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6.8.2004 | Von:
Bekim Agai

Islam und Kemalismus in der Türkei

Kemalismus, Laizismus und Islam in der frühen Republik

Am 29. Oktober 1923 wurde in Ankara die Republik Türkei proklamiert, deren erster Präsident Mustafa Kemal (später Atatürk genannt) wurde. Die von ihm durchgesetzten Reformen und Veränderungen stellten einen Umbruch des politischen und gesellschaftlichen Systems dar.[1] Aus dem Kalifatsstaat wurde ein laizistischer Nationalstaat, mit einer neuen Staatsform und einem neuen Rechtssystem. Der Islam galt den revolutionären Modernisierern dabei als Hindernis auf dem Weg zu einer Republik. Das religiöse Bildungssystem der Medresen wurde deshalb aufgelöst und durch säkulare Schulen mit einheitlichen nationalen Lehrinhalten ersetzt, populäre religiöse Versammlungsorte geschlossen. Zwischen 1933 und 1948 gab es praktisch keine offizielle Möglichkeit zum Religionsstudium in diesem Land mit seiner fast ausschließlich muslimischen Bevölkerung.[2] Ferner wurden Reformen erlassen, welche veräußerlichte Formen des religiösen Selbstverständnisses sanktionierten. Bekleidungsvorschriften im Sinne eines westlichen Bekleidungsstils wurden erlassen. Der Gebetsruf erschallte in den dreißiger Jahren auf Türkisch, der Vollzug der Pilgerfahrt nach Mekka war von 1934 bis 1947 nicht erlaubt. Sprachreformen und die Schaffung einer nationalen Geschichte sollten die national-türkische Identität stärken, was durch Maßnahmen zur Schwächung der religiösen Identität flankiert wurde. Die Idee, dieses "Zivilisationsprojekt" auch gegen den Willen des Volkes durchsetzen zu müssen, war weniger Ausdruck eines "orientalischen Despotismus", sondern leitete sich aus dem jakobinischen Selbstverständnis der Eliten dieser Zeit ab.

Das Begreifen des Islams als potenzielle Gefahr für den modernen Nationalstaat prägt den frühen Kemalismus, der sich in dieser Zeit als Ideologie herausbildete.[3] Zusammengefasst wird er in den so genannten "sechs Pfeilern" des Kemalismus, die im Mai 1931 in das Parteiprogramm der damaligen Einheitspartei Mustafa Kemal Atatürks, der Republikanischen Volkspartei (CHP), eingeführt wurden. Sie lauten: Nationalismus, Republikanismus, halkçilik[4], Laizismus, Etatismus (im Sinne einer Verantwortlichkeit des Staates für Wirtschaft und Gesellschaft), Reformismus bzw. Revolutionismus (im Sinne einer ständigen Selbsterneuerung). Diese sechs Prinzipien wurden 1935 zur Staatsdoktrin erhoben und 1937 in die Verfassung eingeführt. Trotz unterschiedlicher historischer Gewichtung der Elemente sind türkischer Nationalismus und das Bekenntnis zur laizistischen Republik und zu einem starken Staat durchgehende Hauptmerkmale des Kemalismus. Repräsentiert wird er vor allem durch das Militär, das zur Wahrung des Kemalismus immer wieder in das politische Geschehen der Türkei eingriff. Ferner gibt es verschiedene gesellschaftliche Gruppen im gehobenen Staatsdienst, die sich als Wahrer der kemalistischen Prinzipien verstehen und in diesem Sinne auch politisch handeln.

Es scheint jedoch nur so, dass der Islam im Kemalismus keinen Platz hat. Denn paradoxerweise spielt der Islam als nationales Kulturgut im Nationskonzept eine bedeutende Rolle.[5] Die Nation wurde in der Türkei wie bei den Nachbarn Griechenland, Russland, Armenien und Bulgarien entscheidend durch Religion konstituiert. Es verwundert daher nicht, dass Mustafa Kemal zum Dschihad für die nationale Unabhängigkeit aufgerufen hatte und man mit Griechenland 1923 einvernehmlich einen Bevölkerungsaustausch organisierte.[6] Erst die Einbeziehung des Islams konnte aus dem Vielvölkergemisch des osmanischen Rumpfstaates eine Nation werden lassen, die ethnische Kurden, Kaukasier, Albaner, Bosnier, Tartaren etc. zu "Türken" vereinte.


Fußnoten

1.
Vgl. Gotthard Jäschke, Der Islam in der neuen Türkei, in: Welt des Islams, 1 (1951) 1 - 2, S. 3 - 174; Bernard Lewis, The Emergence of Modern Turkey, London 1961; Klaus Kreiser/Christoph K. Neumann, Kleine Geschichte der Türkei, Stuttgart 2003, S. 383 - 423.
2.
Vgl. Elizabeth Özdalga, Education in the Name of "Order and Progress". Reflections on the recent eight year obligatory school reform in Turkey, in: The Muslim World, 89 (1999) 3 - 4, S. 414 - 438.
3.
Vgl. Dankwart A. Rustow, Kemalism, in: Detlef Grothusen (Hrsg.), Südosteuropa-Handbuch, Band IV, Göttingen 1985, S. 237 - 247; Heinz Kramer, A Changing Turkey: The Challenge to Europe and the United States, Washington, D. C. 2000.
4.
Oft mit "Populismus" übersetzt, meint das Wort nicht die Orientierung am geäußerten Bedürfnis des Volkes, sondern das programmatische "Volkswohl".
5.
So propagiert der als Vater des türkischen Nationalismus geltende Ziya Gökalp die Parole: Türkisieren, Islamisieren, Modernisieren. Vgl. Ziya Gökalp, Türklesmek, Islâmlasmak, Muasirlasmak, Istanbul 1992.
6.
Wer Grieche oder Türke war, darüber entschied allein die religiöse Zugehörigkeit. Zur historischen Stellung des Islam im türkischen Nationalismus und im Zusammenhang mit der EU-Erweiterung vgl. Günter Seufert, Laizismus in der Türkei - Trennung von Staat und Religion?, in: Südosteuropa-Mitteilungen, (2004) 1, S. 17 - 29.