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23.7.2004 | Von:
Ludwig Heuwinkel

Zeitprobleme in der Beschleunigungs- Gesellschaft

Es wird die Entwicklung der Zeitgeschichte vom Mittelalter bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts skizziert. Während noch bis zum Spätmittelalter das Prinzip der Langsamkeit herrschte, sind moderne Gesellschaften durch Beschleunigungsprozesse gekennzeichnet.

Einleitung*

Zeit ist ein Phänomen, das die Menschen während ihres gesamten Lebens begleitet. Sie ist - neben dem Raum - Grundbedingung allen Lebens und die wertvollste Ressource des Menschen. Ein Leben ohne Zeit ist schlechterdings nicht vorstellbar. Zeit kann man auch im Gegensatz zu anderen ökonomischen Ressourcen nicht anhäufen und ansparen. Wer heute bei der Arbeit eine Stunde "einspart", hat morgen nicht 25 Stunden zur Verfügung. Die hohe Bedeutung der Zeit kommt auch darin zum Ausdruck, dass Zeit als das in Gesprächen am häufigsten verwendete Hauptwort gilt. Es ist daher nahe liegend, sich mit dem Umgang mit der Zeit bzw. mit Zeitproblemen näher zu beschäftigen. Im Folgenden soll ein Abriss der Geschichte der Zeit vom Mittelalter bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts gegeben werden.






* Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen stark gekürzten und überarbeiteten Auszug aus der Einleitung zur folgenden Veröffentlichung: Ludwig Heuwinkel, Umgang mit Zeitproblemen,Schwalbach/Ts. 2004 (in Vorbereitung).

Geschichte der Beschleunigung

Während noch bis zum Spätmittelalter das Prinzip der Langsamkeit herrschte, wurden durch das Bevölkerungswachstum um die Mitte des zweiten Jahrtausends erste Beschleunigungsprozesse ausgelöst."[1] So erhöhte sich die Zahl der Bevölkerung in Europa von rund 50 Millionen Mitte des 15. Jahrhunderts auf etwa 105 Millionen ein Jahrhundert später. Mit dem Städtewachstum wurde eine bessere Koordinierung des Alltags- und insbesondere des Wirtschaftslebens unumgänglich. Im Zuge der sich verändernden Wirtschaftsstrukturen entwickelten sich in den Städten neue Formen des Handels. Vor allem die Fernkaufleute waren bei der Bereitstellung von - zum Teil verderblichen - Waren auf schnellere Transportzeiten angewiesen. Aus Kostengründen hatten sie ein starkes Interesse daran, die Transport- und Informationszeiten zu verringern. Mit verbesserten Transportwegen und einem schnelleren Informationswesen (Kaufmanns- und Postboten, Postkutschen) konnten sie gegenüber ihren Konkurrenten bestehen und ihre Kunden zufrieden stellen.

Während sich das Leben in den Dörfern weiterhin an den Rhythmen der Natur (Wechsel der Jahreszeiten, Tag-Nacht-Rhythmus) orientierte, wurden die Städte zum Ausgangspunkt eines dynamischen und beschleunigten Lebens: Die Städter leisteten einen wesentlichen Beitrag zum Übergang vom Natur- zum Kulturzustand. Es waren, so Peter Borscheid, an erster Stelle die Großkaufleute, die in ihrem Bemühen um geschäftlichen Erfolg und um Vervollkommnung ihrer Geschäftstechniken die Zeit als zentrales Element der Ökonomie entdeckten. Sie waren es auch, "die in ihren Geschäftsverträgen der Zeit eine neue Bedeutung zuerkennen"[2]. Nach Überzeugung des französischen Philosophen Paul Virilio ist die Geschwindigkeit nicht primär in der Stadt, sondern - zur Überwindung der räumlichen Distanzen - zwischen den Städten entstanden.[3]

Ein weiterer bedeutsamer Schritt auf dem Weg zur heutigen Beschleunigungsgesellschaft erfolgte in der Epoche der Aufklärung.[4] Mit der Aufklärung verlieren religiöse Vorstellungen über einen auf ein festes Endziel (telos) ausgerichteten Geschichtsverlauf an Bedeutung. Der "aufgeklärte" Mensch erfährt den Wandel der Welt als herausforderndes Schicksal und als Potenzial, das es zu nutzen gilt. Die Vergangenheit wird zunehmend als Beengung empfunden, die Gegenwart als Durchgangsstadium betrachtet und die Zukunft "als offener Horizont, als Möglichkeitsraum"[5] erlebt; als Projektionsfläche erfährt sie eine beispiellose Aufwertung.

