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6.8.2004 | Von:
Bekim Agai

Islam und Kemalismus in der Türkei

Der laizistische Staat als religiöser Akteur

Seit den fünfziger Jahren hatte sich auch der kemalistische Staat selbst zu einem wichtigen Akteur der islamischen Landschaft entwickelt. Mit der Einführung der Republik waren Glaubensfragen und der religiöse Kultus dem Direktorium für Religionsangelegenheiten (Diyanet Isleri Baskanligi, kurz Diyanet) unterstellt worden.[9] Entsprechend der oben skizzierten Entwicklungen erhielt es im Laufe der Zeit immer mehr Kompetenzen. Heute hat das Präsidium zirka 100 000 Angestellte, darunter Vorbeter, Prediger, Gebetsrufer und Rechtsgelehrte. Ihm unterstehen 70 000 Moscheen, die vom "Generaldirektorium für Stiftungen" unterhalten werden. Im Sinne der kemalistischen Bestrebungen zur gesellschaftlichen Homogenisierung soll das Diyanet laut Verfassung die nationale Einheit sichern. Der hierbei entstehende sunnitische Staatsislam, der auch die staatliche Politik predigt, war die paradoxe Konsequenz des türkischen Laizismus. Dieser ist Grundlage für den Religionsunterricht und die staatlich geförderte religiöse Bildung im Land. Nicht repräsentiert wird der alewitische Islam, dem immerhin zirka 20 - 30 Prozent der Bevölkerung angehören. Günter Seufert kommt deshalb zu folgendem Schluss: "Der türkische Laizismus löst seinen Anspruch auf Säkularismus nicht dadurch ein, dass er die Religion neben den Staat stellt und beider Verhältnis zueinander regelt, sondern dadurch, dass er dem Staate das Interpretationsmonopol über die Religion einräumt und das legale religiöse Leben bürokratisiert."[10] Auch in der türkischen Außenpolitik ist das Direktorium aktiv, nicht zuletzt durch seinen deutschen Ableger DITIB, der zirka 740 Moscheen unterhält. Im außenpolitischen Engagement in Zentralasien nach 1990 wurde die Förderung islamischer Bildung im Sinne der TIS zentraler Schwerpunkt der auswärtigen Kulturpolitik.


Fußnoten

9.
Zur Funktion des Amtes innerhalb des türkischen Staatskonzeption vgl. Levent Tezcan, Religiöse Strategien der "machbaren" Gesellschaft, Bielefeld 2003, S. 64 - 87. Einen Überblick zu seiner Entstehung und Entwicklung bis in die neunziger Jahre liefert Ismail Kara, Eine Behörde im Spannungsfeld von Religion und Staat. Das Präsidium für religiöse Angelegenheiten, in: Günter Seufert/Jacques Waardenburg (Hrsg.), Turkish Islam and Europe, Istanbul 1999, S. 209 - 240.
10.
G. Seufert (Anm. 6), S. 27.