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13.9.2004 | Von:
Ute Planert

Nation und Nationalismus in der deutschen Geschichte

Frauen und Nation

Anknüpfend an die literarische Diskussion um weibliche Handlungsformen zum Wohl des Vaterlands in den Frauenzeitschriften der Spätaufklärung formierten sich in den antinapoleonischen Kriegen vor allem in Preußen und im Rheinland Frauenvereine, die sich durch ihre nationalpolitische Ausrichtung von früheren weiblichen Organisationsversuchen unterschieden.[29] Ihre Aktionen - Krankenversorgung, Spendensammeln, Fahnensticken und die Herstellung von Verbandsmaterial - waren politisches Bekenntnis und symbolische Kampfbeteiligung zugleich. Auch im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts griffen Frauen immer wieder auf diese Aktionsformen zur Demonstration ihrer Gesinnung zurück.[30]

Gleichzeitig diente die Legitimationskraft der Nation aber auch dazu, im Namen der Nation die Beteiligung des weiblichen Geschlechts an der politischen Diskussion einzufordern. Wie ihre Vorgängerinnen in der Spätaufklärung hatte Rahel Varnhagen 1807 das als "heilig" postulierte Recht jeden Volkes auf politisch-nationale Selbstbestimmung zur Rechtfertigung des öffentlichen Auftretens von Frauen genutzt.[31] Ganz ähnlich definierte Louise Otto, die große Pionierin der deutschen Frauenbewegung, 1843 in einer Kontroverse um die "Theilnahme der weiblichen Welt am Staatsleben" Politik als angewandte Vaterlandsliebe und erklärte sie damit zum Bestandteil des weiblichen Wirkungskreises.[32] Entsprechend fand die Revolution von 1848/49 Frauen auf den Barrikaden, in Volksvereinen, bei Revolutionsfesten und als Publikum politischer Reden und Verhandlungen.[33] Allerdings wohnten dem weiblichen Bekenntnis zur deutschen Nation auch hier ab- und ausgrenzende Momente inne. Wie 1813 gab es auch 1848/49 Aufrufe zum Boykott ausländischer Waren und eine gegen Frankreich zielende Debatte um eine genuin deutsche Mode. Gleichzeitig war die Zustimmung zum Ziel nationalstaatlicher Einheit und zur außenpolitischen Demonstration nationaler Stärke nicht nur unter der männlichen, sondern auch unter der weiblichen Bevölkerung weit verbreitet. Der Spendenaufruf zugunsten des Krieges in Schleswig-Holstein mobilisierte deutlich mehr Frauen als die Sammlungen demokratischer Unterstützungsvereine.[34]

In den Jahren der Reichseinigung trug der "Allgemeine deutsche Frauenverein" durch "vaterländische" Vorträge und Lazarettdienst im Krieg zur inneren Nationsbildung bei. Analog zur männlichen Trias von Wehrpflicht, Wahlrecht und Patriotismus leitete seine Gründerin Louise Otto von weiblichem Engagement und Opferbereitschaft fürs Vaterland das Recht auf politische Ebenbürtigkeit ab.[35] Auch wenn die Reichseinigung nicht die ersehnte politische Gleichberechtigung brachte, ließ die Fundamentalpolitisierung im Kaiserreich die bürgerlichen Frauen nicht unberührt. Seit 1894 fasste eine eigene Dachorganisation, der "Bund Deutscher Frauenvereine", die immer zahlreicher werdenden Frauenorganisationen zusammen. Sein Führungsgremium vertrat eine parteipolitisch eher liberale, jedoch deutlich national ausgerichtete Politik. Entsprechend unterstützte der Bund die wilhelminische Aufrüstungspolitik und nahm imperialistische Frauenorganisationen in seine Reihen auf.[36] Gegen Ende des Jahrhunderts formierten sich im Zusammenhang mit dem zunehmenden Populismus der Nationalbewegung militaristisch und imperialistisch ausgerichtete Frauengruppen. Ihre Partizipationshoffnungen waren nicht auf demokratische Teilhabe gerichtet, sondern an den nationalistischen Machtstaat adressiert. Es ging ihnen um Teilhabe an der außenpolitischen Größe des Reiches, und ihr Nationalismus griff über den bestehenden Nationalstaat hinaus. Frauenpolitik begann sich von den emanzipativ-liberalen Inhalten, mit denen sie sich bislang stets verbunden hatte, abzulösen und erreichte gleichzeitig weitaus mehr Frauen als zuvor.[37]