Mit dem Wirtschaftsliberalismus, der als ökonomisches Gegenstück zur philosophisch-politischen Aufklärung anzusehen ist, wurde es möglich, den neuen Gestaltungsspielraum zu nutzen. Adam Smith (1723 - 1790), der bedeutendste Begründer des Wirtschaftsliberalismus, hat den Weg für einen zunehmenden materiellen Güterwohlstand gewiesen.[6] Ausgehend von seinem Menschenbild, wonach der Mensch von Natur aus egoistische Ziele verfolge, entwarf Smith ein auf privatwirtschaftliche Interessen ausgerichtetes Wirtschaftssystem. Nicht von der uneigennützigen Nächstenliebe gehe der Wohlstand aus, sondern von dem auf Eigennutz bedachten, rational handelnden Unternehmer. Dieser werde angesichts des Ziels einer langfristigen Gewinnmaximierung gute Qualität zum günstigen Preis anbieten müssen, andernfalls werde er aufgrund der herrschenden Konkurrenz vom Markt verdrängt.

Im Wirtschaftsliberalismus wurzeln die Ursachen für die sich bis heute dynamisierenden Beschleunigungsprozesse in allen fortgeschrittenen marktwirtschaftlichen Gesellschaftssystemen. Denn im Kapitalismus verschwindet jede natürliche Produktionsgrenze, wie sie in früheren gesellschaftlichen Epochen, in denen überwiegend für den jeweiligen Bedarf produziert wurde, gegeben war. Gewinnmaximierung lässt sich langfristig nur dadurch garantieren, dass die Unternehmen ihre Produktion ausweiten und/oder die menschliche Arbeitskraft effizienter ausnutzen.

Folgen der Beschleunigung

Eine Folge der am Gewinn orientierten privatwirtschaftlichen Produktionsweise ist der stetige Fortschritt der technischen Entwicklung. Technologischer Vorsprung garantiert einen zusätzlichen Gewinn. Daher werden technische Anlagen häufig schon durch leistungsfähigere ersetzt, bevor sie verschlissen sind. Es findet ein Wettlauf um die Pionierposition statt. "Mittlerweile hat die Epidemie des Zeitwettbewerbs auf so viele Branchen übergegriffen und eine solche Dynamik erreicht, dass Zeit bzw. Geschwindigkeit neben den klassischen Differenzierungsinstrumenten - dem Preis und der Qualität - von vielen nicht nur als gleichwertiger Faktor angesehen wird, sondern oft als die im Moment wichtigste und hervorstechendste Quelle zur Gewinnung von Konkurrenzvorteilen bezeichnet wird."[7] Dies lässt sich am Beispiel der Verkürzung der Produktlebenszyklen zeigen - man denke etwa an den raschen Modellwechsel in der Automobilbranche. Damit sind zwangsläufig kürzere Entwicklungszeiten verbunden. Eine negative Folge ist unter anderem die steigende Zahl von Rückrufaktionen. Betroffen sind davon so unterschiedliche Produkte wie Autos, Haushaltsgeräte und Kinderspielzeug. Probleme gibt es auch bei Medikamenten, die in zu kurzer Zeit unzureichend getestet wurden.

