30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

6.8.2004 | Von:
Asiye Öztürk

Das Entstehen eines Macht-Dreiecks

Ankara auf dem Weg nach Washington und Tel Aviv

Das Dreierbündnis

Die Initiative zur Gründung der türkisch-israelischen Allianz ging zwar von der türkischen Generalität aus, die USA fanden aber die Annäherung zwischen den zwei Demokratien äußerst attraktiv und bezeichneten sie als "strategischen Wunsch"[26]. Das türkisch-israelische Bündnis sollte die amerikanischen Allianzen in diesem Raum durch ein Geflecht von weiteren Interessenkoalitionen vervollständigen.[27] Dabei konnten die USA von der regionalen Partnerschaft mehr profitieren, indem sie Israel und der Türkei den Weg selbst bestimmen ließen. Sichtbare Form nahm dieses Dreieck im Januar 1998 an, als Kriegsschiffe aller drei Länder vor der israelischen Küste Seemanöver abhielten. Eine jordanische Militärdelegation war als Beobachter anwesend, dagegen lehnte Ägypten eine Teilnahme ab.

Die Bedeutung der Allianz für die USA muss im Lichte der Tatsache gesehen werden, dass sie nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes immer mehr zum politischen Dirigenten vom Adriatischen bis zum Kaspischen Meer wurden. Die beiden Regionalmächte Türkei und Israel haben in der Region des Mittleren Ostens und des Kaspischen Beckens, in der der Großteil der Energieressourcen der Welt lagert, Schlüsselpositionen inne. Dieser Raum hat eine enorme Bedeutung in den strategischen Konzeptionen Washingtons für seine langfristige Energiepolitik. Bei einer Koordinierung ihrer Außenpolitik konnten sie mehr Stabilität erzeugen und den Zugang zu diesem Raum sichern. Der türkisch-israelische Zusammenschluss hatte die größte Auswirkung auf die Staaten Syrien, Irak und Iran - die Hauptadressaten der US-amerikanischen Militärstrategie des Dual Containment. Beide Verbündete sollten hier als Garanten von Stabilität wirken, was sie in bilateraler Zusammenarbeit besonders wahrzunehmen versprachen.

Israels Vorteile durch diese trilaterale Zusammenarbeit lagen im Bereich der Rüstungsindustrie, der einzigartigen Möglichkeit, realistische Militärübungen in Anatolien absolvieren zu können, das zudem an die drei erklärten Feinde Israels - Iran, Irak und Syrien - grenzt, sowie in den daran gekoppelten geheimdienstlichen Aktivitäten an ihren Grenzen. Der politisch und psychologisch größte Gewinn ergab sich durch die engen Beziehungen zu einem Staat mit muslimischer Gesellschaft und die damit verbundene Möglichkeit zur Durchbrechung der Isolation in der islamischen Welt. Die Türkei wirkte als Schrittmacher für die Normalisierung der Beziehungen Israels zu anderen muslimischen Staaten, was wiederum Israel im Nahen Osten stärkte und seinen Paria-Status aufhob.

Für die Türkei war die enge militärische und politische Kooperation mit der Weltmacht USA und der Mittelmacht Israel die Basis für ihren ambitiösen Status quo einer regionalen Führungsmacht. Neben dem Mehr an Sicherheit, das nicht nur Israel zugute kam, profitierte sie auch von der weltweit führenden Technologie und dem Know-how Israels, das ihre Versorgungslücken aufgrund der Waffenembargos durch die europäischen Partner kompensierte. Durch den Zugang zur neuesten Rüstungstechnologie konnte sie auch ihren Vorsprung gegenüber ihren Rivalen in der Ägäis oder im Kaukasus ausbauen. Ein weiterer, für die Türkei überlebenswichtiger Gewinn lag im Kampf gegen den Terrorismus: Durch die diskrete geheimdienstliche Hilfe der USA und Israels konnte im Februar 1999 PKK-Chef Öcalan gefasst werden.