Im wilhelminischen Kaiserreich stilisierten die Verfechterinnen des Deutschtums in Flotten-, Kolonial- und Auslandsvereinen Frauen zu "Hüterinnen deutscher Art und Sitte", die mit kultureller Hegemonie die imperialistische Macht der Männer in den eroberten Kolonien und deutschen Siedlungsgebieten absichern sollten. Politische Brisanz wuchs diesem Kulturimperialismus besonders an den Ostgrenzen des Kaiserreichs zu, wo die polnische Volksgruppe auf die ethnische Unterdrückungspolitik der Regierung mit Streiks zur Durchsetzung kultureller Selbstbestimmung reagierte. Völkische Frauen betrachteten sich unter Rückgriff auf das "germanische Weib" als "Arbeits- und Kampfgenossin des Mannes", dazu ausersehen, bei der "Pflege des deutsche(n) Sippen- und Rassenempfindens" zu helfen. Allmählich kamen die Funktionäre der völkischen und nationalistischen Vereine nicht mehr umhin, bei aller öffentlichen "Die-Frau-gehört-ins-Haus"-Rhetorik dem Beitrag der Frauengruppen zur Verbreitung ihrer politischen Vorstellungen Tribut zu zollen. Im Verlauf des Ersten Weltkriegs nahmen etliche dieser Organisationen Frauen als gleichberechtigte Mitglieder auf. Die chauvinistische Vaterlandspartei schließlich, 1917 gegründet, mochte von Anfang an nicht auf die Mitarbeit weiblicher Gleichgesinnter verzichten.[38]

Wie wirksam das nationale Paradigma war, zeigte sich daran, dass es sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg selbst in Gruppen durchzusetzen begann, denen das Stigma des "inneren Reichsfeindes" anhaftete: bei den Katholikinnen und unter den Anhängerinnen der Sozialdemokratie. Der katholische Frauenbund gedachte in Dankbarkeit der Reichsgründung, warb für Aufrüstung und arbeitete eng mit kolonialen Frauenvereinen zusammen. Im Ersten Weltkrieg schlossen sich dann auch sozialdemokratische Frauenvereine den lokalen Organisationen des Nationalen Frauendienstes an und probten unter dem Druck außenpolitischer Ereignisse den Schulterschluss zum Wohl des Vaterlands.[39]

Sozialistische, bürgerlich-gemäßigte und radikale Frauenrechtlerinnen arbeiteten im Ersten Weltkrieg erstmals Hand in Hand, und dass - anders als noch vor dem Krieg - im Frühjahr 1918 die deutschen Frauenvereine fast ausnahmslos die Wahlrechtsforderung unterstützten, lag in der Konsequenz eines Modells, das nationale Einsatzbereitschaft mit Mitbestimmung zu honorieren versprach. Indem Frauen Politik als angewandte Vaterlandsliebe definierten, legitimierten sie damit öffentliches Auftreten und politisches Engagement. Nationalismus fungierte so als Emanzipationsstrategie nach innen bei Abgrenzung nach außen. Früher oder später, so darf angenommen werden, wäre es daher auch ohne die Revolution von 1918/19 zur Durchsetzung des Frauenwahlrechts gekommen.[40]


Fußnoten

29.
Vgl. Dirk Reder, Frauenbewegung und Nation. Patriotische Frauenvereine in Deutschland im frühen 19. Jahrhundert (1813 - 1830), Köln 1998; Karen Hagemann, "Männlicher Muth und teutsche Ehre". Nation, Krieg und Geschlecht in der Zeit der antinapoleonischen Kriege Preußens, Paderborn 2002.
30.
Vgl. ausführlich U. Planert, Vater Staat (Anm. 18).
31.
Vgl. Rahel Varnhagen, Einige Worte über das Verhältnis der deutschen Frauen zu den jetzigen Weltbegebenheiten, in: Deutsche Blätter, 2 (1814), S. 313 - 315.
32.
Vgl. Louise Ottos Zuschrift an die Sächsischen Vaterlandsblätter, 3 (1843), Nr. 159, vom 5.10. 1843, S. 701.
33.
Vgl. Carola Lipp (Hrsg.), Schimpfende Weiber und patriotische Jungfrauen. Frauen im Vormärz und der Revolution 1848/49, Bühl-Moos 1986.
34.
Vgl. dies., Liebe, Krieg und Revolution. Geschlechterbeziehungen und Nationalismus, in: ebd., S. 353 - 384.
35.
Vgl. Ute Planert, Die Nation als "Reich der Freiheit" für Staatsbürgerinnen: Louise Otto zwischen Vormärz und Reichsgründung, in: dies. (Hrsg.) (Anm. 18), S. 113 - 130.
36.
Vgl. Barbara Greven-Aschoff, Die bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland 1894 - 1933, Göttingen 1981.
37.
Vgl. Roger Chickering, "Casting their Gaze More Broadly". Women's Patriotic Activism in Imperial Germany, in: Past & Present, 118 (1988), S. 156 - 185.
38.
Vgl. Ute Planert, Antifeminismus im Kaiserreich. Diskurs, soziale Formation und politische Mentalität, Göttingen 1998, S. 221 - 240, und die Beiträge in: dies. (Hrsg.) (Anm. 18).
39.
Vgl. Barbara Guttmann, Weibliche Heimarmee. Frauen in Deutschland 1914 - 1918, Weinheim 1989.
40.
Vgl. Ute Planert, Antifeminismus im Kaiserreich: Indikator einer Gesellschaft in Bewegung, in: Archiv für Sozialgeschichte, 38 (1998), S. 93 - 116.