In marktwirtschaftlichen Gesellschaften ist sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite eine Beschleunigung festzustellen: Einer stetigen Erweiterung und Erneuerung des Güterangebots steht eine steigende Nachfrage nach immer aktuelleren Gütern gegenüber. Mit differenzierten Marketingstrategien sorgen die Unternehmen zudem für entsprechend kurze Zyklen. Hierunter fällt auch, dass die Zeit der Haltbarkeit von Produkten verkürzt wird, indem beispielsweise so genannte "Sollbruchstellen" eingebaut werden. Auf diese Weise wird die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen auf dem Markt erhöht: Die Unternehmergewinne steigen weiter an.[8]

Neben den skizzierten Beschleunigungsprozessen, die alle privatwirtschaftlich organisierten Wirtschaftssysteme kennzeichnen, finden auch in anderen Bereichen weitreichende, ökonomisch bedingte Beschleunigungsprozesse statt, etwa beim Rohstoffverbrauch, im Verkehr und bei der Kommunikation. Die Gesellschaft ist insgesamt betroffen: Familie, Freizeit, Bildungs- und Gesundheitswesen sind einem immer schnelleren sozialen Wandel unterworfen, der weitestgehend durch ökonomische Faktoren bedingt ist. So erfordern beispielsweise die Veränderungen in der Arbeitswelt eine möglichst rasche Anpassung der beruflichen Ausbildung und die grundsätzliche Bereitschaft aller Erwerbspersonen zu lebenslangem Lernen. Umgekehrt werden durch wissenschaftliche und technische Entwicklung sowie durch veränderte Freizeitgewohnheiten zusätzliche Beschleunigungseffekte im Produktionssektor ausgelöst, da eine schnelle Reaktion auf derartige Veränderungen zusätzliche Gewinne verspricht.

Die Auswirkungen der gesamtgesellschaftlichen Beschleunigungsprozesse lassen sich wie folgt bilanzieren:

Positive Folgen der Beschleunigung

- höherer materieller Wohlstand; bessere Versorgung mit preiswerten Massenkonsumgütern;

- Erweiterung der Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten;

- grundsätzliche Erweiterung individueller und gesellschaftlicher Optionen.

Negative Folgen der Beschleunigung

- wachsender Zeitdruck und Zeitstress;

- psychische und physische Erkrankungen; Gefühl der Überforderung;

- Verunsicherung angesichts des beschleunigten sozialen Wandels über die individuelle und gesellschaftliche Zukunft.

Zeitbewusstsein im Wandel

In den älteren Kulturen wurde die Zeiterfahrung fast ausschließlich über exogene Zeitgeber beeinflusst. Im alten Ägypten waren vier solcher Zeitgeber aus der Naturzeit für die Zeiterfahrung der Menschen konstitutiv. Die Einteilung des Tages richtete sich nach dem Lauf der Sonne; zur Terminierung bestimmter religiöser Feste dienten die Zyklen des Mondes, und der Beginn eines neuen Wirtschaftsjahres wurde durch die jährlich wiederkehrende Nilüberschwemmung definiert. Am ersten Tag der Nilüberflutung erstrahlte zugleich Sirius, der vierte exogener Zeitgeber, als hellster Fixstern am Morgenhimmel vor der Sonne im Osten.

Heute ist die Abhängigkeit von natürlichen Zeittaktgebern, beispielsweise vom Tag-Nacht-Rhythmus, nur noch gering. Sie hat sich mit der Erfindung der Glühbirne durch Edison sowie durch moderne Heizsysteme deutlich reduziert. Zusätzlich erfordern die weltumspannenden Informations- und Kommunikationssysteme, die heute für die Beschleunigung nicht nur in der Arbeitswelt verantwortlich gemacht werden, eine kontinuierliche 24-Stunden-Präsenz in vielen international tätigen Unternehmen. Und all die großen Finanzinstitute und die privaten Börsenspekulanten, die auf den sich in den letzten Jahren geradezu explosionsartig expandierenden Finanzmärkten viel Geld verdienen wollen, dürfen sich von der jeweiligen Ortszeit nicht einengen lassen. Die von Nicolas Hayek jun., dem Sohn des Präsidenten der Uhrenfirma "Swatch", angeregte "Revolte gegen die Zeit" würde eine noch weiter gehende Loslösung der sozialen Zeit von den vorgegebenen Naturzeiten bedeuten. Hayek schlägt vor, angesichts der zunehmenden internationalen Vernetzung eine einheitliche Internetzeit einzuführen, welche das bisher gültige Zeitzonenmodell aus dem Jahre 1984 ablösen soll. Der Tag wird hiernach in 1 000 "Beats" bzw. Schläge eingeteilt.