Die Dreier-Allianz sollte neue Impulse für den Friedensprozess im Nahen Osten geben, jedoch waren die Erfolge relativ: Syrien, Irak und Iran waren ab Mitte der neunziger Jahre weniger geneigt, in einen bewaffneten Konflikt mit einem der Staaten zu geraten. Die türkischen und israelischen Eliten führten dies auf die Abschreckung durch ihre Allianz zurück, die wie ein "Damoklesschwert über den Regimen von Damaskus und Teheran" schwebte.[28] Syrien zeigte Kompromissbereitschaft sowohl bei den Friedensverhandlungen mit Israel als auch in den gespannten Beziehungen zur Türkei. Doch während die Kompromissbereitschaft Syriens wuchs, nahm die der Türkei und Israels ab und es kam zu Überheblichkeit. Darüber, inwiefern ihre Kompromisslosigkeit den asymmetrischen Rüstungswettlauf in der Region anheizte und die Gefahr der Proliferation von Massenvernichtungswaffen vergrößerte, kann spekuliert werden. Sicher ist dagegen, dass die türkisch-israelische Allianz ein "Klima der Polarisierung und Konfrontation in der Region"[29] schuf.

Zu ersten positiven Anzeichen in den türkisch-syrischen Beziehungen kam es 1998 mit der Vereinbarung von Adana, auf deren Grundlage sich das gegenseitige Verhältnis zwar entspannte. Aber der politische Durchbruch kam mit dem Staatsbesuch des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad in Ankara im Januar 2004. Die Visite stand im Zeichen des Irak-Krieges 2003, bei der beide Staaten ihr gemeinsames Interesse, die Vermeidung eines territorialen Zerfalls des Iraks sowie des Entstehens eines souveränen kurdischen Staates, bekräftigten.

Der größte Nutzen des Dreierbündnisses für Europa muss im Kontext mit Griechenland gesehen werden: Ab 1999 kam es in der griechischen Türkei- und Israel-Politik zu einem grundlegenden Wandel, mit dem Athen eine Annäherung an beide Staaten suchte. Damit wurde ein Pulverfass für die EU eliminiert und der Friede in der Ägäis stabilisiert. Die Beziehungen beider NATO-Partner entwickelten sich im Laufe der letzten Jahrzehnte entlang verschiedener Achsen. Doch seit der Formalisierung der Sicherheitspartnerschaft zwischen der Türkei und Israel bemühte sich Griechenland merklich um bessere Beziehungen zu ihnen - unter anderem aus Sorge vor einer technologischen Überlegenheit der Türkei.

Was die Kaspische Region anging, erfuhr die amerikanisch-türkische Kooperation durch das vermehrte Engagement Israels Unterstützung. Den USA kam der Faktor zugute, dass neben der Türkei, als islamischem Modellstaat, auch Israel eine Vorbildfunktion für die jungen Turkstaaten einnahm: als eine kleine, aber wirtschaftlich sowie politisch starke und demokratische Regionalmacht. Im Gegenzug erhofften sich die Turkstaaten, dadurch ihre Beziehungen zu den USA verbessern zu können. Außerdem galten Tel Aviv und Washington als wichtige Quellen von Investitionen in einer Zeit, in der diese Staaten händeringend nach ausländischem Kapital suchten.

Ein weiteres Ergebnis der trilateralen Zusammenarbeit war die Achsenbildung in dieser Weltregion, mit der der Kaukasus immer mehr in die Geopolitik des Nahen Ostens hineingezogen wurde. Einige arabische Staaten und Iran sahen als einzig mögliche Antwort auf das türkisch-amerikanisch-israelische Bündnis eine Annäherung an Russland, was zur Herausbildung von Interessenkoalitionen über den Nahen Osten hinaus führte. Treu dem Motto "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" kam es zu einer Achse Athen-Damaskus-Teheran-Eriwan-Moskau, die der Achse Ankara-Tel-Aviv-Tiflis-Baku-Washington gegenüberstand. Diese Entwicklung integrierte den Kaukasus immer stärker in die Sicherheitsbeziehungen des Nahen Ostens und machte es zunehmend schwieriger, die Geopolitik beider Räume zu trennen. Zwar kam es in der Folge des 11. Septembers auf den ersten Blick zu neuen Ad-hoc-Koalitionen, denn Wladimir Putins Entscheidung, den Kampf gegen den internationalen Terrorismus an der Seite der USA zu führen, schien die Achse Russland-Syrien-Iran zu brechen.

Das größte Defizit des Dreiecks war, dass man keinen arabischen Staat einbinden konnte. Mit einem arabischen Teilnehmer wären die Akzeptanz und Handlungsoptionen dieses Bündnisses im Nahen Osten größer gewesen, da sich die Nachbarn nicht bedroht gefühlt oder ihr Heil in einer Achsenbildung mit Russland gesucht hätten. Möglicherweise wäre dem zunehmenden Anti-Amerikanismus und der Radikalisierung Einhalt geboten worden, was wiederum das Bedrohungspotenzial des Nahen Ostens verringert hätte. Zwar sind die Beziehungen zwischen der Türkei und Jordanien traditionell gut, und sie vertieften sich im Laufe der neunziger Jahre auch auf dem militärischen Sektor. Doch der Versuch mit Jordanien scheiterte aufgrund der dortigen innenpolitischen Widerstände und des labilen Hashemitischen Königshauses.

