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2.7.2004 | Von:
Alexander Reinberg
Markus Hummel

Fachkräftemangel bedroht Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft

Entwicklung des Arbeitskräfteangebots

Damit stellt sich die Frage, inwieweit die Entwicklung auf der Seite des qualifikationsspezifischen Arbeitsangebots mit dieser Dynamik auf der Bedarfsseite Schritt halten kann. Und genau an dieser Stelle ist Skepsis angebracht, und zwar nicht nur wegen der demografischen Entwicklung, sondern ebenso aufgrund der Qualifikationstrends in der Bevölkerung.

Demografische Entwicklung als quantitative Rahmenbedingung

Der langfristige Trend einer zunächst alternden und anschließend stark schrumpfenden Bevölkerung in Deutschland ist praktisch irreversibel. Selbst ein deutlicher Anstieg der Geburtenraten - wofür derzeit allerdings nichts spricht - oder Zuwanderung in wirtschaftlich und gesellschaftlich vertretbarer Größenordnung können diesen Trend bestenfalls bremsen, nicht aber stoppen. Darüber sind sich praktisch alle bevölkerungswissenschaftlichen Modellrechnungen einig (vgl. Abb.4, s. PDF).

Langfristig gesehen steht einer steigenden Zahl an älteren Menschen ein demografischer Abwärtstrend bei den nachrückenden jungen Generationen gegenüber. Dieser Prozess wird nicht erst künftig einsetzen - er ist vielmehr bereits in vollem Gang.

Die Qualifizierungstrends in der Bevölkerung

Nun limitiert die demografische Entwicklung zwar den Umfang des qualifizierten Arbeitskräftenachwuchses. Innerhalb bestimmter Grenzen können sinkende Jahrgangsstärken aber durch erhöhte Qualifizierungsanstrengungen ausgeglichen werden. In der Tat hat die Bildungsexpansion den Strukturwandel hin zu immer anspruchsvolleren Arbeitsplätzen über lange Zeit hinweg entscheidend gestützt. Seit Beginn der neunziger Jahre ist die Bildungsexpansion von einst jedoch weitgehend zum Stillstand gekommen.

Anhaltspunkte hierfür lassen sich sowohl im allgemeinen wie im beruflichen Bildungswesen finden. Leider fehlt hier der Raum, um näher darauf einzugehen.[4] Die Bildungsstagnation kommt aber auch in der Qualifikationsentwicklung der Bevölkerung zum Ausdruck, denn diese ist ja im Wesentlichen nichts anderes als das Resultat vergangenen Bildungsgeschehens (vgl. Abb.5, s. PDF).

Bis Anfang der neunziger Jahre verringerten sich die Anteile der Ungelernten in der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter massiv, während umgekehrt die beruflich qualifizierten Bevölkerungsanteile deutlich gestiegen sind. Seit Beginn der neunziger Jahre ist hier - abgesehen vom weiteren Anstieg der Akademikerquoten - eine gewisse Stagnation unübersehbar. Seither besitzt etwa ein Drittel der westdeutschen Bevölkerung (im erwerbsfähigen Alter) keinen Berufsabschluss.

Das verbesserte Qualifikationsniveau der westdeutschen Bevölkerung fußt ganz entscheidend auf den verstärkten Bildungsanstrengungen der Frauen. Der Anteil ungelernter Frauen ging massiv zurück, während im Gegenzug immer mehr Frauen einen Berufsabschluss erwarben. Im Bereich der Hochschulausbildung besteht für Frauen zwar nach wie vor Nachholbedarf. Allerdings dürften gerade die jungen Frauen auch in dieser Hinsicht künftig weiter aufholen, denn sie haben die Bildungsdefizite gegenüber den Männern in den letzten Jahrzehnten nicht nur verringert, sondern die jungen Männer in weiten Bereichen der allgemeinen wie beruflichen Bildung bereits überholt.

Besonders deutlich kommt die Bildungsstagnation in den altersspezifischen Qualifikationsentwicklungen zum Ausdruck, insbesondere bei den jüngeren Bevölkerungsgruppen (vgl. Abb.6, s. PDF).

Zwar darf der Anstieg der "Ungelerntenanteile" bei den 15- bis 24-Jährigen nicht überinterpretiert werden, weil sich ein Großteil dieser Jugendlichen noch in Ausbildung befindet und einen Berufsabschluss erst noch anstrebt. Dennoch hatten im Jahr 2000 ca. 15 Prozent dieser jungen Bevölkerungsgruppe das Ausbildungssystem bereits verlassen, und viele von ihnen werden wohl auch langfristig ohne Berufsabschluss bleiben.

Die 25- bis 34-Jährigen haben ihre berufliche Erstausbildung meist bereits abgeschlossen. Wer noch in Ausbildung ist, studiert in aller Regel. Zwar ist der Akademikeranteil in dieser Altersgruppe gegenüber 1990 noch einmal gewachsen, Was die beiden anderen Qualifikationsebenen anbelangt, stagnieren die langfristigen Trends allerdings seit Beginn der neunziger Jahre: Die "Ungelerntenanteile" verharren seither auf einem Niveau von gut 20 Prozent. Die Quoten der mittleren Qualifikationsebene sind zwischen 1991 und 2000 sogar leicht gesunken.