Dem stehen die in vielen Regionen ungebrochenen Traditionen gegenüber, welche in der Regel an bestimmte Zeiten im Jahresablauf geknüpft sind, z.B. Ernte- oder Faschingsfeste. Die regelmäßige Wiederkehr der Jahreslaufbräuche und der religiösen Festtage führt zu einer Strukturierung der Zeit: Die Bräuche "strukturieren das Zeitkontinuum im Jahreslauf. Damit bedienen sie das Bedürfnis nach Ordnung und ermöglichen zyklische Strukturen, die der Mensch offenbar benötigt"[9]. Einschränkend sei darauf verwiesen, dass einige dieser Feste heute überwiegend nur noch eine folkloristische und fremdenverkehrsfördernde Funktion haben.

Allgemeine Zustimmung findet die Feststellung, dass die Menschen früher durch die stärkere Orientierung an Naturrhythmen ein eher zyklisches Zeitbewusstsein besaßen. Das Alltagsleben wurde durch die unterschiedlichen Jahreszeiten geprägt. Die Sorge um gute Ernten und das oft durch widrige klimatische Verhältnisse verschärfte Problem der Vorratshaltung waren eng mit dem Zyklus der vier Jahreszeiten verknüpft. Jedoch zeigen die Auseinandersetzungen in antiken Mythen mit der Frage nach Anfang und Ende der Erde und die auch für die Jahrtausende vor dem Beginn unserer Zeitrechnung nachgewiesenen Reflexionen der Menschen über die Frage des individuellen Todes, dass es auch in früheren Zeiten bereits zukunftsgerichtete, lineare Zeitvorstellungen gab.

Die Behauptung vieler Zeitforscher, erst mit dem Christentum und den damit verbundenen alttestamentarischen Schilderungen vom Schöpfungsakt Gottes und den eschatologischen Vorstellungen sei eine lineare Zeitauffassung nachweisbar, ist vor diesem Hintergrund sicherlich überzogen. Verallgemeinerungsfähig ist lediglich die Aussage, dass frühere Kulturen sich durch ein stärker zyklisches - im Gegensatz zum heute vorherrschenden linearen - Zeitbewusstsein auszeichneten. Doch die durch den starken Glauben an einen stetig steigenden technischen Fortschritt begründete, heute vorherrschende lineare Zeitvorstellung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass natürliche Zeitrhythmen und die regelmäßige Wiederholung von Ereignissen und Festtagen und letztendlich die Vorstellungen von einer Wiedergeburt auch heute noch auf die andauernde Wirksamkeit zirkulärer Zeitvorstellungen verweisen.

Geschichte der Zeitmessung und ihre sozialen Folgen

Mit dem Beginn der Zeitmessung haben sich das Zeitbewusstsein und der Umgang mit der Zeit entscheidend verändert. Schon in der mesopotamischen Kultur sowie in den alten Kulturen Chinas und Ägyptens wurden komplexe Kalenderberechnungen angestellt, in denen u.a. differenzierte Lösungen für das Problem gefunden worden sind, dass das aus zwölf Mondumläufen bestehende Mondjahr (354 Tage, 8 Stunden und 48 Minuten) und die Umlaufzeit der Erde um die Sonne (365 Tage, 5 Stunden und 48 Minuten und 46 Sekunden) nur schwer in einem Kalender in Einklang gebracht werden können. Rechnerisch waren die Kalenderberechnungen in den antiken Kulturen, die vor etwa 5 000 Jahren zeitgleich mit der Entwicklung von Schrift- und Ziffernsystemen erstellt worden sind, erstaunlich genau. Und auch für die unterschiedliche Länge von etwa elf Tagen zwischen einem Mond- und einem Sonnenjahr wurden vielfältige komplexe Lösungen gefunden. Die Ägypter führten z.B. ein abstraktes Sonnenjahr mit zwölf Monaten zu je 30 Tagen ein. Die verbliebenen fünf Tage wurden - wie Plutarch berichtet - aber ebenfalls berücksichtigt und Ra, dem Gott der Sonne, geschenkt.

