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6.8.2004 | Von:
Asiye Öztürk

Das Entstehen eines Macht-Dreiecks

Ankara auf dem Weg nach Washington und Tel Aviv

Transformation zur Regionalmacht

Als "geopolitischer Angelpunkt"[1] liegt die Türkei im Zentrum eines Interessendreiecks, gebildet aus dem Balkan, der Kaspischen Region und dem Nahen Osten. Ihre Geografie enthält ein enormes machtpolitisches Potenzial, da das Land den Zugang zu diesen Gebieten kontrollieren kann. Dies wurde in ihrer Geschichte aber immer wieder zur sicherheitspolitischen Bedrohung und machte die Türkei zum Spielball der Weltmächte. Daher galten seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches Bündnissysteme und ambitionierte globale Interessen als töricht, riskant und selbstmörderisch.[2] In der Außenpolitik besaß die Neutralität und die West-Orientierung absolute Priorität.[3]

Während das Ende des Kalten Krieges Europa eine Friedensepoche bescherte, wurde die Türkei aufgrund des Machtvakuums durch den Zerfall der Sowjetunion mit neuen Sicherheitsrisiken konfrontiert. Die zahlreichen Konflikte an ihrer Peripherie, in denen die Türkei politisch, ethnisch oder gesellschaftlich involviert war, bedrohten in höchstem Maße ihre Sicherheit und machten die Außenpolitik zu einem "Alptraum von 360 Grad"[4]. Die Bedrohungswahrnehmungen wurden durch das Desinteresse der Europäischen Union noch verstärkt. Hinzu kam die neue Sorge über die Proliferation von Massenvernichtungswaffen. Denn mit dem Verschwinden des sowjetischen Patrons versuchten einige Nachbarstaaten, das militärische Ungleichgewicht zum Atommonopol Israels durch Aufrüstung mit unkonventionellen Waffen auszubalancieren, was einen asymmetrischen Rüstungswettlauf auslöste.[5] Gleichzeitig verschoben sich die politischen Parameter der internationalen Politik, und die Aufgabe der Türkei als Bollwerk gegen den Kommunismus verlor an Bedeutung.

Die am weitesten reichende Veränderung in der daraus folgenden Transformation war das neue Selbstbewusstsein der Türkei, hervorgerufen durch die ambitiösen Aufgaben als Regionalmacht. Dazu gehören die Initiative zur Gründung des Schwarzmeerkooperationsrates und ein aktiverer Part im nahöstlichen Friedensprozess. Allerdings konzentrierte sich das Land vermehrt auf den Kaukasus und Zentralasien. Denn die politischen Umbrüche in den Turkstaaten erweiterten die außenpolitischen Aktionsfelder Ankaras im Osten, was eine Aufwertung der geopolitischen Bedeutung mit sich brachte. Als erster selbstständiger nationaler Staat der turksprachigen Völker sah die Türkei es als ihre Pflicht an, den Selbstbestimmungsprozess dieser Staaten zu unterstützen.[6] Ein effektives Instrument in ihrer Rivalität mit Gegnern war ihr Staatsmodell einer laizistischen Demokratie. Auch der Westen sah die Türkei dafür prädestiniert, das Machtvakuum im südlichen Gürtel der ehemaligen Sowjetunion zu füllen. Denn als "Oase der Stabilität" befand sie sich in einer Schlüsselposition zwischen dem Zugang zu dieser Region und der westlichen Welt. Durch ihre aktive Mittlerstellung sollten die Turkstaaten dem Westen angenähert werden. Das Begehren der verschiedenen Akteure hing vor allem mit der strategischen Bedeutung der Kaspischen Region zusammen: Es wurde spekuliert, dass dort die weltweit größten noch unentdeckten Energieressourcen lagerten.[7]

Das neue Selbstbewusstsein der Türkei führte zu einem größeren außenpolitischen Engagement. Letztlich war dies die Voraussetzung dafür, dass sie eine Enhanced Partnership mit den USA und ein De-facto-Bündnis mit Israel einging, was ihre Neudefinition als Regionalmacht unterstreichen sollte. Denn direkte Folgeerscheinungen des Paradigmenwechsels waren engere Beziehungen zu den USA und ein einzigartiges Verhältnis zu Israel.


Fußnoten

1.
Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Frankfurt/M. 20014, S. 67.
2.
Vgl. Barry Rubin, Turkey: A Transformed International Role, in: ders./Kemal Kirisci (Hrsg.), Turkey in World Politics. An Emerging Multiregional Power, London 2001, S. 1.
3.
Zwar wurde die Türkei 1952 NATO-Mitglied, was eine klare politische und militärische Stellungnahme bedeutete. Allerdings muss der Beitritt als Defensivreaktion vor dem Hintergrund der sowjetischen Bedrohung gesehen werden.
4.
International Herald Tribune vom 19. 5. 1995, zit. in: Udo Steinbach, Der Nahe Osten in der deutschen Außenpolitik. Bonn auf der Suche nach einem Konzept, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), B 12/98, S. 36.
5.
Vgl. Volker Perthes, Vom Krieg zur Konkurrenz. Regionale Politik und die Suche nach einer neuen arabisch-nahöstlichen Ordnung, Baden-Baden 2000, S. 141.
6.
Vgl. Udo Steinbach, Die Türkei im 20. Jahrhundert. Schwieriger Partner Europas, Bergisch Gladbach 1996, S. 290f.
7.
Vgl. Rainer Freitag-Wirminghaus, Zentralasien und der Kaukasus nach dem 11. September: Geopolitische Interessen und der Kampf gegen den Terrorismus, in: APuZ, B 8/2002, S. 3.