Der Bruch der Dreiecksharmonie kam mit dem Irak-Krieg 2003, da sich die Vorstellungen der drei Partner von einer Nahost-Ordnung in einem fundamentalen Punkt unterschieden: dem kurdischen Nationalismus im Nordirak. Die Ansichten, wie weit dieser Nationalismus gehen sollte, divergierten sehr stark. Für die Türkei war das Hauptanliegen die Wahrung der territorialen Integrität des Iraks, dagegen verfolgten die USA, und im Hintergrund auch Israel, den Sturz Saddam Husseins, wobei ein territorialer Zerfall des Landes zwar offiziell vermieden, dieses Risiko dennoch billigend in Kauf genommen wurde. Ein potenzieller kurdischer Staat wäre für die Türkei eine vitale Bedrohung, für die USA und Israel dagegen ein strategischer Gewinn: Die USA würden einen neuen loyalen kurdischen Verbündeten gewinnen und somit ihren Einfluss auf einen weiteren Stellvertreter ausweiten können; die Macht des arabischen Öl-Giganten wäre gebrochen und damit eine Existenzbedrohung Israels eliminiert. Mit diesen Interessen im Blickfeld wurde bereits Anfang der achtziger Jahre von Ariel Scharon die These eines "kurdischen Staates"[30] aufgestellt, die mit dem Zweiten Golfkrieg 1991 populärer wurde. Nach dem Zweiten Golfkrieg konnte sich im Nordirak mit US-Unterstützung ein "embryonaler Kurdenstaat" etablieren - sehr zum Nachteil der Türkei, eingedenk der Tatsache, dass viele PKK-Militante in das entstandene Machtvakuum eindrangen und lokale Bewegungsfreiheit genossen. Damit bestand bereits seit Beginn der trilateralen Zusammenarbeit ein unüberbrückbarer Interessenkonflikt zwischen den drei Partnern. Zu einer prekären Zuspitzung verbaler Art zwischen dem türkischen Außenminister Gül und israelischen Offiziellen kam es im Mai 2004, als Ankara verkündete, eventuell seine diplomatischen Beziehungen mit den palästinensischen Gebieten auf die Botschafter-Ebene zu heben. Die Antwort aus Tel Aviv kam prompt und nicht weniger drohend: In diesem Falle würde ein israelischer Botschafter nach "Kurdistan", in den weitgehend autonomen kurdischen Nordirak, entsandt.[31]


Fußnoten

26.
Turkish Daily News vom 22. 4. 1998.
27.
Vgl. Margret Johannsen, Neue Allianzen in Nah- und Mittelost, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (1998) 6, S. 670.
28.
Peter Scholl-Latour, Der Fluch des neuen Jahrtausends. Eine Bilanz, München 2002, S. 71.
29.
Ludwig Watzal, Friedensfeinde. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina in Geschichte und Gegenwart, Berlin 1998, S. 221.
30.
Harun Yayha, Israil'in Kürt Karti. Israil'in Ortadogu Stratejisi ve "Kürt Devleti" Senaryolari (Die Kurden-Karte Israels. Die Nahost-Strategie Israels und Szenarien eines "Kurden-Staates"), Istanbul 2002, S. 155. Der langjährige Washington-Korrespondent der Zeitung Cumhuriyet, Ufuk Güldemir, schrieb am 17. Juli 1992 in dieser Zeitung: "In den letzten Tagen wird in Washington sehr viel von einer These gesprochen, deren geistiger Vater der israelische Politiker Ariel Scharon war, die aber im Laufe der Zeit von Akademikern und Strategen weiter entwickelt und ausgefüllt wurde, und mit der sich bestimmte Kreise in den USA besonders beschäftigen: die These eines kurdischen Staates. Das stimmt, einer der ersten Architekten der These eines kurdischen Staates war Ariel Scharon. Treffender gesagt, Scharon war derjenige, der in den achtziger Jahren dieses Projekt in die höchsten Kreise in Israel getragen hat." (S. 155).
31.
Vgl. Neue Zürcher Zeitung (NZZ) vom 27. 5. 2004 sowie Haaretz vom 31. 5. 2004 (http://www.haaretzdaily.com/hasen/objects/pages/PrintArticleEn.jhtml?itemNo=431877).