Der von Papst Gregor XIII. 1582 n. Chr. eingeführte Kalender, der den von Julius Caesar im Jahre 46 v. Chr. eingeführten julianischen Kalender reformierte, bezieht sich auf das Sonnenjahr. Da aber die Zeitdauer des natürlichen Jahres nicht genau einer bestimmten Anzahl ganzer Tage entspricht, wird im gregorianischen Kalender in allen Jahren, die durch vier teilbar sind, der 29. Februar als Schalttag eingefügt. Das Schaltjahr zählt 366 Tage. Die noch bestehende Ungenauigkeit wird dadurch weiter verringert, dass es in den Jahren, die sich zwar durch 100, nicht aber durch 400 teilen lassen, keine Schalttage gibt.

Ein besonderes Interesse an einer möglichst genauen Tageszeitmessung hatten schon sehr frühzeitig die Klöster. Viele Ordensregeln schrieben einen verbindlichen Tagesablauf von klösterlichen Diensten vor. Der Müßiggang galt als der Feind der Seele. Zur nächtlichen Zeitmessung diente zunächst das jeweils von einem Mönch überwachte Abbrennen von Kerzen. Um eine genauere Zeitmessung realisieren zu können, wurden vor allem in den Klöstern schon früh einfache mechanische Uhren konstruiert; der Erfinder der ersten mechanischen Uhr ist bis heute nicht bekannt. Nach übereinstimmender Meinung von Historikern tauchten erste mechanische Uhren zwischen 1270 und 1300 auf; sie waren nach einem völlig neuen technischen Prinzip entwickelt worden: Räderuhren mit Gewicht und Hemmung. "Die Räderuhr war von Beginn an Zeichen und Instrument eines neuen, linear-dynamischen, quantifizierenden, planenden, auf Nützlichkeit ausgerichteten Zeitbewusstseins, das die europäische Geschichte, und nicht nur diese, bis heute prägt. Die Uhr wurde zum Planungs-, Koordinierungs- und Kontrollinstrument schlechthin in der noch immer auf Beschleunigung angelegten Lebens- und Arbeitswelt in der Gegenwart."[10]

Mit dem Aufkommen der ersten Manufakturen und Fabriken kam der Uhrzeit eine bis dahin nicht gekannte Bedeutung zu. Die zunehmende betriebliche Arbeitsteilung, die Adam Smith in seinem berühmten Beispiel der Produktion von Stecknadeln anschaulich beschrieben hat,[11] erforderte eine stärkere Synchronisation der Arbeitsabläufe, insbesondere auch einen gemeinsamen pünktlichen Arbeitsbeginn. Oft verboten die Fabrikbesitzer private Uhren, es galt nur die von der Fabrikuhr angezeigte Zeit; nicht selten wurde so eine Verlängerung der Arbeitszeiten manipuliert. Die bis dahin gültige aufgabenorientierte Arbeit schlug nun in zeitlich bemessene Arbeit um. Die Zeit darf nicht mehr ungenutzt verstreichen, sondern sie wird zielgerichtet für bestimmte Zwecke eingesetzt. Ab jetzt galt die vom amerikanischen Präsidenten Benjamin Franklin (1706-1790) geprägte Devise: "Zeit ist Geld!"

Um die für die angestrebte Produktionssteigerung erforderliche Arbeitsdisziplin durchzusetzen, erließen die Werksbesitzer vielfältige Anordnungen. Ein anschauliches Beispiel hierzu ist das "Gesetzbuch" der englischen Crowley-Eisenwerke aus dem Jahre 1700: "Um Faulheit und Schändlichkeit aufzudecken und die Guten und Fleißigen zu belohnen, hielt ich es für angemessen, durch einen Aufseher einen Zeitplan aufstellen zu lassen und Ordnung zu schaffen, und so sei bekannt gemacht, dass es von 5 bis 8 und von 7 bis 10 fünfzehn Stunden sind, von denen 1,5 für Frühstück, Mittagessen usw. abgezogen werden. Das bedeutet 13,5 Stunden exakte Arbeit."[12]

