seiner Realisierung. Erstmals traten solche Vorstellungen nicht mehr nur im Gewand der Dichtung auf, sondern in Form des politischen Manifests. Die Debatte um die nationale Identität fand mithin nicht nur in der Ära der Kultur, sondern auch auf dem Feld der Politik statt.

Nur wenig später hatte das "Deutsche" Konjunktur. Dichter und Publizisten gründeten seit den 1770er Jahren "deutsche" Zeitschriften, schlossen sich zu Bünden zusammen und träumten von der "Gelehrtenrepublik" - einer Nation, gebildet aus der Gemeinschaft des lesenden Publikums. Sie imaginierten sich als Nationalerzieher, nobilitierten den Volksbegriff und banden die Deutschsprechenden an eine unentrinnbare Sprach- und Kulturgemeinschaft mit gemeinsamem "Nationalcharakter".[21] Damit formulierten sie die Grundlage einer vorgestellten nationalen Identität. Es war der Versuch, die "Staatsnation aus den Elementen der Kulturnation (...) zu bilden"[22].

In den Frauenzeitschriften der Spätaufklärung schaltete sich auch die gebildete Weiblichkeit in die Debatte ein. Gegenüber den Vorurteilen ihrer männlichen Kollegen forderten die Publizistinnen die Beteiligung von Frauen an der nationalpatriotischen Bewegung und entwickelten gleichzeitig ein als "deutsch" apostrophiertes Weiblichkeitsideal, das sich in scharfer Abgrenzung gegen Frankreich um die bürgerlichen Tugenden der Mäßigung, Ernsthaftigkeit und Innerlichkeit zentrierte. Nationalcharakter und Geschlechtscharakter gingen eine enge Verbindung ein.[23]

Am Ende des 18. Jahrhunderts waren bereits alle Faktoren vorhanden, die in der neueren Forschung als konstitutiv für den modernen Nationalismus angesehen werden: die Vorstellung einer spezifischen Identität aller Deutschen als Abstammungsgemeinschaft mit gemeinsamer Kultur und Sprache, einem geteilten - auf bürgerlich-geschlechtsspezifischen Tugenden beruhenden - Wertesystem und einer gemeinsamen Geschichte, die in Mythen beschworen werden konnte; die Entwicklung dieser nationalen Identität in kriegerischer wie kultureller Abgrenzung zu anderen Sozialkollektiven, insbesondere gegenüber dem als hegemonial betrachteten Frankreich; der Versuch der Übertragung emotionaler Bindungen auf das Kollektiv; die Sakralisierung des "Vaterlands" als oberste Legitimationsinstanz einschließlich der Forderung, das eigene Leben dafür zu opfern; eine geschlechtsspezifische Formulierung der Loyalitätspflicht gegenüber der Nation; die Existenz einer sozialen Trägergruppe, die solche Vorstellungen nicht nur artikulierte, sondern auch über die kommunikative Infrastruktur zur Herstellung eines nationalen Diskurses verfügte; die Diskussion über die politische Ausgestaltung eines Gemeinwesens, das die Herrschergewalt des Fürsten einschränken und an gesetzförmige Regelungen binden sollte; die Erprobung der Wirkung politischer Propaganda im Krieg, in der nationale Feindbilder an die Seite und zunehmend auch an die Stelle konfessioneller Mobilisierung traten. All diesen Faktoren standen neben den Beschränkungen des bürgerlichen Elitediskurses nur noch zwei wesentliche Hindernisse entgegen: der mit konfessionellen Spannungen verknüpfte preußisch-österreichische Dualismus und die Schwierigkeiten, die von der Traditionsform des Reiches mit unzähligen souveränen Fürsten ausgingen.

Um Bewegung in die dynastischen Eigeninteressen zu bringen, bedurfte es eines gemeinsamen äußeren Feindes, der in Gestalt der Französischen Revolution und der napoleonischen Expansion erstand. Bis die beiden deutschen Großmächte dauerhaft zu einer gemeinsamen Politik fanden, sollten nach Beginn der französischen Expansion allerdings noch zwanzig Jahre vergehen. In der Zwischenzeit zielten patriotische Hoffnungen nicht ausschließlich auf die geeinte Nation, sondern konnten sich auch - solange es noch bestand - auf das Reich unter habsburgischer Führung und später auf den Rheinbund richten.[24] Erst der Niedergang Preußens und die große Koalition gegen Napoleon 1813 brachten eine breite Flut nationaler Lieder, Gedichte und Karikaturen hervor. Ein großer Teil davon stammte allerdings von propreußischen Publizisten, die "deutsch" und "preußisch" oft bis zur Unkenntlichkeit miteinander verquickten. Auch die protestantische Religion spielte wieder eine große Rolle. Die Lyrik der Befreiungskriege stattete die preußisch-deutsche Nation mit jener transzendenten Macht aus, die bisher nur der Religion vorbehalten war.[25] Religiöse Formen wurden aufgegriffen und - etwa in Ernst Moritz Arndts Kriegskatechismus und seiner Rede von der "Religion des Vaterlandes" - mit einer neuen Mischung aus sakralen und profanen Inhalten gefüllt. Entsprechend hielten protestantische Pfarrer Kriegspredigten, und Dichter wie Theodor Körner oder Achim von Arnim sprachen vom "Kreuzzug" und beschworen den "heiligen Krieg" gegen Napoleon.