Umgekehrt hat sich das Qualifikationsniveau der Bevölkerung mittleren und höheren Alters deutlich erhöht. Von allen hier betrachteten Altersgruppen sind die 35- bis 49-Jährigen mittlerweile die am besten Qualifizierten. Selbst die 50- bis 64-Jährigen sind heute im Gegensatz zu früher kaum noch schlechter qualifiziert als die 25- bis 34-Jährigen.

Diese Befunde widersprechen der weit verbreiteten Vorstellung einer quasi naturwüchsig anhaltenden Bildungsexpansion. Die Annahme, dass besser qualifizierte jüngere Generationen an die Stelle schlechter qualifizierter älterer treten werden, trifft heute immer weniger zu.

Es waren gerade die geburtenstarken Jahrgänge der fünfziger und sechziger Jahre, deren Ausbildungsphase bereits in die Zeit der Bildungsexpansion fiel und die von den reichhaltigen Qualifizierungsangeboten auch Gebrauch machten. Sie sind heute mittleren Alters, stellen bereits einen Großteil der qualifizierten Bevölkerung und rücken in absehbarer Zeit immer näher an das Rentenalter heran. In den nächsten Jahrzehnten wird deshalb das Qualifikationsniveau der älteren Bevölkerungsteile, das heute bereits hoch ist, zwangsläufig weiter steigen. Sind diese stark besetzten und gut qualifizierten Jahrgänge aber erst einmal aus dem Erwerbsleben ausgeschieden, dürfte es den nachrückenden geburtenschwachen Generationen schon wegen des quantitativen Missverhältnisses schwer fallen, selbst in ausreichendem Maße den Ersatz zu stellen. Dieser Prozess ist bereits in vollem Gang, wird sich aber nach 2010/2015 deutlich beschleunigen.

Entwicklung des qualifikationsspezifischen Arbeitskräfteangebot bis 2015

Diese Entwicklungen kommen auch in der bereits erwähnten BLK-Studie zum Ausdruck. Nach dem Basisszenario dieser Projektion läge das Gesamtangebot an Erwerbspersonen (außerhalb von Bildung im Alter zwischen 15 bis 64 Jahren) im Jahr 2015 um knappe zwei Millionen niedriger als 1998 (vgl. Abb.7, s. PDF).

Ähnlich wie die Nachfrage wird sich zwar auch das Angebot in Richtung Höherqualifizierung entwickeln. Aber diese marginalen Veränderungen werden kaum dazu ausreichen, den steigenden Fachkräftebedarf der Wirtschaft zu befriedigen. Bereits bis zum Jahr 2015 ist nach der BLK-Projektion bei Erwerbspersonen mit Hochschulabschluss und in abgeschwächter Form auch bei denen mit abgeschlossener Berufsausbildung mit einer Mangelsituation zu rechnen, während das Angebot an Arbeitskräften ohne Berufsabschluss den Bedarf auch weiterhin übersteigen wird.

Diese Mangelsituation wird sich zwar noch in Grenzen halten, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass sich die heutige Personalpolitik in den Betrieben gravierend verändert. Denn es wird nicht nur der Frauenanteil an den qualifizierten Erwerbspersonen deutlich ansteigen. Auch die Altersstruktur insbesondere der akademisch und beruflich Qualifizierten wird sich massiv nach oben verschieben (vgl. Abb.8, s. PDF).

Zwar wird die Zahl akademischer Erwerbspersonen bis 2015 noch einmal um 0,5 Millionen zunehmen. Dieser Saldo setzt sich aber zusammen aus einem Zuwachs von fast einer Million bei den älteren hoch Qualifizierten und einem Minus von 0,5 Millionen bei den Jungakademikern. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei den beruflich qualifizierten Fachkräften. Bei den jungen und mittleren Altersgruppen wird ein Angebotsrückgang von rund drei Millionen erwartet, bei den älteren jedoch ein Zuwachs um etwa 1,3 Millionen.

Was bedeutet dies für die Altersstruktur? Von den hoch Qualifizierten wären im Jahr 2015 bereits 35 Prozent im Alter zwischen 50 bis 64 Jahren (1998: 24 Prozent) und gerade noch 19 Prozent jünger als 35 Jahre (1998: 28 Prozent). In abgeschwächter Form verhält es sich bei der mittleren Qualifikationsebene ähnlich.

Und auch die altersspezifischen Qualifikationsstrukturen halten einige Überraschungen bereit. Denn die 50- bis 64-jährigen Erwerbspersonen werden im Jahr 2015 die mit Abstand beste Qualifikationsstruktur aller hier betrachteten Altersgruppen aufweisen. Sie besitzen dann nicht nur die höchsten Akademikeranteile (22 Prozent), sondern auch die niedrigsten Ungelerntenquoten (9 Prozent).


Fußnoten

4.
Vgl. Alexander Reinberg/Markus Hummel, Langfristige Entwicklung des qualifikationsspezifischen Arbeitskräfteangebots und -bedarfs in Deutschland - Empirische Befunde und aktuelle Projektionsergebnisse, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (MittAB), (2002) 4.