Die Verbreitung der Uhren verlief nach den in der Literatur auffindbaren Angaben regional sehr unterschiedlich. In einigen Regionen verbreiteten sich die Turmuhren ab dem 16. Jahrhundert. Dagegen gab es in ärmeren Gegenden auch in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts erst vereinzelt Turmuhren. Für die Reichen in Stadt und Land waren Uhren über Jahrhunderte hinweg ein wichtiges Statussymbol. Eine größere Verbreitung in immer mehr privaten Haushalten ist seit dem Ende des 18. Jahrhunderts festzustellen, als die robuste und ungewöhnlich preiswerte Schwarzwalduhr in großen Stückzahlen hergestellt wurde. Die sich rapide ausbreitende Präsenz der Zeit wurde nochmals gesteigert durch die Armbanduhr, die Ende des 19. Jahrhunderts zunächst für militärische Zwecke hergestellt wurde. Während sich im Mittelalter die Ritter und Soldaten von mitgebrachten Hähnen für den Kampf wecken ließen,[13] war in den Schützengräben und auf den Schlachtfeldern des industriell geführten Ersten Weltkrieges eine schnelle und präzise Koordinierung und Synchronisierung erforderlich. Die Armbanduhr bewährte sich hier genauso wie in den Fabriken.

Mit der Erfindung der Quarzuhr 1929 wurde ein großer Technologiesprung in der Zeitmessung vollzogen. Noch genauer messen die modernen Atomuhren die Zeit. Die charakteristischen Eigenschwingungen eines Atoms oder eines Moleküls steuern hier den Gang der Uhr. Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig ist laut Zeitgesetz aus dem Jahre 1978 damit beauftragt, die für das öffentliche Leben in Deutschland maßgebende Uhrzeit anzugeben. Hierfür hat sie vier Caesium-Atomuhren CS1 bis CS4 entwickelt und gebaut, die zu den genauesten Uhren der Welt gehören. Für den Verlauf von einer Million Jahren ist eine Zeitabweichung von weniger als einer Sekunde errechnet worden. Von Bedeutung ist eine derartig genaue Zeitbestimmung insbesondere für Telefon- und Fernsehgesellschaften und auch für Satelliten-Navigationssysteme. Bei Letzteren hat eine Ungenauigkeit von einer Milliardstel Sekunde einen Fehler in der Positionsbestimmung von etwa 30 Zentimetern zur Folge. Dies entspricht der Strecke, die Licht in dieser Zeit zurücklegt.

Zeiterleben

Auch wenn die technischen Möglichkeiten zu immer präziseren Zeitmessungen geführt haben, erleben die Menschen die Länge der Zeit subjektiv unterschiedlich. Eine durch zahlreiche spannende und abwechslungsreiche Ereignisse - etwa einen aufregenden Film - ausgefüllte Zeit wird als sehr viel kürzer empfunden als eine ereignisarme Zeit. Im letzteren Fall scheint sich die Zeit endlos zu dehnen. Dass das Zeiterleben auch davon abhängig ist, ob eine Situation als angenehm oder unangenehm empfunden wird, hat der Zeitforscher Karlheinz A. Geißler an Hand eines einprägsamen Beispiels illustriert: "Es kommt darauf an, auf welcher Seite der Klotür man sich befindet, um eine Minute als schnell oder langsam vergehend zu erleben. Für die, die davor stehen, und nicht hineinkönnen, vergeht eine Minute langsam. Für diejenigen, die jenseits der Türe ihren Platz gefunden haben, spielt die Zeit keine Rolle. Sie sitzen auf der zeitlosen Seite. Schön für sie!"[14] Auch Albert Einstein ist bei der Ausarbeitung seiner Relativitätstheorie auf das Phänomen des variierenden Zeiterlebens gestoßen: "Wenn man mit einem netten Mädchen zwei Stunden zusammen ist, hat man das Gefühl, es seien zwei Minuten; wenn man zwei Minuten auf einem heißen Ofen sitzt, hat man das Gefühl, es seien zwei Stunden. Das ist Relativität."[15] Psychologen haben für dieses Phänomen den Begriff der "antihedonistischen Tendenz der Zeit"[16] geprägt. Damit weisen sie darauf hin, dass sich das Erleben der Zeit entgegengesetzt zu den Wünschen verhält: "Gerade dann, wenn wir die Zeit am liebsten aufhalten würden, saust sie uns durch die Finger, während sie umgekehrt um so langsamer dahinkriecht, je größer unser Wunsch ist, sie möge schnell vergehen."[17]