Allerdings wäre es unzulässig, vom Bemühen um die Popularisierung dieser Vorstellungen schon gleich auf deren Erfolg zu schließen. Wenn in Preußen Freiwillige ins Militär eintraten und die Daheimgebliebenen ihr Scherflein auf dem "Altar des Vaterlandes" niederlegten, richteten sich diese Aktivitäten auf den preußischen Einzelstaat und nicht auf die deutsche Nation. Der nationale Impetus der Bildungseliten ging an der breiten Bevölkerung auch 1813 noch vielfach vorbei. Auch wenn die meisten Menschen am Ende einer mehr als zwanzigjährigen Kriegs- und Krisenzeit den Frieden und damit den Sturz der napoleonischen Herrschaft herbeisehnten, war ihre Loyalität immer noch weniger auf eine gemeinsame deutsche Nation als auf ihre Heimatregion gerichtet. Immerhin existierte jetzt ein gemeinsamer äußerer Feind, der die Abgrenzung zwischen "In-" und "Out-group" erleichterte. Die Gedichte, die zum Hass gegen Frankreich aufriefen, waren Legion, und nicht umsonst wurde nun die alte Erbfeind-Terminologie auf Frankreich angewandt, um damit das Echo der Türkenkriege zu evozieren.[26]


Fußnoten

15.
Vgl. Ute Planert, Wann beginnt der "moderne" deutsche Nationalismus? Plädoyer für eine nationale Sattelzeit, in: Jörg Echternkamp/Sven O. Müller (Hrsg.), Die Politik der Nation. Deutscher Nationalismus in Krieg und Krisen, 1760 - 1960, München 2002, S. 25 - 59.
16.
Vgl. H.-M. Blitz (Anm. 4), S. 91 - 144.
17.
Vgl. Hans Peter Hermann, Arminius und die Erfindung der Männlichkeit im 18. Jahrhundert, in: ders./Hans-Martin Blitz/Susanna Moßmann, Machtphantasie Deutschland. Nationalismus, Männlichkeit und Fremdenhaß im Vaterlandsdiskurs deutscher Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1996, S. 160 - 191.
18.
Vgl. zum nationalen Strukturmuster der Abwertung durch Effeminierung Ute Planert, Vater Staat und Mutter Germania: Zur Politisierung des weiblichen Geschlechts im 19. und 20. Jahrhundert, in: dies. (Hrsg.), Nation, Politik und Geschlecht. Frauenbewegungen und Nationalismus in der Moderne, Frankfurt/M.-New York 2000, S. 15 - 65.
19.
Vgl. Peter Berghoff, Der Tod des politischen Kollektivs. Politische Religion und das Sterben und Töten für Volk, Nation und Rasse, Berlin 1997.
20.
Vgl. Wolfgang Burgdorf, Reichskonstitution und Reform. Verfassungsreformprojekte für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation im politischen Schrifttum von 1648 bis 1806, Mainz 1998.
21.
Jörg Echternkamp, Der Aufstieg des deutschen Nationalismus, Frankfurt/M.-New York 1998.
22.
Wolfgang Frühwald, Die Idee kultureller Nationsbildung und die Entstehung der Literatursprache in Deutschland, in: Otto Dann (Hrsg.), Nationalismus in vorindustrieller Zeit, München 1986, S. 129 - 142, hier S. 131.
23.
Vgl. Ulrike Weckel, Zwischen Häuslichkeit und Öffentlichkeit. Die ersten deutschen Frauenzeitschriften im späten 18. Jahrhundert und ihr Publikum, Tübingen 1998.
24.
Vgl. Gerhard Schuck, Rheinbundpatriotismus und politische Öffentlichkeit zwischen Aufklärung und Frühliberalismus, Stuttgart 1994.
25.
Vgl. Ernst Weber, Lyrik der Befreiungskriege (1812 - 1815), Stuttgart 1991.
26.
Vgl. Michael Jeismann, Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792 - 1918, Stuttgart 1992.