Anhand des Film-Beispiels lässt sich ein weiteres Zeitphänomen veranschaulichen, welches sicherlich vielen vertraut ist: Der wenig unterhaltsame Film, bei dem der Zuschauer zunächst das Gefühl hat, als dauere er sehr lange, erscheint im Rückblick eher als kurz. Und umgekehrt wird der interessante und anregende Film, bei dem die Zeit als schnell vergehend erlebt wird, im Nachhinein als eher lang oder nachhaltig empfunden. Ein ähnliches Zeiterleben werden viele Schülerinnen und Schüler auch beim Vergleich eines Schultages mit einem Disco-Besuch bestätigen; oder auch bei einem Vergleich zwischen einem zweiwöchigen Krankenhausaufenthalt mit einer gleich langen Urlaubsreise ist das hier beschriebene Zeiterleben festzustellen. Dieses gegensätzliche Verhältnis von aktuellem Zeiterleben und retrospektiver Zeiterinnerung bezeichnet man in der Psychologie als "subjektives Zeit-Paradoxon".[18]

Resümee

Die Auseinandersetzung mit Zeitproblemen kann sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft - im Hinblick auf die Lösung gesamtgesellschaftlicher Probleme - hilfreich sein. Der oder die Einzelne wird angeregt, über den individuellen Umgang mit der Zeit nachzudenken sowie sich mit Fragen des Zeitbewusstseins und -erlebens intensiver auseinander zu setzen, und somit zu einem zufrieden stellenden Verhältnis zwischen Arbeit (auch Schule und Studium) und Freizeit zu gelangen. Hierdurch ergeben sich u.a. neue Möglichkeiten für kreative und kulturelle Aktivitäten. Voraussetzung dafür ist die Entwicklung von Zeitsouveränität und Zeitkompetenz: Dafür sind "Rhythmen aller Art ... von besonderer Bedeutung. Das Erkennen unserer Eigenzeiten ebenso. Timing, angemessene Geschwindigkeiten, Umgehen können mit Unsicherheit, sich konzentrieren können auf die Gegenwart, den Augenblick und planen können für die Zukunft, dies sind nur einige der weiteren Stichworte hierfür. Gestaltung von Anfängen, Abschlüssen, Pausen, Wiederholungen und Gleichzeitigkeit sind andere Stichworte. Besonders schwer fällt vielen von uns heute, auf der einen Seite aktiv sein zu können und auf der anderen Seite etwas lassen zu können und zu entspannen."[19]

Auf einer mittleren Ebene können soziale Aspekte thematisiert werden. Hierzu sollte verdeutlicht werden, dass soziale Beziehungen sich häufig nicht mit dem Streben nach Beschleunigung vereinbaren lassen. Erziehungs- und Pflegearbeit, soziale Kontakte und nicht zuletzt Liebesbeziehungen benötigen Zeit. Und nur wenn genügend Zeit hierfür zur Verfügung steht, kann die jeweilige Tätigkeit bzw. Beziehung als erfüllte Zeit erlebt werden.

Der gesellschaftliche Nutzen, der aus der Beschäftigung mit Zeitproblemen gezogen werden kann, könnte darin bestehen, dass durch das Bewusstwerden der negativen Folgen der vielfältigen gesellschaftlichen Beschleunigungsprozesse (z.B. Ressourcenabbau und Gefahr der gesellschaftlichen Spaltung in Beschleunigungsgewinner und -verlierer) ein Anstoß gegeben wird, an politischen Veränderungsprozessen mitzuwirken. Die Mitarbeit in entsprechenden Initiativen und die Unterstützung zur Umsetzung des Konzeptes der Nachhaltigkeit können dabei konkrete Schritte sein.[20]

Nützliche Internetadressen

www.bumerang-prinzip.de
www.eigenzeit.de
www.flexible-unternehmen.de
www.slowfood.de
http://www.zeitverein.com/ (Verein zur Verzögerung der Zeit)
www.zeitökologie.de
www.zeitpolitik.de

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Fußnoten

1.
Vgl. zu den nachfolgenden Ausführungen: Peter Borscheid, Das Tempo-Virus. Eine Kulturgeschichte der Beschleunigung, Frankfurt/M. 2004, S. 33 ff.
2.
Ebd., S. 35.
3.
Vgl. Paul Virilio, Revolutionen der Geschwindigkeit, Berlin 1993, S, 24.
4.
Sie lässt sich am prägnantesten durch die oft zitierten Einleitungssätze aus Immanuel Kants kleiner Schrift "Was ist Aufklärung?" (1783) charakterisieren: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht im Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! (Wage es, weise zu sein!) Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung." Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? in: Werke in zwölf Bänden, hrsg. von Wilhelm Weischedel, Bd. XI, Frankfurt/M. 1977, S. 5 (Hervorhebung im Original).
5.
Michel Baeriswyl, Chillout. Wege in eine neue Zeitkultur, München 20012, S. 10.
6.
Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen, München 1978 (Erstausgabe 1776).
7.
Klaus Backhaus/Kai Gruner, Epidemie des Zeitwettbewerbs, in: Klaus Backhaus/Holger Bonus (Hrsg.), Die Beschleunigungsfalle oder der Triumph der Schildkröte, Stuttgart 19983, S. 112f.
8.
Vgl. Fritz Reheis, Die Kreativität der Langsamkeit. Neuer Wohlstand durch Entschleunigung, Darmstadt 19982, S. 64ff.
9.
Wolfgang Seidenspinner, Jahreslauf und Volksbräuche, in: Staatliche Museen Kassel (Hrsg.), Geburt der Stunde (Ausstellungskatalog), Wolfratshausen 1999, S. 72.
10.
Gerhard Zweckbronner, Von der klösterlichen Zeitordnung zum öffentlichen Stundentakt; in: Staatliche Museen Kassel (Anm. 9), S. 17.
11.
Vgl. A. Smith (Anm. 6), S. 9f.
12.
Edward P. Thompson, Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus, in: ders. (Hrsg.), Plebejische Kultur und moralische Ökonomie. Aufsätze zur englischen Sozialgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1980, S. 50.
13.
Vgl. Helga Nowotny, Eigenzeit. Entstehung und Strukturierung eines Zeitgefühls, Frankfurt/M. 1989, S.26.
14.
Karlheinz A. Geißler, Wart mal schnell. Minima Temporalia, Stuttgart 2002, S. 35. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von Karlheinz A. Geißler in diesem Heft.
15.
Albert Einstein, zitiert nach: Robert Levine, Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit Zeit umgehen, München 1999, S. 58.
16.
Arnold Hinz, Psychologie der Zeit. Umgang mit der Zeit, Zeiterleben und Wohlbefinden (Internationale Hochschulschriften, Bd. 329), Münster 2000, S. 84.
17.
Ebd., S. 83f.
18.
Ebd., S. 92.
19.
Martin Held, Zeitkompetenz und Zeitpolitik im Umgang mit Zeitproblemen, in: Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik (Hrsg.), Zeit für Zeitpolitik, Bremen 2003, S. 106.
20.
Konkrete Vorschläge zum Handeln, u.a. auch zur Mitarbeit in Initiativen wie "Slow Food", dem "Verein zur Verzögerung der Zeit", in kirchlichen Organisationen oder in der "Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik" finden sich in: Fritz Reheis, Entschleunigung. Abschied vom Turbokapitalismus, München 2003, S. 189ff. Vgl. auch Ludwig Heuwinkel, Umgang mit Zeitproblemen, Schwalbach/Ts. 2004 (in Vorbereitung), Kapitel 6.